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Mein Leben als Hoffnungsträger

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Philipp hat gerade eine Lehre zum Mechatroniker abgebrochen und ist aus seiner WG rausgeflogen, weil die Mitbewohner seinen Putzfimmel nicht mehr tolerieren wollten. Als er sich an einer Tramhaltestelle die Zeit mit dem Auflesen von Stanniolpapieren vertreibt, wird Uwe auf ihn aufmerksam. Uwe ist Leiter des städtischen Recyclinghofs und sieht in Philipp sofort seinen neuen Hoffnungsträger. Auf dem Hof arbeiten auch Arturo und João, zwei Portugiesen, die aus dem Kreislauf der Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald auch Philipp gewinnen wollen - bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofes gehörig ins Wanken gerät.

Mit seinem vierten Roman ist Jens Steiner ein hintersinnig komisches Kammerspiel für vier Figuren gelungen, in dem die Generation »Weiß noch nicht« mit den Konsequenzen einer Warenwirtschaft konfrontiert wird, die Wachstum verspricht, während sich der Mensch im Überfluss selbst erstickt.

190 pages, Hardcover

Published August 4, 2017

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Jens Steiner

20 books

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Displaying 1 - 6 of 6 reviews
Profile Image for Miriam.
45 reviews17 followers
August 16, 2017
Ein leises Buch mit einer lauten Aussagekraft.
Eine einfache Sprache, die dennoch poetisch klingen kann.
Viele fragen sich wohl, ob man wirklich ein Buch lesen will, dass auf einem Recyclinghof spielt? Ich sage ja. Denn dieser Ort ist ja bloß die Kulisse und in Wahrheit geht es um die Menschen, die diesen ihren Arbeitsplatz nennen. Da hätten wir den Chef, Uwe, der mit allen immer gut auskommen will und der wohl seine ganz eigene Geschichte zu erzählen hätte, von der man im Buch leider nur minimal etwas erfährt. Die beiden Portugiesen João und Arturo, die nicht nur die Waren des Recyclinghofs sondern auch die deutsche Sprache auf ihre ganz eigene Art recyceln. Und dann natürlich Philipp, unseren Protagonisten, der noch immer nicht so recht weiß, was er vom Leben will oder vielleicht auch, was das Leben eigentlich von ihm will.


Die Charaktere sind gut gezeichnete Persönlichkeiten, in denen sich der ein oder andere wohl wiederfinden kann. Philipp gehört zu einer Generation, die teils nicht recht weiß, was sie mit sich anfangen soll und so lässt er sich treiben und schaut einfach, wo ihn der Weg hinführt. Genau so landet er auch auf dem Recyclinghof, da ihn Uwe eines Tages aufsammelt und zu seinem Hoffnungsträger, seinem Nachfolger erklärt. Erst im Laufe der Geschichte stellt Philipp für sich fest, dass er auch Entscheidungen für etwas und nicht nur gegen etwas treffen kann.


