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72 pages, Paperback

Published January 1, 2012

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June 28, 2021
Eine sehr lange Besprehung eines eines außergewöhnlichen Buch-Projekts und Anthologie:
Sucht unterhaltende oder gar triviale Science Fiction heute die optische Aufwertung im Hardcover-Format, so ging man bei Eichborn.Berlin mit dieser Sammlung von Science Fiction-Novellen den umgekehrten Weg: Man wollte sich bewusst auf die Form des vermeintlich trivialen Genres einlassen. Die Hefte haben das Format und die Seitenzahl eines Perry Rhodan-Heftromans, wenngleich das Layout recht avantgardistisch ist. (Die Verlagsinformation, die dem Grauen Karton mit den Heften beilag, nennt auch "Perry Rhodan" ausdrücklich).
Die Texte von Knut Stang, Andreas Möhn und Zoran Drvenkar sind die besten Geschichten eines Wettbewerbs, der parallel zur Ausstellung "7 Hügel in Berlin", Gropius-Bau durchgeführt würde. Die Geschichten sollten möglichst in Berlin spielen und eine Figur mit dem Namen Leda sollte vorkommen. "Die Alte Stadt" von Zoran Drvenkar bekam den ersten Preis, der immerhin mit 2000 Mark dotiert war.
Die Texte von Michael Wildenhein, Kathrin Schmidt, Tobias O. Meißner und Marlene Streeruwitz, alle Autor/innen sind schon mit (nichtphantastischer) Prosa erfolgreich hervorgetreten, sind Auftragsarbeiten.

Tobias O. Meißner: "Neverwake"
"Neverwake" ist ein Zustand, den sich die Menschen des 21. Jahrhunderts insgeheim wünschen. Niemals wach zu sein, sondern ewig versunken zu sein im virtuellen Spieluniversum. Denn das wird beherrscht von archaischen Fantasien, von blutigen Kampf Mensch gegen Mensch und Bewährung des virtuellen Spielerego.
Esch ist ein solcher Spieler. Er ist besser als das Gros der Spieler aber nicht gut genug für die "Erste VIRT-Liga". Außerdem ist er mit Dreißig zu alt geworden für die Anforderungen der Spitzenliga. Er hat sich bei aller professionellen Hingabe eine Art Realitätssinn und (Mit)Menschlichkeit bewahrt.
Eines Tages bekommt er den Auftrag von einem Spielhersteller, ein neuentwickeltes Spiel zu testen. Sein eigentlicher Auftrag: Er soll mit Laurence Tader, dem einst besten Spieler, der bei der Testphase des Spieles ins Koma gefallen ist und dennoch in dieser künstlichen Spielwelt weiter aktiv ist, Kontakt aufnehmen. Auf den Spuren seines Vorbildes - das Spiel hat sich nach dessen Vorstellungen aufgebaut - arbeitet er sich durch die Level des Spieles, die immer bizarrer und herausfordernder werden, um ihm schließlich zu begegnen. Das Ende lässt sich jedoch nicht ausrechnen.
Meißner kennt sich mit solchen Spielen sehr gut aus. Plastisch kann er uns diese Spielwelten schildern. Eingestreute Fachtermini erhöhen diesen Effekt einer abgeschlossenen Welt der Szene-Ausdrücke, die im 21. Jahrhundert Allgemeingut geworden sind, denn die heutige Generation der Computer-Kids haben das Sagen.
Der Plot der spannenden Erzählung hätte sicher den Stoff für einen Roman abgegeben.
(Dies schrieb ich vor gut einem halben Jahr. Meißner hat das Potential des Themas auch erkannt: Er hat bei demselben Verlag einen Roman mit dem gleichen Titel publizieren können.)

Andreas Möhn: "Die Reiter des Mars"
Der Inhalt dieser Erzählung ist eigentlich schnell erzählt. Eine Marsexpedition in nicht allzu ferner Zukunft gerät in große Gefahr, als in der Nähe der Basis-Station ein Meteorit einschlägt. Die meisten überleben die Katastrophe, aber die Funkanlage wird irreparabel beschädigt, so dass die Menschen damit konfrontiert werden, für immer auf dem Mars zu bleiben. Aber nach dem ersten Schock nehmen die Menschen die Herausforderung an.
Diese Erzählung ist spannend und hat alles, was gute Science Fiction ausmacht. Sie ist sehr anschaulich und genau recherchiert, was den Mars angeht. Die Charaktere haben unterschiedliche, persönliche Motive und Haltungen. So nebenbei wird auch über die Rolle des Menschen im Kosmos ganz ohne Klischees nachgedacht.

