TANGO AUF EINER ZWIEBEL
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Wann ist er auf Deutsch zu lesen? UN PÈRE ÉTRANGER ist Eduardo Bertis wahrscheinlich persönlichstes Buch. Sprunghaft, ironisch, mit Ausfallschritten und Figuren wie beim Tango. Die Biographie seines „fremden" Vaters gleicht dem Häuten einer Zwiebel: Wie bei einer Zwiebel, klebt eine Schicht auf der nächsten. Unter der ersten Haut findet sich die zweite, die beim Schälen eine feuchte, dritte Haut freigibt. Sobald man begreift, wo das Herz der 400 Seiten dicken Zwiebel steckt, nämlich in dessen Mitte, bringt die Lektüre Genuss.
WORUM ES GEHT:
Bertis Erlebnisberichte kreuzen sich mit einem fiktiven Attentat auf den Schriftsteller Joseph Conrad. Der Erzähler führt uns von seiner Geburtsstadt Buenos Aires über England, Spanien, Deutschland und Rumänien nach Frankreich. Er schildert seinen Plan, einen Roman über „Jozef“ zu schreiben, der am Ende grandios scheitern wird. Ein Spiegelbild seiner selbst findet Bertis „Alter Ego“ im englischsprachigen Polen Joseph Conrad, sowie im eigenen Vater. Der schreibt zur Verwunderung des Sohnes ebenfalls einen Roman.
WAS MIR GEFIEL:
Bertis Theorie einer „Phantomsprache“. Vater und Sohn schreiben beide nicht in ihrer Muttersprache. Der in Rumänien geborene Vater auf Spanisch, der in Argentinien geborene Sohn auf Französisch. Welche Identität hat man, wenn man länger im Ausland lebt als in seinem Vaterland? Gute Frage.
LIEBLINGSSATZ
«Józef pensait que le son pouvait avoir plus de pouvoir que le sens»
Gefallen hat mir auch Bertis tänzerische Selbstironie. Apodiktische Aussagen nimmt Berti stets elegant zurück. Beispiel: „Jozef war nicht stolz darauf, vielleicht aber doch ein bisschen, dass er großartige Erfahrungen vorweisen konnte, die andere nicht hatten.“ Zeitsprünge, Rück- und Vorblenden sind weitere Merkmale nicht linearen Erzählens. So zackig und rund, weich und wild, leidenschaftlich und traurig sehen Tangos aus.