Reproduktion der 2. Ausgabe Berlin 1924. - Eine gänzlich andere, eine fundamental neue Form der Beziehung des Besonderen aufs Allgemeine waltet in Goethes Naturbetrachtung, die von dem Urphänomen des Lebens ihren Ausgang nimmt. Darin zwar stimmt diese Betrachtung mit der wissenschaftlichen Physik überein, dass auch in ihr der Wert und die Kraft des Allgemeinen rückhaltlos anerkannt wird. Das Vergängliche, das zeitlich Wandelbare und Verfließende wird zum Gleichnis. Die morphologische Erkenntnis der Gestalten und des Gestaltenwandels, wie Goethe sie versteht, geht niemals im Sinnlich-Einzelnen oder in einem Analogon des Sinnlich-Einzelnen auf. [Auszug aus dem Buch]
Ernst Cassirer was one of the major figures in the development of philosophical idealism in the first half of the twentieth century, a German Jewish philosopher. Coming out of the Marburg tradition of neo-Kantianism, he developed a philosophy of culture as a theory of symbols founded in a phenomenology of knowledge.
The present volume Idee und Gestalt collects in convenient book format five outstanding essays published through the years by the German Jewish philosopher and man of letters, Ernst Cassirer. As one has every right to expect, Cassirer’s scholarship displays mastery in the extreme. Rather than dwell on generalities, let us launch into a commentary on four of the five essays reprinted here.
Goethes Pandora
This play occupies a singular place in his output, alongside numerous far better-known works like Faust, parts I and II. Goethe attempts something rather different from the usual run of his dramatic corpus, a mythological allegory that (so Cassirer) portrays in symbolic terms the rise and subsequent growth of culture and its entry into the world of man—an entirely abstract, non-dramatic theme! In as much as Goethe’s complex thoughts, honed over a lifetime, soar far above us ordinary mortals, it comes as a great relief to have in Cassirer a trustworthy guide to interpretation.
Pandora figures as a giver of gifts [Allbegabte, Allgebende], not the disastrous demoness of yore. The play reflects a peculiar Platonism, in which stress lies on immanence rather than on transcendence of the ideas, as ‘Form mitten in der Dynamik des Lebens, in der Gestaltung und Umgestaltung der Natur, im Rauschen der Welle und im Wandel und den sichtbaren Umrissen der Körper’ (p. 16) for which what is distinctive about his feeling towards the world is that, to him, ‘das Reich der reinen Gestalten nicht jenseit und über der Sinnenwelt sich erhebt, sondern daß es in ihr selbst lebendig und gegenwärtig ist’ (loc. cit.).
Education, in Goethe’s estimation, must be undertaken for the sake of the community [Bildung für die Gemeinschaft; cf. Faust II, Wanderjahre], which imparts to his ‘Altersdichtung und Altersweisheit den Stempel der Entsagung’ (p. 28). This reviewer judges Goethe’s execution in the named works not quite equal to his theoretical concept, but this must remain an aside; it impairs neither the ethical character of the notion nor Pandora itself. Cassirer’s summarizing judgment:
[Die Pandora] steht am Anfang des neuen künstlerischen Altersstils Goethes, – eines Stils, dessen Geheimnis darin besteht, daß er nicht nur die besonderen Lebenserscheinungen, sondern die allgemeinen Lebensmächte sichtbar werden und in geschlossenen Gestalten heraustreten läßt. Das Dringen auf das “Urbildliche” und “Typische”, das Goethes ganze klassische Periode kennzeichnet, ist in ihm aufs höchste gesteigert – aber es hat den Anschein einer fremden, dem Gegenstand selbst von außen aufgedrängenden Tendenz verloren, weil es sich mit der individuellen Weise des Sehens und Erlebens, von der Goethe beherrscht ist, rein und vollständig durchgedrungen ist. (p. 31)
Goethe und die mathematische Physik: Eine erkenntnistheoretische Betrachtung
Whatever one thinks of him as an artist, Goethe also contributed to the natural sciences. His theory of the ‘Urpflanze’ behind the metamorphoses of plants has been recognized by biologists to be essentially correct (see Stephen Jay Gould, The Structure of Evolutionary Theory, pp. 281-291; q.v. our review here). Although physicists after Maxwell sided with Newton against Goethe on the question whether sunlight can be analyzed into component colors, the latter did discover several novel phenomena in his Farbenlehre and found the field of the physiology of color vision. Goethe’s scientific work is of greatest interest for its methodology, however.
