1. Einleitung: Die Rehabilitierung eines vergessenen Pioniers
In „The Cosmic Inventor“ unternimmt Frederick Seitz (1991 - 2008) den verdienstvollen Versuch, Reginald Aubrey Fessenden historisch zu rehabilitieren und aus dem langen Schatten Guglielmo Marconis (1924 - 1937) zu lösen. Seitz argumentiert überzeugend, dass Marconi zwar die PR-Schlacht gewann, Fessenden jedoch der technologisch weitsichtigere Visionär war. Während Marconi noch mit primitiven Funkenstrecken und gedämpften Wellen arbeitete, erkannte Fessenden als Erster, dass die Übertragung von Sprache und Musik kontinuierliche Wellen erfordert – und erfand damit faktisch die Amplitudenmodulation (AM). Seitz würdigt Fessenden nicht bloß als genialen Bastler, sondern als einen Denker, der dem Radio erstmals eine tragfähige theoretische Grundlage gab.
2. Der „kosmische Erfinder“: Ein Universaltalent
Den fast schon spirituell anmutenden Titel „Cosmic Inventor“ begründet Seitz mit der erstaunlichen Bandbreite von Fessendens Schaffen, das weit über den Rundfunk hinausreicht. Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass Fessenden über 500 Patente hielt: vom Fathometer (Echolot) zur Ortung von U-Booten über frühe Arbeiten zum Mikrofilm bis hin zu Verbesserungen von Verbrennungsmotoren. Besonders aufschlussreich ist Seitz’ Darstellung des Heterodyn-Prinzips – möglicherweise Fessendens bedeutendster Beitrag –, das seiner Zeit so weit voraus war, dass erst die spätere Entwicklung der Vakuumröhre seine praktische Umsetzung ermöglichte.
3. Tragik zwischen Genie und Kommerz
Einen breiten Raum nehmen die Konflikte ein, die Fessendens Karriere prägten. Seitz schildert ihn als brillanten, aber sperrigen Charakter, der regelmäßig an der Kurzsichtigkeit von Investoren und Bürokraten scheiterte. Ausführlich beschrieben werden die teils absurden Auseinandersetzungen mit dem U.S. Weather Bureau oder den Geldgebern der National Electric Signaling Company, die schnelle Profite der technischen Perfektion vorzogen. Es ist das klassische Drama des visionären Ingenieurs, der die Lösungen der Zukunft besitzt, aber an den Zwängen der Gegenwart verzweifelt.
4. Die Pointe: Vom Wahrheitsfinder zum „Influencer“ für alternative Fakten
An dieser Stelle erlaubt sich die Geschichte einen Treppenwitz, der jedem modernen Spin-Doctor zur Ehre gereichen würde. Denn ausgerechnet Frederick Seitz tritt in diesem Buch als ritterlicher Verteidiger historischer Wahrheit auf, der Fessenden von den „Fake News“ der Marconi-Ära befreit. Derselbe Seitz allerdings legte nach seiner Emeritierung in den 1970er Jahren seine wissenschaftliche Nüchternheit weitgehend ab und startete eine zweite Karriere als professioneller Zweifler im Dienst industrieller Interessen. Ob Ozonloch, saurer Regen, Tabakkonsum oder Klimawandel – Seitz bestritt mit bemerkenswerter Ausdauer alles, was Konzernen schadete. Man könnte sagen: Er war ein „Influencer“ für alternative Fakten, lange bevor der Begriff existierte. Dass er hier mit akribischer Sorgfalt reale historische Verzerrungen korrigiert, wirkt beinahe wie eine unfreiwillige Bußübung für seine spätere Rolle als Großmeister der wissenschaftlichen Nebelkerzen.
5. Fazit
Trotz – oder gerade wegen – der ironischen Biografie seines Autors bleibt „The Cosmic Inventor“ eine essentielle Studie der Technikgeschichte. Das Buch korrigiert das gängige Marconi-Narrativ und macht deutlich, dass Fessenden die eigentlichen Grundlagen des Rundfunks legte. Vielleicht brauchte es tatsächlich jemanden, der sich bestens darauf verstand, wie Fakten verdreht, verschleiert oder verdrängt werden, um zu erkennen, wie gründlich Geschichte – und Marconi – dem armen Fessenden Unrecht getan haben.