Michael Wildenhain: "Wieland, der Meister oder alle Schwäne sind weiß."
Wieland, der Schmied hat in einer Zukunft die Rolle eines hochtalentierten Wissenschaftlers, der sich wie kein anderer auf das Interface zwischen Wetware, also dem menschlichen Gehirn, und der Hardware versteht. Aber er hat sich in eine der vielen neuentstandenen Barackensiedlungen abgesetzt, so dass die FIRMA ihn nun sucht.
In einem virtuellen Erzählraum wird die Wieland-Sage variiert, in die Gegenwart und in die Zukunft übertragen. Fließend geht eine Erzählung in die andere über, während Motive immer wiederkehren. Auch der antike Mythos um Leda und den Schwan/Zeus spielt mit hinein, weil Wieland beschwingt mit Schwanenfedern flieht. Wie die Erzählung, so schwimmt auch der Leser durch dieses Assoziationsmeer, ohne einen rechten Halt zu finden.
Von allen der schwächste Text. Es hat den Eindruck, dass Wildenhain mit dem Genre nichts anzufangen wusste. Und der Rezensent gibt zu, dass er mit der Erzählung von Wildenhain nicht viel anfangen konnte.

Knut Stang: "Das Revier"
Zwei Ebenen Die eine wirkt harmlos, ein Gruppe von Studenten, die vor ihrem Abschluss stehen, durchschnittliche Typen, doch eine Streitfrage, ob Umweltfaktoren die soziale Organisation bestimmen oder ob es im ganzen universelle Organisationsformen gibt, lässt sie ein Projekt verfolgen.
Die andere zeigt Menschen, Männer ohne Vergangenheit. Ausgesetzt in einer scheinbar endlos weiten Halle, positioniert auf sechseckigen Feldern. Sie werden mit Essen und Wasser versorgt, besitzen alle dieselbe Kleidung und haben als einzigen Besitz nur einen Stuhl. Gemäß eines inneren Gesetzes beginnen sich die so ausgesetzten zusammen zu tun. Sie bilden Gruppen. Ein Bündnis beginnt zu wachsen und zu wachsen. Das geht nicht immer ohne Gewalt ab. Die erste Bluttat schweißt die Gruppe jedoch nur noch mehr zusammen.
Durch die zweite Handlungsebene bekommt man bestätigt, dass die Männer Teil einer gigantischen Versuchsanordnung sind.
Das Geschehen in den der Halle, die Entstehung von Gesellschaften mit Arbeitsteilung, Ritualen und Hierarchien hat in der Tat eine zwingenden Verlauf, doch es sind auch individuelle Entscheidungen und Charaktere, die den Verlauf der Ereignisse bestimmen. Die beiden Gruppen, die am Ende zusammenprallen, sind zudem kulturell vollkommen unterschiedlich.

Zoran Drvenkar: "Die alte Stadt"
Die alte Stadt ist vermutlich Berlin, aber das wird nicht genau benannt. Nach einem Krieg zwischen Europa und China, bei dem auch chemische Waffen eingesetzt wurden, ist die alte Stadt so etwas wie ein Reservat geworden. Einst stand sie unter Quarantäne, weil hier eine Waffe eingesetzt wurde, die den Menschen ihre Träume nahm. Dadurch wurden die Einwohner ruhiger, ja fast passiv und die Entwicklung kam zum Stillstand. Jeder
Die große Masse der Einwohner erträgt die Maßnahmen mit stoischer Geduld. Die Menschen fristen meist in einem Labyrinth von Gängen und der qualvoll engen Oberfläche ein dürftiges Leben.
Der Kurzroman schildert das Leben aus der Perspektive dreier Figuren. Eines Mannes, der aus den Stasiskammern entlassen wird, in denen man altert, aber sonst nichts tun kann. Er wurde auf diese Weise bestraft, weil er einst eine Jugendgang anführte, und muss sich nun seinen Platz in der Zukunft suchen.
Das junge Mädchen Leda, das Träume weitergeben kann, ist die zweite Figur, durch die sich dieser Welt dem Leser erschließt.
Und da ist schließlich ihr Bruder Goran, der sich einer Gang anschließt, die auch mit Gewalt die Lethargie aufbrechen will und sich auch innerlich von den Zwängen lösen will.