In this reviewer’s terms, what Goethe sees is that the intentionality of the scientist should be directed to grasping the system in its unity, what he calls the ‘Urphänomen’. Failure to recognize what is lost when, as in all physics since Galileo, one takes the preliminary step of mathematizing the problem and treating the phenomena solely in so far as they can be brought under the heading of quantity results in the ‘tragischer Einschlag’ of Goethe’s irreconcilable relation to mathematics and to mathematical natural science. But for Cassirer, ‘ein bloßes Entweder-Oder hier nicht auslangt’ (p. 37);
Denn Goethe war sich von dem Augenblick an, in der er die erste methodische Klarheit über seinen eigenen Weg gewonnen hatte, dessen völlig bewußt, daß die “Sinnlichkeit”, auf die er sich in seiner Naturbetrachtung und Naturforschung stütze, mit dem empirisch-sinnlichen Verfahren, daß man gemeinhin als Grundlage der beschriebenden Naturwissenschaften ansieht, in keiner Weise zusammenfällt. Er wußte und betonte, daß die Erfahrung immer nur die halbe Erfahrung sei; – daß, wie durch die Pendelschläge die Zeit, so erst durch das Ineinandergreifen und die Wechselbeziehung von Erfahrung und Idee die natürliche und die geistige Welt regiert werde. Auch wo er sich auf die Grundform seines reinen Schauens berief, underschied daher Goethe streng und bestimmt zwischen dem Sehen im Sinne der unmittelbaren Wahrnehmung und dem “Sehen mit Geistesaugen” (p. 41),
in sharp contrast with the modus operandi of the scientists, for whom,
Maßstäbe als die Grundeinheiten einmal gewonnen, so läßt sich jetzt alles, was die Wissenschaft vom Sein und von der Beschaffenheit eines Naturgegenstandes auszusagen vermag, zuletzt auf einem Komplex von Zahlen zurückführen, deren jede die Eigenschaft oder Zuständlichkeit des betrachteten Gegenstandes, nach irgend einer Hinsicht der Größenvergleichung, charakterisiert und festlegt. Die Gesamtheit dieser Zahlen – sofern wir sie als abgeschlossen denken – repräsentiert für den Physiker das Ding: ja sie ist ihm dieses Ding, sofern nur sie es ist, die in seine Erkenntnisse und Urteile, in seine Gesetze und Funktionsgleichungen eingehen kann. (p. 47)
The methodological difference between Goethe and natural science can be succinctly summarized:
Somit ist es ein bestimmtes Reihenprinzip, das Goethe, gleich dem mathematischen Physiker, in der Auffassung der Einzelerscheinungen durchführt und zur Geltung bringt; – aber wenn letzterer dieses Reihenprinzip dem Gebiete der Zahl, der abstrakten Grundform der Reihe überhaupt, entnimmt, so verlangt Goethe, die Reihe, auf die er alle übrigen bezieht, selbst noch als Lebensphänomen, als Gesetz und Rhythmus des konkreten Gesamtlebens der Natur, anschauen und sie sich in diesem Anschauen innerlich aneignen zu können. (p. 50)
Die Reduktion auf den Zahlwert aber läßt von der empirischen Einzelanschauung, mit der die physikalische Betrachtung beginnt, im qualitativen Sinne nichts zurück. Sie bestrebt sich, die anfänglichen qualitativen Werte in reine Stellenwerte zu verwandeln, die durch nichts anderes als durch ihre Beziehungen zu anderen Reihengliedern gekennzeichnet sind. (p. 57)
Goethe’s objective, on the other hand, was to honor both the particular [das Besondere] and the general [das Allgemeine]:
Das verfahren der exakten Wissenschaft besteht im wesentlichen darin, die sinnlich-empirische Mannigfaltigkeit des Gegebenen auf eine andere, “rationale” Mannigfaltigkeit zu beziehen und sie in ihr vollständig “abzubilden”. Aber um diese Umbildung in der logischen Form zu erreichen: dazu muß die mathematische Physik zuvor die Elemente umgestalten, die in diese Form eingehen sollen. Die Inhalte der empirischen Anschauung müssen erst in reine Größen- und Zahlwerte umgesetzt worden sein, ehe sich von ihnen ein gesetzlicher Zusammenhang aussagen läßt; denn die allgemeine Bedeutung und das Grundschema des Naturgesetzes selbst setzt die Form der Kausalgleichung voraus. Goethe dagegen verlangt eine neue Weise der Verknüpfung des Anschaulichen, die den Gehalt eben dieser Anschauung als solcher unangetastet läßt. Er fordert, daß die Elemente selbst synthetisch zusammengeschaut werden: während in der exakten Wissenschaft die Synthese nicht sowohl sie selber, als vielmehr die begrifflichen und numerischen Repräsentanten betrifft, die wir an ihre Stelle setzen. (p. 75)
