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Verteidigung der Wölfe

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Spain. 2002. La Poesía, señor hidalgo. 23x14. 171p.

106 pages, Hardcover

First published January 1, 1957

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About the author

Hans Magnus Enzensberger

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Cyrillic: Ханс Магнус Енценсбергер

Hans Magnus Enzensberger was a German author, poet, translator and editor. He had also written under the pseudonym Andreas Thalmayr.

Enzensberger was regarded as one of the literary founding figures of the Federal Republic of Germany and wrote more than 70 books. He was one of the leading authors in the Group 47, and influenced the 1968 West German student movement. He was awarded the Georg Büchner Prize and the Pour Le Mérite, among many others.

He wrote in a sarcastic, ironic tone in many of his poems. For example, the poem "Middle Class Blues" consists of various typicalities of middle class life, with the phrase "we can't complain" repeated several times, and concludes with "what are we waiting for?". Many of his poems also feature themes of civil unrest over economic- and class-based issues. Though primarily a poet and essayist, he also ventured into theatre, film, opera, radio drama, reportage and translation. He wrote novels and several books for children (including The Number Devil, an exploration of mathematics) and was co-author of a book for German as a foreign language, (Die Suche). He often wrote his poems and letters in lower case.

Enzensberger also invented and collaborated in the construction of a machine which automatically composes poems (Landsberger Poesieautomat). This was used during the 2006 Football World Cup to commentate on games.

Tumult, written in 2014, is an autobiographical reflection of his 1960s as a left-wing sympathizer in the Soviet Union and Cuba.

Enzensberger translated Adam Zagajewski, Lars Gustafsson, Pablo Neruda, W. H. Auden and César Vallejo. His own work has been translated into more than 40 languages.

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Profile Image for Klaus Mattes.
791 reviews12 followers
March 5, 2025
„Man muss absolut modern sein.“ Enzensbergers erster Lyrikband, sein erstes Buch überhaupt, ist 1957 erschienen. Der 28-jährige Autor arbeitete als Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, unter dem Chef Alfred Andersch. Zuvor hatte er als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes in Freiburg, Hamburg, Paris Literatur und Philosophie studiert und eine Doktorarbeit über Clemens Brentano verfasst.

Ziemlich das Modernste, was es unter deutschen Gedichten damals gab, legte er hier vor. Gedichte fast ganz ohne Versmaß, ohne Strophen, ohne Reime. So weit mochten Günter Eich und Peter Huchel auch gekommen sein. Doch der junge Franke (geboren wurde er allerdings im bayerischen Schwaben) kriegte es hin, auch noch ohne „Lyrisches Ich“ auszukommen. Sowie dessen traditionsgemäße Projektionswände: Natur, Landschaft, Mythos. Gottfried Benn war jetzt vorbei. Und ums Thema Liebe kümmerte sich der junge Dichter auch nicht.

Es gibt kein Gedicht mit „Ich“ bei den Wölfen. Und nahezu keines mit „Du“. Die danach noch sehr oft zitierte Lehrplan-Anweisung für die Oberstufe ausgenommen: „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: / sie sich genauer.“ Woran man allerdings wirklich sehr deutlich merkt, dass, was 1957 topmodern war, heute schon auch nicht mehr korrekt sein muss. Hat man das soeben Gesagte dann abgezogen, worüber konnte der junge Lyriker überhaupt noch schreiben? Schwer zu sagen. Im Gefolge des Surrealismus und von dessen kryptischen Metaphern scheint auch Hans Magnus Enzensberger sich gesagt zu haben: „Zwinge den Leser, seine eigenen geistigen Kräfte schweifen zu lassen. Erlaube ihm auf gar keinen Fall, auch nur ein einziges von allen diesen Gedichten auf Anhieb einfach nur zu verstehen!“

Die eigentliche Enzensberger-Spezialität ist noch nicht benannt. Sie liegt in seiner Ambition, uns einzubimsen: Dieser Mann hat jedes Wort der deutschen Sprache irgendwo gelesen, bei sich behalten und kann es mehr oder weniger passend ins Textgeflecht einbauen. Einige Wörter, die bloß in einem einzigen Gedicht vorkommen: Stabschef, Gipfelkongreß, Kreuzworträtsel, Schlagrahm, Crew, Milchmann, Verhütung. Ein andres Gedicht kennt: Gummigrossist, Ruß, Lakritze, Tragiker, Frack, Apfelbutzen. Noch eins, es heißt„Anrufung des Fisches“: mondlos, Himmelbett, Klosterkirchen, Sarabande, flöten.

Wie kann einer singen von dem was nicht singt
vom Stummen?
Im Rollschrank wächst ein widriger Senf,
ein schwarzer Zucker rinnt aus den Lohntüten:
ratlos wickelt sich jedermann in eine Zeitung
und horcht auf das Knurren der grossen Stiefel.
Im Tresor verhungern die Prokuristen, die Bettler
schmausen im Frigidaire. Pünktlich
leeren die Boten den Briefkasten voller Tränen.
Ein dunkles Riff wird in unseren Lungen gezüchtet.
Die Zukunft verdorrt in den Küchen. Am Fenster
lauert der Pförtner. Auf den Boulevards rosten
die Kehrmaschinen.
Jeder Mann hält angesichts
der vielen verfaulenden Katzen, der Helden,
die aus den Kaminen ragen, den Atem an,
ob nicht endlich das Lied das Lied wie eine Sintflut
schön und unaufhaltsam über die Dächer schäumend
käme und die Hörrohre und die Kuxe die Stiefel
forttrüge und die Gebetbücher forttrüge aber umsonst:
es kann keiner singen von dem was nicht singt
von uns.

Man kann ja an die Schönheit der Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf dem Operationstisch erinnern. Ich musste allerdings an einen gewissen Narzissmus des Wortakrobaten denken. „Wo wird noch mal so ein Blitzgescheiter, ein Wort-Bergfex, ein derartiger Flaschenteufel des märchenhaften Morgenlands seine Handstände vorzeigen können? Macht mir das doch mal nach!“ Somit nimmt sein erstes Buch schon die Rolle vorweg, die er im literarischen Betrieb des westlichen Deutschlands über Jahrzehnte dann spielen würde: der Staunen Erregende. Ich stelle die Behauptung auf: So sehr viel zu sagen hatte er nie. Und auch ans eigene Ego und sein Leben lässt er einen niemals heran. Man kann gute Gedichte auch so machen. Aber man kann sie nicht für die Allerbesten halten, die möglich gewesen waren.
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