»So sehr Heimat auf Orte bezogen ist, Geburts- und Kindheitsorte, Orte des Glücks, Orte, an denen man lebt, wohnt, arbeitet, Familie und Freunde hat - letztlich hat sie weder einen Ort, noch ist sie einer. Heimat ist Nichtort, ου τοπος, Heimat ist Utopie.«
Bernhard Schlink is a German lawyer, academic, and novelist. He is best known for his novel The Reader, which was first published in 1995 and became an international bestseller. He won the 2014 Park Kyong-ni Prize.
Richtig verstanden ist das Recht auf Heimat das Recht auf einen Ort, an dem man wohnt und arbeitet, Familie und Freunde hat. Diese Recht ist alles andere als Ideologie. Es ist, wie Hannah Arendt überzeugend dargestellt hat, das Menschenrecht schlechthin. Es geht allen Rechten auf Freiheit, Gleichheit und Glück voraus. Es ist das Recht auf anerkannte Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft, ohne das die anderen Rechte nichts wert sind und das Leben in der Wohnung und bei der Arbeit, mit der Familie und den Freunden prekär bleibt. Staatenlose Flüchtlinge, Vertriebene, displaced persons, Insassen von Internierungs- und Konzentrationslagern sind dieses Rechts regelmäßig beraubt. Diese Rechtlosigkeit ist die eigentliche, die letzte, die zerstörerische Heimatlosigkeit. Auch hier wird das Entscheidende an seinem Fehlen deutlich. Daß Heimat mit der Anerkennung und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft beginnt, wird sichtbar, wo die Anerkennung fehlt. (S.40f)
... die Erfahrung, in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt zu sein, ist so alt wie das Christentum, und die Erfahrung von Heimatverlust, Heimatsuche und Heimatlosigkeit so alt wie das Judentum. Aber selbst wenn die unverrückbare und selbstverständliche Heimat der Vergangenheit keine Projektion, sondern historischer Befund ist - sie ist unwiederbringlich. In der Zukunft, in der die Dimensionen des Lebens immer globaler werden, wird jeder Ort des Lebens verrückt werden können und sich kein Ort des Lebens von selbst verstehen. Bis auf den Ort der Geburt und den Ort der Kindheit. Sie werden die Orte bleiben, denen sich Heimatgefühl, Heimaterinnerung und Heimatsehnsucht vor allem verbinden. (49f)
Widerlegt unwissentlich den Begriff der Heimat als ein Ort. Besteht nachdem darauf, dass die Heimat eines bestimmten Ortes bedarf. Überhaupt nicht durchdacht und geradezu wahnhaft.
SCHLINK, Bernhard: „Heimat als Utopie“, Frankfurt 2000 Schlink versucht in dieser Broschüre – es ist nur ein kleines Buch – dem Begriff Heimat auf den Ursprung zu folgen. So kommt er zu einer Veränderung des Begriffs Heimat: „Wir wuchsen mit der Vorstellung auf, nach den um den Platz an der Sonne, den Lebensraum geführten Weltkriegen sei Nationalismus historisch erledigt, der Nationalstaat löse sich in europäische oder atlantische politische Zusammenhänge auf, Heimat sei überall und nirgends…“ (Seite 15) Ein örtlicher Wechsel ist heute auch leichter möglich, weil alle Orte der Welt uniformiert sind. Städte sind „mit den gleichen Steinen gepflastert und mit den gleichen Lampen, Bänken und Pollern bestückten.“ Fußgängerzonen haben dieselben „Geschäfte, die gleichen Filialen derselben Ketten“. Schlink wartet auch mit Statistiken auf und nach denen sehen die Deutschen hinter dem Begriff Heimat: 31 % den Wohnort 27% den Geburtstort, 25% die Familie, 6% die Freunde und 11% das Land. Dichter wie Heinrich Heine sehen „Heimat“ verklärt – mehr Traum als Wirklichkeit. „Am intensivsten wird sie erlebt, wenn man weg ist und sie einem fehlt; das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh.“ (Seite 32) In vielen Teilen der Welt – wie etwa am Balkan – wollen einzelne Ethnien ihre Heimat nicht mit anderen Ethnien teilen. Mehrheiten wollen Minderheiten beherrschen und vertreiben. Bernhard Schlink ist Dichter und Jurist. Als Jurist kommt er zu dem Schluss, dass Menschen ein Recht auf Heimat haben. (Hinterbrühl, 02.06.2012)