Die mathematische Formel geht darauf aus, die Erscheinung berechnenbar, die Goethesche, sie vollständig sichtbar zu machen. (p. 78)
Cassirer’s evaluation of the standoff between Goethe and the scientists: we have to go outside the circle of language to a philosophy of symbolic forms in which the geistige Grundfunktionen complete a decisive synthesis of Geist and Welt (p. 69). The situation these days may be more promising than it was during the ascendancy of a crude materialism in the nineteenth century.
Methodik des Idealismus in Schillers philosophischen Schriften
Cassirer begins this essay with a contrast between Goethe and Schiller. For the latter,
Die “Kunstidee” ist und bleibt demgemäß die Richtlinie seiner philosophischen Betrachtung, von der er sich durch keine skeptischen und kritischen Einwände abdrängen läßt. Nur das Eine vermögen diese Einwände zu erreichen, daß er statt der unmittelbaren In-Eins-Setzung und Vermischung der theoretischen und ästhetischen Elemente nunmehr zwischen ihnen eine tiefere Vermittlung sucht, daß ihm nicht mehr unmittelbar die Welt als göttliches Kunstwerk erscheint, sondern, daß er im Bewußtsein, im System der geistigen Funktionen, eine neue Einheit zwischen Weltbetrachtung und Kunstbetrachtung zu gewinnen strebt. (p. 90)
What Schiller received from Kant:
Geistern wie Fichte und Schiller konnte die vorkantische Metaphysik diesen Dienst nicht leisten: denn ihnen mußte jede Formel, in der ein philosophisches System die Einheit der Welt auszusprechen versuchte, so lange leer und unfruchtbar scheinen, als sie nicht der Einheit ihres Wesens, der inneren Übereinstimmung in den verschiedenen Richtungen des geistigen Lebens und Schaffens versichert waren. Die Einheit, die sie erstrebten, sollte zugleich die Totalität diese Schaffens in sich schließen: und nur eine solche Grundkonzeption, die diese beiden Forderungen gleichmäßig erfüllte, konnte dem Anspruch genügen, den sie an die Philosophie stellten. (p. 94)
Cassirer encapsulates the divergence in methodology among these three men with the following adage:
In der Aufstellung des fundamentalen Gegensatzes von Stoff und Form, von Reziptivität und Spontaneität verfährt Kant als transzendentaler Analytiker, verfährt Fichte als absoluter Ethiker, verfährt Schiller als Dramatiker. (p. 102)
Why so? Drama alone portrays the interaction among these polar opposites; indeed,
Es genügt nicht, die Erkenntnis auf ihre letzten Bedingungen zurückzuführen und uns hierin der Tatsache ihrer systematischen Verknüpfung und ihrer systematischen Einheit zu versichern; sondern diese Einheit muß durch eine Tathandlung von uns erzeugt und festgestellt werdern. Wie die Einheit unseres Charakters, unserer sittlichen Persönlichkeit nur dadurch ist und nur darin besteht, daß sie sich in der Mannigfaltigkeit der widerstreitenden empirischen Antriebe stets von neuem herstellt – so muß auch die Einheit des Wissens, um wahrhaft Geltung zu haben, immer aufs neue genetisch hervorgebracht werden…. – denn wie Fichte so kam er auch von der Grundforderung der Freiheit her. Aber er kam zur Welt der Freiheit auf einem anderen Wege: er gewann and erobert sie sich erst ganz durch das Medium der künstlerischen Gestaltung. (p. 99)
Schiller’s educative philosophy traces a ladder from Stofftrieb to Formtrieb to Spieltrieb (p. 103), where, with the last, one restores at the level of self-consciousness the attitude of play he unconsciously enjoyed as a child.
