Am Anfang steht ein Autounfall. Sie überlebt, aber die Schmerzen wollen einfach nicht vergehen. Bis ihr eine Freundin die Telefonnummer eines gewissen Pierre Mercier anvertraut. Der habe schon einer Menge Leute geholfen, lass dich von ihm anschauen, sagt die Freundin. Die Behandlung dauert keine Stunde, und Monsieur Mercier verabschiedet sich heiter, eine weitere Behandlung sei nicht nötig. Auf unbestimmte Weise scheint er mit ihr verbunden, wie eine Gestalt aus ihrer Vergangenheit. Beim Hinausgehen wirft sie einen beiläufigen Blick auf das Schild neben seiner Eingangstür, auf dem sich Mercier als Therapeut für Mikrokinesie ausweist, und plötzlich erinnert sie sich an ein Detail aus ihrer Kindheit: eine kleine Figur, mit der vergessene Geschichten, die sie erlebt oder gelesen hat, schmerzvoll zu ihr zurückkehren. - Birgit Vanderbekes Heldin sucht die Befreiung von ihrer Familie - und erkennt erst spät, dass Gewalt allgegenwärtig ist.
Birgit Vanderbeke was a German writer. Vanderbeke grew up in Frankfurt am Main after her family moved to West Germany in 1961. She studied Law, Germanic and Romance languages. The English translation of her debut novel, Das Muschelessen, by Jamie Bulloch was published in 2013 by Peirene Press as The Mussel Feast. Since 1993 she has been living in southern France.
Ich stand in der Stadtbücherei auf der Suche nach einer Autorin mit V vor dem entsprechenden Regal und begutachtete das dünne Sortiment. Solche Momente, bei denen ich frage, auf was für eine Challenge-Schnapsidee ich mich da wieder eingelassen habe. Vanderbeke? Ich kenn dich nicht, aber dein Klappentext war noch am Vielversprechensten.
Und dann so was! Ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte, weil der Schreibstil der Autorin einfach fesselte, ich das Gefühl hatte, Frau Vanderbeke sitze vor mir und erzähle mit viel Herzblut die Geschichte ihre Kindheit, ihrer Eltern, den Schlägen, dem Misstrauen, den Streitigkeiten und dem allseitigen Verschließen der Augen vor der Wahrheit. Es ist wie in einer Psychotherapie, bei der die Autorin die Patientin ist und ich von der Rolle des Lesers und die des Zuhörers schlüpfe. Sie schreibt dabei ganz bewusst so, wie sie auch in einer emotional aufgewühlten Art reden würde, teilweise ohne Punkt und Komma, oft kindlich naiv mit Wiederholungen, aber immer mit so viel Engagement, dass es mir als Zuhörer immer beklemmender wurde.
Nun, was ist Frau Vanderbeke denn schlimmes passiert, dass es wert wäre, in einem Roman verpackt zu werden? Das fragt sich die Autorin auch und führt immer wieder Weltgeschehen auf, das viel größer und bedeutender war, als ihre Kindheit sowie das Schicksal anderer Kinder, welches noch viel schlimmer gewesen sein musste. Ein schlagender Vater, eine autoritäre Erziehung in den 60ern, eine Mutter, die die starke Hand des Vaters am Abend für das Kind einfordert. Eine Kindheit, die bestimmt keine Seltenheit zu dieser Zeit war. Doch auch diese Kindheit hinterlässt Narben, die bis in das Alter andauern und die man aktiv angehen und pflegen muss, um die Schmerzen hieraus zu lindern. Du musst auf dich selbst aufpassen, es tut sonst kein Anderer. Das ist die Botschaft.
Die Autorin ist zwar ein paar Jahre älter als ich, im Alter meines Bruders, vieles kam mir aus meiner Familie auch bekannt vor, vielleicht hat es mich deswegen so bewegt. Ich bewundere ihre Kraft, wie sie offensichtlich als selbstbewusste Frau aus dieser Kindheit hervorging. Am Ende entschuldigt sie sich fast beim Leser dafür, dass es nicht mehr zu berichten gab, aber das ist grundlos. Letztlich zeigt das Buch, wie alles Erlebte in der eigenen Geschichte und in der Geschichte der Familie zusammenhängt und dass so manches erst einem mit vielen Jahren Abstand klar wird.
Ein erschütterndes, beklemmendes und auch grandioses Werk über Gewalt, Schmerz und vor allem über das Schweigen.
Wow, was für ein Buch. Voller Wort- und Erzählgewalt erzählt Birgit Vanderbeke in ihrem Roman „Wer dann noch lachen kann“ von der eigentlich traumatisierenden Kindheit Karlines, die diese als „Pech“ bezeichnet. Karlines Vater schlägt sie grün und blau, obwohl er seine Tochte ja eigentlich nicht „kaputt schlagen“ möchte – manchmal erfordert es eben einfach die „väterliche Hand“, das sagt zumindest ihre Mutter, die bei solchen Episoden dann in die Küche geht und das Radio laut dreht. Ihre Mutter möchte die kleine Karline am liebsten auch mit allen möglichen Medikamenten ruhig stellen, um ihr jegliche Fantasie auszutreiben. Karline tut, was ein Kind in einer solchen Zeit tun muss: Sie flüchtet sich in Fantasiewelten. Dort hört sie eine tiefe Stimme, die ihre eigene sein muss. Daraus schließt sie, dass es für sie eine Zukunft geben muss. Also hält sie weiterhin die Züchtigung und das Vollstopfen mit Medikamenten aus und hofft auf bessere Zeiten. Als Karline eines Abends blutend in ihrem Bett aufwacht, entdeckt sie auf ihrem Nachttisch den Mikrochinesen, der zu dem Ganzen nur zu sagen hat: „Wer dann noch lachen kann“.
