Jump to ratings and reviews
Rate this book

Prosawerke in Einzelausgaben, Audio-CDs, Teil.9, Lilienthal 1801, 2 Audio-CDs

Rate this book
"Lilienthal 1801 oder Die Astronomen" sollte Arno Schmidts größter Roman werden, gegen den "Zettel's Traum" nur eine Handübung sei. Über 1.500 DIN-A-3-Seiten sollte er umfassen und in vier Spalten gesetzt sein; an drei oder vier Tagen sollte er spielen, in Lilienthal, einem Dorf nordwestlich von Bremen, wo der Astronom Schröter damals das größte Fernrohr des europäischen Festlands besaß und umfangreiche Mondforschungen betrieb. Fragen der Zeitgeschichte wären unter den handelnden Personen besprochen worden, ebenso wie solche der Philosophie und des Alltagslebens. Über 20 Jahre gedanklicher und praktischer Vorarbeiten hatte Schmidt investiert, das Thema verworfen und wieder aufgenommen; aber als er, ermuntert von Jan Philipp Reemtsma, der mittlerweile sein Förderer geworden war, das Werk endlich angehen und die Titanenarbeit von zehn, zwölf Jahren beginnen wollte, starb er kurz nach dem Fassen des Vorsatzes. "Lilienthal 1801" wurde nicht geschrieben, aber aus den vielfältigen Materialien, Vorstudien, Skizzen, Tagebucheinträgen usw. ist ein bemerkenswertes äusserst spannendes Feature geworden, das nicht nur zu Arno Schmidts "Opus manum", sondern darüber hinaus zur Frage, wie Literatur überhaupt entsteht, beredtes Zeugnis ablegt. "Aus diesem disperaten Material ist jetzt ein geschickt arrangiertes Hörbuch entstanden... Wir erfahren viel über den Autor und seine ewigen Umkreisungen des Lilienthal-Stoffes..." Frankfurter Allgemeine Zeitung

Audio CD

Published November 1, 2001

Loading...
Loading...

About the author

Arno Schmidt

241 books222 followers
Arno Schmidt, in full Arno Otto Schmidt, (born January 18, 1914, Hamburg-Hamm, Germany—died June 3, 1979, Celle), novelist, translator, and critic, whose experimental prose established him as the preeminent Modernist of 20th-century German literature.

With roots in both German Romanticism and Expressionism, he attempted to develop modern prose forms that correspond more closely to the workings of the conscious and subconscious mind and to revitalize a literary language that he considered debased by Nazism and war.

The influence of James Joyce and Sigmund Freud are apparent in both a collection of short stories, Kühe in Halbtrauer (1964; Country Matters), and, most especially, in Zettels Traum (1970; Bottom’s Dream)—a three-columned, more than 1,300-page, photo-offset typescript, centring on the mind and works of Poe. It was then that Schmidt developed his theory of “etyms,” the morphemes of language that betray subconscious desires. Two further works on the same grand scale are the “novella-comedy” Die Schule der Atheisten (1972; School for Atheists) and Abend mit Goldrand (1975; Evening Edged in Gold), a dream-scape that has as its focal point Hiëronymus Bosch’s Garden of Earthly Delights and that has come to be regarded as his finest and most mature work.

Schmidt was a man of vast autodidactic learning and Rabelaisian humour. Though complex and sometimes daunting, his works are enriched by inventive language and imbued with a profound commitment to humanity’s intellectual achievements.

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
2 (100%)
4 stars
0 (0%)
3 stars
0 (0%)
2 stars
0 (0%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Matt.
752 reviews641 followers
June 27, 2017
„Nichts, Niemand, Nirgends, Nie“

So hätte er wohl anfangen mögen, dieser Roman von Arno Schmidt, den dieser aber nie geschrieben hat und Lilienthal 1801 oder Die Astronomen wäre sein Name gewesen. Diese vier Negationen klingen also rückblickend fast schon prophetisch. Leider!

Die Idee zu diesem Werk kam Arno Schmidt bereits Mitte der 1950er Jahre. Lilienthal; das ist ein Ort unweit der Stadt Bremen, an dem sich Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine weltbekannte Sternwarte befand. Gegründet und geleitet wurde dieses Observatorium von Johann Hieronymus Schroeter. Dieser sollte auch eine der Hauptpersonen von Schmidts Roman werden. Dazu kommen der Inspektor und Hauslehrer Karl-Ludwig Harding, der preußische Oberst Christian Freiherr von Massenbach, sowie Adrienne Robillard de Champagne, eine Französin, selbst Astronomin, die auf abenteuerlichen Wegen aus den Wirren der französischen Revolution ihren Weg nach Lilienthal gefunden hat. Um diese vier Personen also (und einigen weiteren Nebendarstellern) hätte sich die Geschichte gerankt und sie hätte stattgefunden an zwei oder drei Tagen im Herbst 1801. Ursprünglich war Lilienthal als Kurzroman mit einem Umfang von 150 bis 175 Seiten konzipiert, aber am Ende schätzte Arno Schmidt den Umfang eher auf 1.500 vierspaltige DIN-A3 Seiten, und das Werk wäre damit also noch umfangreicher ausgefallen als Zettel’s Traum.

Also ich hätte es gelesen.

