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Spielformen des Erzählens #4

Der Ungeborene oder Die Himmelsareale des Anselm Kiefer

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Fand Claude Monet noch in seinem berühmten Garten mit den Seerosenteichen die Inspiration zur Vollendung seines Lebenswerkes, so scheint Anselm Kiefer die Neuerschaffung von Himmel und Erde für sich zu beanspruchen. Die eindrucksvolle Begegnung mit dem "Meister aus Deutschland" hat der österreichische Autor Christoph Ransmayr in einem eigenen Kunstwerk festgehalten: Der Ungeborene oder die Himmelsareale des Anselm Kiefer. Ransmayr, bejubelter Autor von Die letzte Welt und Morbus Kitahara, schreibt auf Einladung über Kiefer, ohne sich selbst fremd zu werden.
"Er sei, ... nach einer vollendeten Arbeit froh, manchmal froh, aber nie, niemals! zufrieden, sondern er müsse immer gleich weiter, immer weiter wie jeder, der noch nicht angekommen ist, ja vielleicht noch nicht einmal ganz zur Welt gebracht sei...", zitiert Ransmayr seinen Gastgeber. Der international arrivierte Künstler, einst Schüler von Joseph Beuys, waltet auf seinem Grundstück in Südfrankreich, als müsse er die Geschichte neu erfinden. Kiefer schürft die Erde mit Bulldozern, kocht Felsbrocken in Blei, malt überdimensionale Himmelsbilder, gräbt erleuchtete Tunnel, baut Häuser aus Glas, um später vielleicht alles wieder sich selbst zu überlassen.
Ransmayrs Geistesverwandtschaft mit Kiefer bezüglich elementarer Bilderschaffung lässt ihn nicht nur in realiter Kiefers Spuren folgen. Wortgewaltig verdichtet er dessen Ansinnen, die Erde in Form und den Himmel auf Bilder zu zwingen und mit Mythen auszustatten. Die Beschreibung des wilden Gartens in den Cevennen und eines immer an der Grenze zur letzten Konsequenz arbeitenden Künstlers - "so brachial wie das Leben selbst" - ist schlichtweg grandios.
Ursprünglich ein Katalogbeitrag, kann Ransmayrs Text durchaus für sich alleine stehen. Dennoch wird die Dimension der kongenialen Symbiose von Literatur und bildender Kunst erst schaubar im Wort und Bild umfassenden Katalog (Anselm Kiefer. The Seven Heavenly Places). Die Annäherung zweier Meister ihres Faches lässt jede kunsttheoretische Analyse verblassen und bietet puren Ransmayr-Fans genussvolle Horizonterweiterung.
--Beatrice Simonsen

30 pages, Hardcover

First published July 1, 2002

8 people want to read

About the author

Christoph Ransmayr

42 books128 followers
Born in Wels, Upper Austria, Ransmayr grew up in Roitham near Gmunden and the Traunsee. From 1972 to 1978 he studied philosophy and ethnology in Vienna. He worked there as cultural editor for the newspaper Extrablatt from 1978 to 1982, also publishing articles and essays in GEO, TransAtlantik and Merian. After his novel Die letzte Welt was published in 1988 he did extensive traveling in Ireland, Asia, North and South America. In 1994 he moved to West Cork, Ireland, as a friend offered him to lease a splendid house at the Atlantic coast for a very affordable rent, and also because of the artists exemption in the Irish income taxation. In 1997 Ransmayr read his short story Die dritte Luft oder Eine Bühne am Meer, written for this occasion, as keynote speech for the Salzburg Festival. After his marriage in the Spring of 2006 Ransmayr returned to live in Vienna.

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Profile Image for Co_winterstein.
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April 27, 2024
Kurzer Leseeindruck zu "Der Ungeborene oder die Himmelsareale des Anselm Kiefer"

In Christoph Ransmayr Essay über Anselm Kiefer beschreibt er einen nächtlichen Spaziergang durch dessen Privatgelände in Barjac, Frankreich, auf dem Kiefer eine alte Seidenfabrik in ein monumentales Atelier mit Anbauten verwandelt hat.

Der frisch gebaggerte Weg führt unter dem Licht der Sterne vorbei an bleiernen Buchseiten im Gestrüpp, an ruinenartigen hohen Türmen, einem auf dem Kopf stehenden Haus, das Kiefer von einem Kran hat "auf das Dach" fallen lassen und monumentalen Sonnenblumen, in Mänteln aus Gips gehüllt, bis die Besucher (oder besser Wanderer) schließlich auf eine von Kiefer auf Knopfdruck hellerleuchtet Reihe von Glashäusern treffen und ihre Reise unter deren Streulicht fortsetzen.
Ransmayr setzt sich während des Spaziergangs gedanklich mit Kiefers Kunst auseinander, bezeichnet sein Werkzeug, all die Baumaschinen, Äxte, Flammenwerfer, als "alles, womit einer ein Land zu seinem Land und die Welt zu seiner Welt macht."
Die monumentalen Bauten und menschenleeren Landschaften, die mächtigen Gesten der Eroberung verweisen doch (und so habe ich es auch in der Ausstellung in Holland begriffen) auf eine Kunst, die immer wieder den vernichtenden Lauf der Zeit im Blick hat.

Ransmayrs Sprache habe ich in diesem Text als sehr poetisch empfunden, fast wie in einem Langgedicht.

Unbedingte Leseempfehlung für Kiefer-Fans!

#backlist : Erschienen 2002 im S.Fischer Verlag
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