Eine Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Der Schluss hat mich ehrlich gesagt ein wenig überrascht oder zumindest hätte er das noch vor dem Lesen getan, denn im Laufe der Geschichte habe ich schon angenommen, dass es in etwa so ausgesehen wird. Und dann war es ja eher kein wirkliches Ende, sondern mal wieder ein Neuanfang....
Profile Image for yexxo.
924 reviews28 followers
August 20, 2017
Philipp, ein junger Mann Anfang 20, hat seine Lehre abgebrochen und wurde aus seiner WG geworfen - offenbar nicht gerade ein Hoffnungsträger unserer Gesellschaft. Doch Uwe, der Chef eines Recyclinghofes, sieht das anders. Er glaubt in ihm eine verwandte Seele zu erkennen und weiht ihn nach und nach in die Geheimnisse des Recycelns ein (Was ist der Unterschied zwischen Schrott und Altmetall? Altmetall ist nichteisernes Metall, Schrott hingegen eisenreich).
Philipp, der Ich-Erzähler in diesem Buch, ist eine ungewöhnliche Erscheinung in unserer Gesellschaft. Statt sich intensiv seiner Zukunftsplanung zu widmen (Karriere, Familie, Haus), lässt er das Leben geschehen und ist sein interessierter Beobachter. Es ist keine Lethargie, die ihn nicht antreibt, sondern vor allem das genaue Wissen darum, was er will und nicht will: sich und Andere unter Druck setzen. Insbesondere seine Eltern sind ihm, was den Druck betrifft, hierfür ein typisches Beispiel: „… sie (seine Mutter) denkt vielleicht, dass der Vogel es richtig macht, er zieht von Gelegenheit zu Gelegenheit, wachsam und frei, jedenfalls macht er es besser als sie, die diesen Lebensballast immerzu mit sich trägt, diese Ehe, diese Familie, dieses Haus und die tausend Verpflichtungen, weil man sich selbst oder irgendwem vor langer Zeit alles Mögliche versprochen hat …“. Oder sein Vater, der keinen Zwang auf ihn ausübt und nur das Beste für ihn will. Wobei er darunter aber etwas völlig anderes versteht als sein Sohn. „Es muss ihn (den Vater) innerlich zerreißen.“
Es mag so scheinen, als ob Philipp sich einfach durch sein Leben treiben lässt, doch er macht sich über sein Dasein und alles was dazu gehört, vermutlich mehr Gedanken als die meisten Menschen. Beispielsweise über seine Arbeit im Recyclinghof und die Leute, die dorthin kommen: "... es gibt noch jene, die vor Jahren im Ausverkauf 30 m Gartenschlauch ergattert haben, nur für den Fall. Doch der Fall ist nie eingetreten. Endlos viele Fälle treten nie ein. Ware bleibt unbenutzt liegen, Ware gerät in Vergessenheit, genau wie der Grund, weshalb sie einmal angeschafft wurde." Oder als er sich fragt „Doch wann … sind die Dinge nicht mehr die Dinge, die sie einmal waren? Irgendwann sind sie etwas Anderes geworden, aber an welchem Punkt haben sie angefangen, dieses Andere zu werden?“ … „All die Sofas, Bücherregale und Lampen waren auch einmal Hoffnungsträger, waren Teil eines Teams, … Jetzt sind sie hier gelandet, vergessen von der Welt und den Menschen, die sie loswerden wollten.“ Auch macht er sich immer wieder bewusst, wie gut es ihm geht: „Das Geräusch, das meine Stiefel auf dem Matsch machen, fasst die ganze Misere der Welt zusammen. Kein Grund, sich unglücklich zu fühlen, denke ich und schicke abermals ein Grinsen in Richtung Himmel.“ Grauenvolle Nachrichten, die sich irgendwo in der Welt während seines Lebens ereigneten, lässt er wiederholt in die Darstellung seines beschaulichen Daseins einfließen, umso ganz nebenbei die Prioritäten deutlich zu machen: „… und begreife, dass man als Ding über all das, was der Mensch erfindet, nur lachen kann: das Hoffnungsträgertum, Hühnerställe, Dessert-Cocktails, Recyclinghöfe, Kriege, die Kindheit, die Zukunft.“
Ein Mut machendes Buch für all jene, die sich wie Philipp fragen: „Warum muss man immer besser werden, warum immer noch ein Diplom erwerben, warum immer weiter dorthin streben, wo die Luft dünn ist, wo Stressjob und Haushypothek ständig die Hand an deiner Gurgel haben?“ Denn man sollte nie vergessen: „Am Anfang tut jeder, als sei er ein Unikum, am Ende sind wir alle ein einziger Brei.“ 😉
52 reviews1 follower
September 10, 2017
Philipp ist rastlos und kommt einfach nicht an. Seine Lehre hat er abgebrochen, seine Mitbewohner fanden er setzte sie zu sehr unter Druck… Und dann findet Philipp den Recyclinghof oder der Recyclinghof findet Philipp oder Uwe findet Philipp…


Ein Buch über Müll und Dinge und das Leben und Konsum und warum recyceln nicht das gleiche ist wie wegwerfen.

Mich hat diese Geschichte zum einen berührt und zum anderen auch ganz schön nachdenklich gemacht.


Der Schreibstil ist anders als sonst, man hat das Gefühl die Worte springen direkt aus Philipps Kopf auf das Papier. In der Sprache und den benutzen Begriffen spiegelt sich seine komische Art wieder. Er schmückt die Sätze nicht aus, sie sind schmucklos aber er achtet trotzdem auf Details an den anderen Menschen schon völlig abgestumpft täglich vorbei laufen. Dabei hat Phillip etwas von einem Kind auf Entdeckungsreise, eben so unbekümmert und ohne Ängste sieht er die Welt. Das alles hat ihn für mich zu einem äußerst interessanten und spannend-reizvollem Protagonisten gemacht.


