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Die Poesie der Klasse: Romantischer Antikapitalismus und die Erfindung des Proletariats

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Mit der Durchsetzung des Kapitalismus und der Industrialisierung entsteht im frühen 19. Jahrhundert aus verarmten Handwerkern, städtischem Pöbel, umherziehenden ländlichen Unterschichten, bankrotten Adligen und nicht zuletzt freigesetzten prekären Intellektuellen jenes neue soziale Kollektiv, das man in der Sprache der Zeit bald das Proletariat nennen wird. Allerdings existierte dieses zunächst noch nicht als formierte, homogene Klasse mit angeschlossenen politischen Parteien, die den Weg in die bessere Zukunft vorgeben. Die buntscheckige Erscheinung, die Träume und Sehnsüchte dieser allen ständischen Sicherheiten entrissenen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in romantischen Novellen, Reportagen, sozialstatistischen Untersuchungen, Monatsbulletins. Doch schon bald wurden sie – ungeordnet, gewaltvoll, nostalgisch, irrlichternd und utopisch, wie sie waren – von den Vordenkern der Arbeiterbewegung als reaktionär und anarchisch verunglimpft, weil sie nicht in die große lineare Fortschrittsvision passen wollten. In seiner bahnbrechenden Studie verhilft Patrick Eiden-Offe dem lange verdrängten romantischen Antikapitalismus zu seinem Recht und befreit die Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts aus ihren eindimensionalen Sichtachsen. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass die historische, poetisch besungene unordentliche Klasse den heutigen Figuren von Prekarität nach dem Ende der alten Arbeitsgesellschaft verblüffend ähnlich ist.

581 pages, Kindle Edition

Published August 4, 2017

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Patrick Eiden-Offe

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Profile Image for Susi Sni.
44 reviews11 followers
March 23, 2018
Eiden-Offe untersucht romantische Literatur, aber auch Zeitschriften-Formate, Gesellenlieder und frühsozialistische Theoriebildung und fragt danach, wie die Texte mit der umgreifenden Proletarisierung umgehen. Denn bevor die große marx’sche Analyse zur Verfügung steht, ist keineswegs selbstverständlich, wer etwa zur proletarischen Klasse gehört und wie die Umwälzung der Gesellschaft zu verstehen und sinnvoll anzugreifen ist. Die Arbeiterklasse konstituiert sich aus einer sehr heterogenen Gemengelage und ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch wesentlich inklusiver als in ihrer starren, organisierten Form von 1870 bis 1970.

Eiden-Offe rehabilitiert den vermeintlich regressiven romantischen Antikapitalismus, indem er die 'Erfindung von Traditionen' als notwendigen Zwischenschritt im Erkenntnisgewinn auffasst, für den es zunächst einmal eine gemeinsame (Bild)Sprache brauche.

Insgesamt war die Lektüre für mich interessant und lehrreich, weil ich mich bisher wenig mit den Arbeitskämpfen des Vormärz befasst habe. Besonders aufgesogen habe ich das Unterkapitel zur Rolle von Proletarierinnen in der Arbeiterbewegung: Eiden-Offe erklärt beispielsweise, dass die Kämpfe um bessere Arbeitsbedingungen eng zusammenhingen mit der Forderung nach einem Familienlohn und der Durchsetzung des bürgerlichen Kleinfamilien-Modells unter den ArbeiterInnen, so dass die Proletarierinnen nach den Arbeitskämpfen deutlich stärker an die Familie gebunden waren als noch vor der Industrialisierung.

Gut lesbar für alle, die es interessiert - nicht nur als Fachliteratur!
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