Marianne Streeruwitz: "Gartenkolonie Frohsinn. A gothic SF-Novel"
Es ist die Geschichte der geklonten Frau Norma Desmond, Spielzeug eines Reichen. Die Zukunft ist gespenstisch. Es werden keine Menschen mehr natürlich geboren, sondern nur noch produziert.
Nach einer eher reizarmen Ausgangsposition gewinnt die Erzählung an Fahrt und Farbe. Da sie über kurz oder lang allein nicht überleben kann, macht sie sich mit einem zum Kleinkind zurückentwickelten Gespielen, und einem Gartenroboter auf eine abenteuerliche Reise. Sie folgt dabei den Hinweisen der letzten Nachricht ihres Besitzers, der aufgrund der zu häufigen Benutzung des "Bodyfaxes" (im SF-Jargon: Transmitter) verstarb. Sie gerät zuerst in eine 15. Jahrhundert-Welt, wo um sie ein Duell ausgefochten wird, dann gerät sie in die Fänge einer der Alten der wenigen natürlich geborenen Menschen, eines Psychologen, der sich an ihr abreagieren will. Doch Norma weiß sich zu wehren. Schließlich landet sie im phantomatischen Japan, wo es leibhaftige Menschen nur unter der Erde zu geben scheint. Der Rest ist Simulation, wo sie eine Überraschung erwartet.
Den Untertitel "gothic sf-novel" trägt die Erzählung zu recht. ist die verfolgte mädchenhafte Unschuld, die durch eine verstörende, labyrinthische Welt irrt und lange nicht weiß, welchen Machenschaften sie ausgeliefert ist. Die Welt ist voller Inszenierungen der Vergangenheit und trügerischer Wirklichkeit, ein unwirtlicher und unwirklicher Ort, in der die "Zukunft" als menschliche Dimension nicht mehr zu erkennen ist. Der Kurzsatzstil ist gewöhnungsbedürftig, aber er passt auch zur Perspektive der naiven und wenig sprachgewandten Hauptfigur. Der Autorin hat das Schreiben Spaß gemacht, treibt ein ironisch unernstes Spiel mit den Versatzstücken. Dennoch gehört diese Geschichte zu den originellsten Beiträgen der Anthologie.

Kathrin Schmidt: "Sticky Ends"
Leda Meister, eine junge Schriftstellerin von phantasievollen und bizarren Geschichten hat von einer ominösen Organisation einen Auftrag für ein längeres Werk bekommen. Wie er genau lautet, erfährt der Leser nicht, jedenfalls schreibt sie zu Anfang mit Schwierigkeiten eine Geschichte über die Machtergreifung der Vereinigung "Du und das Tier" in Berlin. Diese Organisation kümmert sich auch mit Hilfe modernster biochemischer Mittel zuerst um die Tiere, dann um die Menschen, deren Leben fortan wie das von Zuchttieren verläuft. Fortpflanzung wird genau reguliert: Alte, Kinder und Familien haben streng voneinander getrennte Unterkünfte. Überhaupt wird man überwacht und hat kaum Freiheiten.
Eine antiutopische Erzählung also, die von einer Familie erzählt, in der Vater und Mutter noch einmal "reproduzieren" dürfen, wobei das Wort "Reproduktion" wörtlich zu nehmen ist.
Man will als Leser gerne mehr erfahren, wohin diese Züchtung führt und was sich hinter den sogenannten "Antfobs" verbirgt, aber leider gibt es nur Auszüge, die freilich beunruhigend genug sind.
In der Rahmenerzählung steckt noch eine Dreiecksgeschichte, denn die Autorin hat ihrer Freundin den Freund Jon ausgespannt. Diese, eine Mikrobiologin benimmt sich immer seltsamer, bedrängt ihren Ex-Freund, so dass der bald meint, er sei Teil ihrer Forschungen.
Dieser Kurzroman ist spannend, langsam setzt sich ein Puzzle zusammen und erst am Schluss erfährt der Leser, wie alles zusammengehört. Die Schlusspointe ist heftig. Sie bestätigt auf freilich wenig optimistische Weise, dass Science Fiction sehr wohl die Macher in Gesellschaft und Wissenschaft inspirieren kann.
Überhaupt eine deftige Geschichte mit genauem und fast schon schmerzhaften Blick auf die Menschen. Der Stil trägt zum Lesevergnügen bei, denn er bewegt sich eigenwillig jenseits des Gängigen und taucht die Erzählung in starke Farben.

Eine sehr aufschlussreiche Anthologie von deutschsprachiger Phantastik von großer thematischer Spannweite. Sie zeigt, was der gängigen Science Fiction häufig fehlt, sprachliche Vielfalt und stilistisches Können, aber auch eine gewisse Distanz zu den Konventionen. Andererseits kochen auch Literaten nur mit Wasser, können daneben greifen.
Am konventionellsten in Stil und realistischem Erzählmodus sind Meißner und Möhn, ihre Erzählungen würde man auch in einer Anthologie der Heyne SF-Reihe finden können, zumal die Themen, die sie aufgreifen, zur Zeit recht beliebt sind. Aber Kathrin Schmidt und Marlene Streeruwitz sind dafür für den Durchschnittsleser zu eigenwillig. Bei Dvrenkar tut man sich als SF-Leser schwerer mit der Darstellungsweise, bei der Metaphorik und den symbolischen Referenzen die Zukunftswelt zu einem allgemeinen Ort, einem überzeitlichen Zustand machen. Stangs Geschichte ist grausam konsequent und kühn, und provoziert, da er versucht, über die bewusst alles Futuristische vermeidende Erzählweise der Wissenschaftler-Ebene das dystopische Szenario an unsere Erfahrungswelt anzuschließen.
Insgesamt sehr lesenswert, eine gute Ergänzung zur gängigen Reihen-SF.


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