Okkultismus – das ist die Sammelbezeichnung für eine Vielzahl von neuheidnischen, esoterischen und theosophischen Strömungen, die die Menschen berühren, bewegen, bedrohen. Insbesondere seit dem an Druckerzeugnissen so reichen 18. Jahrhundert erlebt das Okkulte eine Popularität, die bis heute ungebrochen ist. Die Ethnologin Sabine Doering-Manteuffel erzählt die Geschichte des modernen Okkultismus vom Spätmittelalter bis in die Gegenwart.
Im Jahr 1726 hatte der im englischen Ipswich ansässige Drucker John Bagnall aufregende Nachrichten in die Presse gegeben: Auf sechs Seiten billigen Papiers ging es um eine Frau, die angeblich Kaninchen und Katzenbeine zur Welt gebracht hatte. Dass die Frau eine Betrügerin war, stand bei Medizinern außer Zweifel. Die Phantasie der Bevölkerung aber war entfesselt. Die Presse griff die Geschichte begierig auf, und der Bericht über die angebliche Wundergeburt entwickelte sich zu einer europäischen Wandersage, die es im 20. Jahrhundert sogar zu enzyklopädischem Ruhm in Lexika und Internet brachte. Anhand dieser und anderer Geschichten von Poltergeistern, Wunderheilern und Kornkreisen beschreibt Doering-Manteuffel, wie sich okkultes Gedankengut durch die Erfindung des Buchdrucks stark verbreitet und über die unterschiedlichen Medien und Jahrhunderte hinweg bis heute entwickelt hat. Ihre Geschichte des Okkultismus schlägt den Bogen von arabischen Alchemieschriften über Volksmagie und Wundergläubigkeit bis hin zum World Wide Web als okkultistischem Medium, das kollektive Sehnsüchte und spirituelle Bedürfnisse heute durch Anonymität und Allgegenwärtigkeit besonders wirkungsvoll bedient
Das war durchaus immer mal wieder sehr unterhaltsam, auch wenn ich finde, dass die Autorin eine einseitig negative Beziehung zum Irrationalen im Menschen hat. Aber das zeichnet ja auch die Aufklärung aus. Den Versuchen der Menschen, sich in Krisensituationen irgendwie mit Ritualen, und dann halt auch Aberglauben und okkulten Praktiken, sich (emotional und psychisch) über Wasser zu halten, begegnet sie mit Verachtung und Sarkasmus. Bei dem Schaden, den die Mischung aus Geschwurbel und Größenwahn auch und gerade derzeit (Corona-Krise) anrichtet, durchaus eine verständliche Haltung. Wenn es dann allerdings um Digitalisierung und Internet geht, wird Doering-Manteuffel selbst zur Verschwörungs-Theoretikerin. Das Internet ist an sich okkult! Es bringt eine neue, gigantische, überwältigende Dimension des Okkultismus in unsere Gesellschaften! Es wird, wie auch bei der Verbreitung von Kindermissbrauchs-Abbildungen, als Brandbeschleuniger fungieren. Aber ihre Sicht ist definitiv zu einseitig. Hier kommt die Wissenschaftlerin und Buchautorin durch, die um ihren Status und ihre Einkommensmöglichkeiten fürchtet. Aber ja, in der Schule schon zu lehren, wie mit Information kritisch und sachlich umgegangen wird (Quellen prüfen), könnte nix schaden.
Extrem informativ und punktuell neue Einsichten, mit denen ich mich noch gar nicht beschäftigt hatte: Ist das Internet selbst ein okkultes Medium? Was haben Kornkreise mit Feen zu tun? Wie trug die Aufklärung zur Entstehung okkulter Strömungen bei? Wie hatte die Pest dabei ihre Finger im Spiel? Das und noch viel mehr beleuchtet das Buch. Selbst habe ich nicht so viel zu tun mit okkulten Inhalten, bzw. glaube nicht an dessen Inhalte - aber dessen Existenz fasziniert mich sehr. Insofern war dieses Buch ein unterhaltsames Einführungswerk. Es zitiert wichtige Quellen und der Lesefluss ist einigermaßen gegeben durch einen eingängigen Schreibstil: ich habe es schnell und mühelos gelesen.