Genug der Konjunktive. Das vorliegende Audiobuch nimmt die – eigentlich unmögliche – Aufgabe in Angriff, einen ungeschriebenen Roman potentiellen Nicht-Lesern nahezubringen; und schafft es. Auf 2 CDs (insgesamt etwa 100 Minuten) collagieren die Herausgeber aus dem, was über Lilienthal bekannt ist, eine, wie ich finde, vortreffliche Darstellung. Die zugrunde liegenden Informationen über das Buch sind nicht eben wenige. Von Arno Schmidt ist ja bekannt, dass er, bevor ein Buch tatsächlich geschrieben wird, akribisch rescherschiert und viele Einfälle und Notizen in seinen berühmten Zettelkästen anhäufte. So auch hier. Allerdings hielt sich der Umfang bis zum Ende wohl eher in Grenzen. Hinzu kommen Tagebucheinträge und Briefe, ein Personenregister und eine Handlungsübersicht, sowie einige Seiten ausformulierten Textes, die Schmidt wohl als eine Art Machbarkeitsstudie verfasst hat. Die wichtigsten Teile von all diesem Material werden hier, im wesentliche chronologisch geordnet und mit unterschiedlichen Stimmen vorgetragen.

Als Schmidt-Fan und ZT-Veteran machte es mich am Ende schon ein wenig betrübt - nein - sehr betrübt, dass ich dieses Werk nie werde lesen können. Es ist fast so, als ob Arno Schmidts eigener Lebensroman am Ende einen wichtigen Handlungsfäden nicht auflösen konnte. Bei solchen Anfällen von Melancholie ist es ratsam, sich an Jean Paul zu wenden. Dieser hat mit Die unsichtbare Loge auch einen unvollendeten Roman abgeliefert (1793, also etwa zur Zeit von Lilienthal). Er hat seinen Lesern aber versprochen, den Roman irgendwann zu Ende zu schreiben. Jedoch ist es nie dazu gekommen. In dem Vorwort zur letzten Ausgabe, in seinen „gesammelten Werken“, entschuldigt sich Jean Paul dafür und schreibt:
Ungeachtet meiner Aussichten und Versprechungen bleibt [die unsichtbare Loge] doch eine geborne Ruine. Vor dreißig Jahren hätte ich das Ende mit allem Feuer des Anfangs geben können, aber das Alter kann nicht ausbauen, nur ausflicken, was die kühne Jugend aufgeführt […] so tröste man sich damit, daß der Mensch rund herum in seiner Gegenwart nichts sieht als Knoten, – und erst hinter seinem Grabe liegen die Auflösungen; – und die ganze Weltgeschichte ist ihm ein unvollendeter Roman.
Hiermit hätte meine Sicht auf die Dinge eigentlich enden sollen, aber dann fand ich das Folgende, fast am Ende der unsichtbaren Loge, und frage mich, ob Arno Schmidt an diese Stelle dachte, als er den Anfang von Lilienthal formulierte:
Ob es gleich schon eilf Uhr nachts ist: so muß ich dem Leser doch etwas Melancholisch-Schönes melden, das eben vorüberzog. Ein singendes Wesen schwebte durch unser Tal, aber von Blättern und Dämmerung verdeckt, weil der Mond noch nicht auf war. Es sang schöner, als ich noch hörte:
–– Niemand, nirgends, nie.
–– Die Träne, die fällt.
–– Der Engel, der leuchtet.
–– Es schweigt.
–– Es leidet.
–– Es hofft.
–– Ich und Du!


Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 3.0 Unported License.
Profile Image for Michael.
1,630 reviews221 followers
June 25, 2017
Was die üblichen Verdächtigen, die Herren Kersten, Reemtsma und Rauschenbach, hier abliefern, ist einmal mehr ganz großes Kino!
Schon die Buch-Dokumentation Arno Schmidts Lilienthal 1801 oder Die Astronomen. Fragmente eines nicht geschriebenen Romans. Unter Mitarbeit von Susanne Fischer herausgegeben von Bernd Rauschenbach zu Arno Schmidts ewigem übernächsten Buch ist ein editorisches Wunder. Dass sich die nachgelassenen Materialien tatsächlich so präsentieren lassen, dass der Leser das Buch nicht aus der Hand legen und am Ende eine Vorstellung von Schmidts Großprojekt hat, ist fantastisch.
Dass auf der Grundlage des Bandes nun auch noch ein Hörbuch eingelesen wurde, das - ja, was, vielleicht um eine Formulierung zu gebrauchen, die einst auf Westphals Thomas Mann-Lesungen geprägt wurde - so glücklich machend wie Puddinglöffeln ist: das ist das I-Tüpfelchen, das keine Wünsche offen lässt.
Es handelt sich um Tagebucheinträge, Briefstellen und Entwürfe. Dass das Projekt Fragment geblieben ist, vergisst man fast, wenn man die CDs anhört. Die Präsentation ist so "rund", dass sie es mit jeder Einlesung eines in sich abgeschlossenen Textes aufnehmen kann, wenn nicht sogar interessanter ist. Denn schließlich wird kaum ein Leser oder Hörer darauf verzichten, Spekulationen darüber anzustellen, was Schmidt aus diesem riesigen Materialgebirge wohl gemacht hätte, hätte der Tod ihm keine Strich durch die Rechnung gemacht (er hatte am Ende für die Niederschrift 10 - 12 Jahre veranschlagt!).
Displaying 1 - 2 of 2 reviews