Aus welchen Quellen nährt sich die Kunstgeschichte? Auf welche Texte stützt sich die Geschichtsschreibung des Abstrakten Expressionismus, der wirkungsmächtigsten Strömung in der amerikanischen Kunstszene der 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts? Welche Interessen formen die Typologie seines Diskurses? Wie formt die Wissenschaft daraus die Vorstellung einer Theorie?
In den Archives of American Art, dem Getty Research Center, in Stiftungen und Bibliotheken sind in unzähligen Archivboxen, Audiokassetten und Mikrofilmen Dokumente zur amerikanischen Kunstgeschichte zusammengetragen. Sie und die Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern, von Kritikern, Kuratoren und Galeristen, von Museen, Vereinigungen und Zeitschriften sind die Grundlage dieses Buches.
Der Autor leistet eine Differenzierung nach Rhetorik und Funktion von Diskursdokumenten und zeichnet akribisch ihre wechselseitige Beziehung zur kunsthistorischen Deutung und Narration nach. Ein Dilemma, das die Moderne entscheidend prägte, bildet den Ausgangspunkt. Aus der Verteidigung des Visuellen gegen das erklärende Wort entstand ein Diskurs der Apologie. Seine Funktionen und Formen isoliert und überprüft die Arbeit anhand dreier Paradigmen: die Individualität des Künstlers, die Macht des Bildes und die Konstruktion von Geschichte.
Peter Schneemann nimmt kritisch Stellung gegenüber der engen Verflechtung der Kunstgeschichte mit der künstlerischen Legitimation und votiert für eine neue Textkompetenz im Fach. In einer Zeit, in der die kunsthistorischen Institute auch in Europa Lehrstühle für die Kunst der Gegenwart einrichten, stellt diese Arbeit brisante methodologische Fragen nach Distanz und Verantwortung.