Hölderlin und der deutsche Idealismus
Hölderlin, with his ‘Sehnsucht nach Griechentum’ (p. 116), has always stood apart among the great poets of German literature, as if ensconced at an unattainable mountain fastness. Cassirer delineates the purity and distinctiveness of his artistic vision thus:
Als Hölderlin als Einundzwanzigjähriger das Ἑν ϰαì πᾶν wählte und es seinem Freunde Hegel ins Stammbuch schrieb, da stand ihm vielmehr unverkennbar bereits eine andere Auslegung und Deutung vor Augen….Das Eine ist nicht die unendliche allumfassende Substanz, für die es keinen Wechsel und kein Werden gibt; sondern, es ist jenes Eins, das in sich selbst den Keim zur Vielheit und zum Wandel birgt: das ἕν διαφερόμενον ἑαυτῷ, wie es Hölderlin später im Hyperion, mit dem Worte des Heriklit bezeichnet. Von hier führt ihn schon früh der Weg zu Platon wieder: aber wieder ist es nicht der Logiker Platon, nicht der Kritker des Theaetet, der die Heraklitische Lehre vom Werden bekämpft und ihr die Lehre vom der Idee entgegensetzt, der ihn fesselt. Wie der Platonismus Shaftesburys und Winckelmanns, so ist auch der Platonismus Hölderlins ausschließlich auf die Erscheinung des Lebens und auf die Erscheinung des Schönens gerichtet. (p. 120)
Anyone who pores over Hölderlin’s lilting lyrical verse cannot miss its unique elegiac tone and mythic quality;
Der Mythos ist für Hölderlin kein bloß äußerliches allegorisches Sinnbild, in das sich der Gedanke bildet, sondern er bildet für ihn eine ursprüngliche und unauflösliche geistige Lebensform. Die mythische Phantasie ist kein bloßes Schmuckstück, das wir nachträglich dem Bilde der Wirklichkeit hinzufügen, sondern sie ist eines der notwendigen Organe für die Erfassung der Wirklichkeit selbst. In ihr findet er Welt und Leben erst wahrhaft erschlossen und gedeutet. Er hat die Naturgewalten als ursprüngliche mythische Gewalten gefühlt, noch ehe er sie sich benannt hat und sie begrifflich gegeneinander abgesondert hat….Wem der Mythos eine bloße, noch so “poetische” Erfindung ist – wer in ihm keine eigentümliche und notwendige Form ausgedrückt findet, der hat das Recht verwirkt, von ihm als Dichter Gebrauch zu machen. (p. 121)
A heavy accent falls upon a ‘tragische Weltanschauung’ (p. 127) which seems inescapable, given his premisses, for after all the gods have departed us, leaving a bleak world behind. ‘Denn nur indem er sich selbst, als begrenztes Individuum, hingibt und vernichtet, vernimmt der Dichter dieses Lebenslied der Welt. Er hat zu wählen zwischen der reinsten und höchsten Erfüllung seiner Aufgabe und seiner menschlichen Existenz’ (p. 151)—like Achilles at the close of the Iliad! There is a haunting sadness inherent in such a world-view of a man who was to spend the second half of his life fettered by the twilight of incurable madness: ‘Keine Vermittlung beschwichtigt den Gegensatz zwischen den Himmlischen, denen ewig der Geist blüht und den leidenden Menschen’ (p. 148).
To sum up: this reviewer invites the curious reader to consult these fine essays and to join with him in admiring Cassirer’s wonderful gift for full description and characterization of others’ intellectual positions in which their views always receive fair and sympathetic motivation, as well as an intelligent critical response—intellectual history at its peak! Let us therefore award Cassirer five stars for his supremely learned and polished scholarship that verges upon, though not quite entering into, being original in stature.