Auch das drumherum der Handlung hat für mich einen wunden Punkt der Gesellschaft wunderbar beleuchtet. Auf dem Recyclinghof sehen wir durch die Augen von Philipp die rastlosen Menschen in ihrer Konsumsucht, fragen uns welches Gefühl die Konsumsucht ersetzt und worin der Wert der Dinge besteht, im haben wollen oder im sich sicher fühlen oder…


Ich konnte einiges dazu lernen, habe für mich Denkanstöße über meinen eigenen Konsum mitgenommen und wie schön ein Leben sein kann auch wenn man öfter mal die Richtung ändert.


Große Empfehlung!

Profile Image for Yvonne.
109 reviews16 followers
December 22, 2020
“Mein Leben als Hoffnungsträger” von Jens Steiner ist ein ungewöhnlicher Roman über den Alltag, und wer hätte gedacht, dass es möglich wäre den Alltag so spannend zu beschreiben!

"Mir ist nicht wohl dabei, weil Joãos Geschäft wie alle Geschäfte wachsen will, weil es wie jedes Geschäft die Weltherrschaft anstrebt. Ich aber will keine Herrschaft, ich will im dunklen Dickicht der Gegenwart bleiben. Mir gefällt es hier. Warum muss man immer besser werden, warum immer noch ein Diplom erwerben, warum immer weiter dorthin streben, wo die Luft dünn ist, wo Stressjob und Haushypothek ständig die Hand an deiner Gurgel haben? Ich verstehe es nicht und will es nicht verstehen."


Nachdem Philipp seine Lehre zum Mechatroniker abgebrochen hat und aus seiner WG rausgeschmissen wurde, weil die Mitbewohner seinen Putzfimmel nicht mehr tolerieren wollten, vertreibt er sich die Zeit an einer Tramhaltestelle die Zeit mit dem Auflesen von Stanniolpapieren. Dabei wird Uwe, der Leiter des städtischen Recyclinghofs auf ihn aufmerksam, und nimmt ihn unter seine Fittiche. Uwe nennt Philipp seinen neuen Hoffnungsträger und zeigt ihm alles, was es auf dem Recyclinghof zu wissen gibt. Phillipp wirkt mehr wie ein interessierter Beobachter als ein Teilnehmer des Lebens, denn er lässt das Leben einfach geschehen.

Zu den "Fantastischen Vier" des Recyclinghofs gehören noch Arturo und João dazu, zwei Portugiesen, die aus den abgegeben Waren ihren eigenen, nicht ganz legalen Nutzen ziehen, für den sie bald auch Philipp gewinnen wollen – bis ihnen ein Großprojekt aus dem Ruder läuft und die aufgeräumte Welt des Recyclinghofes gehörig ins Wanken gerät.

Es ist einfach unglaublich spannend die Gedanken von Philipp mitzuverfolgen, weil sie so wunderschön lyrisch dargestellt werden.


Klare Leseempfehlung von mir, denn auch das Ende ist nicht 08/15 😉
Profile Image for Estrelas.
1,042 reviews
June 3, 2021
Philipp hat für sein Leben noch nicht den rechten Sinn gefunden. Das ändert sich, als er von Uwe entdeckt und in die Arbeit auf dem Recyclinghof eingeführt wird. "Ich selber weiß zwar auch nicht, ob man recyclen oder recyceln schreibt, doch wie die Sache funktioniert, umso besser. Uwe hat es mir gründlich beigebracht. Ich bin schließlich sein Hoffnungsträger." Das Setting alleine würde schon für ein außergewöhnliches Buch reichen. Aber dann gibt es auch noch die schrägen Charaktere (z.B. Philipps Arbeitskollegen, zwei Portugiesen, die kreativen Nebentätigkeiten nachgehen), die Dialoge (alleine wie der Chef den Mitarbeiter João ständig als Schau bezeichnet, ist zum Brüllen komisch) und allem voran die Sprache, mit der der Autor die Dinge auf den Punkt bringt. Das ist solch ein Vergnügen, dass es kaum stört, dass handlungsmäßig nicht viel passiert. Liebenswerte Charaktere gepaart mit intelligentem Humor - das war für mich eine wunderbare Mischung.
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