"Nicht, dass mein Vater mich tatsächlich kaputt geschlagen hätte, sonst wäre ich ja gestorben, aber ich wusste nie so ganz, ob er selber wusste, wann aus dem Schlagen Kaputtschlagen wurde."
Die vollständige Rezension findet ihr auf meinem Blog: https:://killmonotony.de
Was für ein wundervoll geschriebenes, schreckliches, schönes Buch. Den Inhalt zu verraten hilft nicht, es lässt sich am besten aufnehmen indem man es aufsaugt und in einem Satz durchliest und das alles auf sich wirken lässt. Birgit Vanderbeke kann mit Sprache einfach wundervoll umgehen.
Wer dann noch lachen kann ist ein typischer Vanderbeke Roman: er liest sich einfach so weg. Man braucht gar nicht viel dabei nachzudenken-die Geschichte ist absoluter flow. Bin mal wieder begeistert.
Wer dann noch lachen kann ist die Fortsetzung von Ich freue mich, dass ich geboren bin, und zu Beginn des Buches findet man sich als Leser wieder in der von körperlicher und seelischer Gewalt geprägten Kindheit der Erzählerin im Westdeutschland der 1960er-Jahre. Der Vater schlägt und misshandelt das Mädchen, und obwohl es an keiner Stelle explizit gesagt wird, ist auch davon auszugehen, dass er seine Tochter sexuell missbraucht. Die Mutter lässt ihn gewähren und unterstützt sein Handeln durch ihre Untätigkeit. Die Erzählerin flüchtet sich aus der unerträglichen Realität in eine Traumwelt, in der ihr erwachsenes Ich auf sie aufpasst und sie mit Figuren aus Büchern spricht.
Später springt der Roman ins Erwachsenenalter der Erzählerin, die nun verheiratet ist, in Frankreich lebt und seit einem Unfall unter ständigen Schmerzen leidet. Sie sucht einen gewissen Monsieur Mounier auf, einen betagten Mikrokinesitherapeuten, der die körperlichen Beschwerden seiner Patienten auf in der Kindheit erlittene Traumata zurückführt. Und so wird der Erzählerin klar, dass das Erlebte nicht vorbei ist und daher nicht verdrängt werden darf, sondern dass sie sich damit auseinandersetzen muss, wenn sie in ihrem Leben Frieden finden will.
Wer dann noch lachen kann ist ein oberflächlich leicht zu lesendes Buch, das jedoch in seiner Thematik sehr bedrückend ist. Die Lieblosigkeit und die körperlichen Misshandlungen, die die Erzählerin in ihrer Kindheit erfährt, sind bisweilen nur schwer erträglich, auch wenn diese so gut wie nie explizit beschrieben werden. Die Erzählerin scheint bis ins Erwachsenenalter hinein nicht in der Lage zu sein, dass Erlebte direkt beim Namen zu nennen, weshalb vieles unausgesprochen bleibt, aber immer im Unterton mitschwingt. Stattdessen beschreibt sie viele eher belanglose Begebenheiten aus ihrer kindlichen Erlebniswelt teilweise sehr ausführlich und detailliert, wodurch man als Leser manchmal etwas den roten Faden und auch ein wenig das Interesse an der Geschichte verliert. Wettgemacht wird dies jedoch immer wieder durch die realistische Vermittlung der bedrückenden Stimmung innerhalb der Familie, die manchmal fast körperlich spürbar wird. Treffenderweise lautet daher einer der am häufigsten im Buch vorkommenden Sätze auch: „Es dreht einem den Magen um.“
Insgesamt ein lesenswertes Buch, wenn auch nicht das beste von Birgit Vanderbeke.
Ein dünnes, leichtes Buch wenn man es von außen betrachtet - eine schwere, tiefgreifende Geschichte von innen.
Es ist unfassbar, wie gut es der Autorin gelingt kindliche Naivität und Unschuld in Worte zu übersetzen. Ich konnte darüber nur traurig den Kopf schütteln.
Wer selbst mit diesen Themen konfrontiert ist oder in seiner Kindheit war, wird von Vanderbekes Sprache noch ergriffener sein.
Kein Buch für zwischendurch, denn es ist mittendrin und unverfälscht.
die Kindheit der Protagonistin muss zum Fürchten gewesen sein--diese Eltern! Es wird zwar immer nur angedeutet, aber man erfährt trotz dem alles. Die Heilung klingt etwas unwahrscheinlich