Bremem 1891: Nachdenklich schlendert Udo Jürgens' Großvater, Heinrich Bockelmann, über den Weihnachtsmarkt. Er steht vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er nach Amerika aufbrechen, um sein Glück zu suchen, oder nach Rußland, das sein Vater ihm als Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschildert hat? Da hört er den anrührenden Klang eines Fagotts, der ihm wie das Echo seiner eigenen Gefühle erscheint: die russische Weise "Kalinka" - für Heinrich Bockelmann ein Zeichen des Schicksals...
Der große biographische Roman von Udo Jürgens-Bockelmann, in dem die faszinierende Geschichte seiner Familie sowie sein eigenes Leben die Umwälzungen des 20. Jahrhunderts widerspiegelt: Der Bogen spannt sich dabei vom Glanz der Zarenzeit über die Russische Revolution, die beiden Weltkriege, das Dritte Reich, die deutsche Teilung und das Ende des Kalten Krieges bis hin zum Fall der Berliner Mauer. Ob in Dur oder Moll - "Der Mann mit dem Fagott" ist ein opulenter Roman um die Geschichte einer deutschen Familie, mit dem Udo Jürgens und Michaela Moritz den Ton einer bewegten Zeit treffen.
Kurz vor seinem 21. Geburtstag schlendert Udo Jürgens‘ Großvater, Heinrich Bockelmann, über den Weihnachtsmarkt in Bremen. Er steht vor einer schwierigen Entscheidung. Soll er nach Amerika gehen, oder nach Russland? Da sieht er einen Mann, der auf einem Fagott "Kalinka" spielt. Aufgrund dieses Erlebnis entscheidet er sich für Russland.
Der 21. Geburtstag ist auch für Heinrichs Enkel ein besonderer Tag. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen reist er an seinem Ehrentag zum Oktoberfest und darf später noch in einem Club spontan auftreten. Zurück in Salzburg besuchen ihn seine Eltern in dem Club, in dem er auftritt. Aber der Tag ist nicht nur ein Feiertag, sondern auch ein trauriger Tag. Es ist der Tag, an dem James Dean tödlich verunglückt.
Die Lebensumstände des jungen Udo Jürgens könnten denen des erfolgreichen Künstlers nicht unähnlicher sein. Mit seinen Freunden teilt er sich ein Zimmer in einer Pension. Das Badezimmer teilen sich alle Gäste und geduscht wird im nahen Hallenbad. Aber schon mit 21 Jahren hat er diese Leidenschaft für Musik, die in noch weit bringen wird.
Udo Jürgens erzählt in wechselnden Kapiteln von seinem Großvater und sich selbst. Deshalb, so schreibt er am Anfang, ist die Geschichte auch keine Biografie sondern ein Roman weil er nicht wissen kann, was sein Großvater in bestimmten Situationen getan oder gedacht hat.
Die Familie Bockelmann hat wirklich eine sehr bewegte Geschichte und scheint immer gerade dort gewesen zu sein, wo Geschichte geschrieben wurde. Ob das wirklich so war oder wie viel künstlerische Freiheit in der Erzählung steckt, kann ich nicht beurteilen. Was ich dem Autor aber nicht abnehme ist, dass sein Großvater den Mann mit dem Fagott in St. Petersburg wiedergetroffen und ihm später sogar bei der Flucht aus Russland geholfen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Welt so klein ist.
So ausführlich die ersten beiden Drittel des Buchs geschrieben sind, so schnell geht es im letzten Drittel zur Sache. Dieses Mal passt diese Schnelligkeit aber. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit 200+ Konzerten im Jahr ein ruhiges Leben lebt. Außerdem betrifft dieser Teil eine Zeit, in der ich Udo Jürgens schon gekannt habe. Mich haben seine jungen Jahre deutlich mehr interessiert, von daher passt es schon.
Trotzdem weiß ich nicht so genau, was ich von Der Mann mit dem Fagott halten soll. Streckenweise hat es mir sehr gut gefallen. Bei anderen Teilen wusste ich nicht genau, ob Udo Jürgens das geschrieben hat von dem er dachte, dass der Leser es so will oder das, was er wirklich erzählen wollte. Unterhaltsam war das Buch aber allemal.
Ich habe für mich festgestellt, dass ich den Künstler vom Menschen Udo Jürgens trennen muss. Der Künstler ist zielstrebig, sehr begabt und bereit für seine Kunst alles zu opfern. Der Mensch ist egoistisch und schreibt seine eigenen Regeln. Und trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) ist er so beliebt.
Ich hatte keine große literarische Entdeckung erwartet und das war es auch nicht. Die Dialoge mitunter hölzern und pathetisch gleichzeitig, die Beschreibungen leicht barock und manchmal leider platt. Jürgens war gut beraten mit Michael Kunze einen Textdichter von Weltformat zu gewinnen. Aber die Geschichte! Und die Geschichten! Das alles ist wahnsinnig spannend und mitunter auch unerwartet. Die Schilderung wie Russland in den 1880er Jahren von Deutschland aus wahrgenommen wurde und wie sich die Umbrüche des ersten Weltkriegs auf die deutsche Community in Moskau auswirkten, das ist gut recherchiert und ansprechend und nachvollziehbar erzählt. Auch die Erfahrungen die der Autor in der NaziZeit macht, sind so geschrieben, dass es für ein breites Publikum nachvollziehbar und verständlich wird. Alles in Allem, schon eine Leseempfehlung.