Konrad Adenauer hatte acht Kinder, das weiß heute kaum jemand mehr, weil es damals kaum der Rede wert war. Helmut Kohl versuchte in den Siebzigern und Achtzigern, den Deutschen das Ideal der heilen Kleinfamilie zu demonstrieren. Gerhard Schröder machte dann Patchwork auch im Kanzleramt bekannt. Und Angela Merkel? Sie hat keine Kinder, konzentriert sich auf die Arbeit, auch das kennen viele Deutsche. Wie sich unsere Gesellschaft verändert hat, zeigt sich auch an den Menschen, die dieses Land regiert haben. Ihre Vorstellungen von Familie wiederum haben Deutschland geprägt. So sprach sich Helmut Kohl vor dem Bundestag für die Hausfrauenehe aus. Dominierten Sicherheit und Wirtschaft die Politik des Exsoldaten Helmut Schmidt. Und Gerhard Schröder tat so viel für die Gleichberechtigung von Mann und Frau wie kein anderer Kanzler.Die Journalisten Jochen Arntz und Holger Schmale entwerfen anhand der Kanzlerfamilien ein faszinierendes Panorama dieses Landes.
Ist wirklich ein gut recherchiertes Buch mit tiefen Einsichten in die Leben der deutschen Kanzler und der Kanzlerin. Es gab wohl einige Stellen, da merkte man durchaus, dass das Buch fünf Jahre alt ist. Und fünf Jahre sind weiter weg, als mir persönlich vielleicht an mancher Stelle klar war. Also zum Beispiel finde ich es ziemlich befremdlich über Familienpolitik zu schreiben und wie sie sich weiterentwickelt hat, ohne die Thematik von gleichgeschlechtlichen Paaren aufzugreifen. Außerdem fehlte mir dann doch an manchen Stellen eine weibliche Perspektive. Insbesondere das Fazit fand ich dann auf die heutige Sicht (2018) doch tendenziell unkritisch. Sie gingen oft darauf ein, was bisher erreicht wurde, ohne zu betrachten, was eigentlich noch familienpolitisch problematisch ist. Da fehlte mir doch die weibliche Perspektive. Das damals bestehende sogenannte "Werbeverbot" für Schwangerschaftsabbrüche. Generell hätte ich es, denke ich, sehr spannend gefunden, wie die Familienpolitik der Ampel oder auch die Kanzlerkandidatur von Annalena Baerbock eingeordnet hätten. Aber dafür können die beiden Autoren ja auch nichts. Ansonsten fand ich auch ein bisschen schwierig, dass der demografische Wandel als ein großes Problem eingeordnet wurde (Eas er ist! Keine Frage!), dem man nur durch gute Familienpolitik bekommen könnte. Ich frage mich zunehmend, ob westliche Gesellschaften vielleicht einfach damit abfinden müssen, zumindest bis zu einem gewissen Punkt, dass sie altern. Bedeutet natürlich nicht, dass man auf gute Familienpolitik verzichten sollte, aber das man sich absichern sollte, indem man zum Beispiel auf Rentenmodelle zurückgreift, die besser mit der alternden Gesellschaft umgehen kann, wie die Aktienrente der FDP z.B. Davon kann man ja halten, was man will, aber dieses Modell reagiert eben auf die demografischen Entwicklungen der letzten Jahre.
Das Buch war an einigen Stellen informativ und hat Einblicke in das Leben der Kanzler und der Kanzlerin gegeben, die ich davor noch nicht kannte.
Leider war es das auch schon. Der Schreibstil war (vor allem zum Ende hin) unterirrdisch. Dazu kam, dass es einige Rechtschreibfehler gab und der Satzbau teilweise einfach keinen Sinn ergeben hat. Man hat sich gefragt, ob das Buch nicht mehr überarbeitet wurde. Zudem war die Struktur extrem durcheinander, die verschiedenen Teile (I, II, III) haben aus meiner Sicht keinen Sinn ergeben, vor allem, weil sich Vieles wiederholt hat.
Man hat sich außerdem an einer psychologischen Analyse der betrachteten Personen versucht, was aufgrund der offensichtlich fehlenden Qualifikation gescheitert ist. Vor allem am Ende wurden persönliche Ansichten mit in das Buch gebracht, was von der (neutralen) historischen Betrachtung ablenkte. Das Buch betont anfangs immer wieder, man könne Angela Merkel ohne Konrad Adenauer nicht verstehen. Eine solche Verbindung wird im Laufe des Buches jedoch keineswegs etabliert. Leider enttäuschend.