Anders als viele frühere Generationen sehen wir heute in Martin Luther nicht nur den Erleuchteten, den Wegweisenden oder den Durchsetzungsstarken, sondern gerade auch den Suchenden, den Zweifelnden, den Zerrissenen, den vom Teufel Gemarterten oder den fanatisch Hasserfüllten. Auch das Bild des hammerschwingenden Geistes- und Glaubensheroen, der - umgeben von einer bewundernd aufschauenden Menschenmenge - mit dem Thesenanschlag von Wittenberg 1517 ein neues Zeitalter einläutet, ist eine geniale Erfindung aus späteren Zeiten, die der komplexen Wirklichkeit nicht standhält.