Der Berliner Kunsterzieher Müller-Lengsfeldt ist ein zu spät geborener Bildungsbürger. Mit einem Malblock bewaffnet folgt er gemeinsam mit einer Reisegruppe in Italien den Spuren des Archäologen Johann Joachim Winckelmann (1717-1768). Als die Reise in Rom zu enden droht, beschließt Müller-Lengsfeldt, Winckelmanns Wirken bis zu seinem mysteriösen Tod in Triest nachzugehen -- und sieht in der Folge seine eigene Existenz immer mehr in Frage gestellt. All dies erzählt Lange mit dem geschliffenen, sanft modernisierten und stark ironisierten Duktus der Kunstprosa des beginnenden 19. Jahrhunderts -- ein Ton, der einem die Lektüre zum reinen Vergnügen macht. Am Ende steht die Enttäuschung eines lange überholten Stille Größe schlägt melancholisch leise in blanke Einfalt um. "Ich habe vierzehn Tage meines Lebens damit verbracht, auf Winckelmanns Spuren zu bleiben, und nun will man mir einreden, sein Tod sei, wie der von Pasolini, das Ende einer alternden Schwuchtel gewesen." Wenn ein zunehmend fiebernder Müller-Lengsfeldt ausgerechnet in Venedig von jenem vornehmen Touristen fantasiert, "dem vor Hitze die Schminke herunterlief", kommt einem unweigerlich Thomas Manns Tod in Venedig in den Sinn, und man vermeint zu erahnen, dass der Kunsterzieher "auch Winckelmanns letzte und damit entscheidende Stunde nacherleben" wird müssen. Und auch jener berühmte Falke aus Boccaccios Decamerone , der bei Paul Heyse bezeichnenderweise als Sinnbild höchster Novellistik firmiert, durchfliegt immer wieder die Bildungsreise -- bevor er am Ende als ausgestopfter Raubvogel im Schaufenster eines Triester Apothekers sein Ende findet. So ist Langes Erzählung nicht zuletzt auch eine Bildungsreise durch die europäische Literaturgeschichte - vor allem aber ist sie selbst ein amüsantes, klug erzähltes kleines Kabinettstück großer Literatur. --Thomas Köster
Die Bildungsreise folgt den Spuren des Archäologen Winckelmann, der der deutschen Klassik die Antike erschlossen hat. Protagonist ist ein Berliner Kunsterzieher, der diese tatsächliche Pauschalreise zunächst zu genießen scheint, jedoch, gegen Ende, unzufriedener wird und dem von Krankheiten und Absurditäten begleiteten Lebensende des Intellektuellen nachspüren möchte. Auf dem Weg über Trient, Regensburg, Wien und Ljubljana nach Triest steigert sich das Interesse zur Obsession, beginnen sich Aspekte von Winckelmanns Leben mit jenen des Protagonisten zu überschneiden, bis hin zu dessen Aufenthalt in Triest. Während Winckelmann von einem Stricher aufgrund seiner Reisekasse ermordet wurde, scheint der Protagonist einfach nicht mehr loszukommen von diesem widersprüchlichen Protagonisten der Hochkultur. Lange arbeitet mit vielen Versatzstücken der und Anspielungen an die klassiche Novelle, so etwa Boccaccios Motiv des Wanderfalken, persifliert aber auch ein beflissenes deutsches Bildungsbürgertum, das sich gerne vom Kunsthistoriker Winckelmann mit netten Bonmots und erhebenden Zitaten oder Motti - Edle Einfalt, Stille Größe - durch Rom begleiten zulässt, dessen Lebensgeschichte allerdings lieber ignoriert. An dieser Sollbruchstelle der intellektuellen und emotionalen Rezeption scheitert der Protagonist und wird zu einem Teil zum Wiedergänger Winckelmanns. In der letzten Szene der Novelle erscheint seine Berliner Wohnung uns als Stillleben, selbst Ausgrabungsstätte geworden, weil der Abgrund der Kunst sich realisiert hat: Das, was wir gerne als Bildungsornat begreifen, wird existentiell, damit bedrohlich, und lässt die Geschichte des Bildungsreisenden in Triest ausklingen. 7/10