Meret und Dres, Jan und Romy. Zwei Paare, bei denen sich Ernüchterung eingestellt hat – bis sich Meret und Jan ineinander verlieben. Ein scharfsinniges, raffiniertes Kaleidoskop über alle Facetten des Liebens, das durch seine sprachliche Finesse und sein unvergleichliches Einfühlungsvermögen besticht.
Ein ruhiges Buch über das Wesen der Liebe nach Jahren der Ehe
Im Familienurlaub unter der heißen Sonne Italiens begegnet Meret Setz Jan Andersson, einem Nachbarn aus Zürich und Vater zweier Kinder. Jans und Merets Kinder kennen sich vom Spielplatz und auch Jans Frau Romy und Merets Mann Dres kennen sich vom Spielplatz. Auf Romys Wunsch unternehmen die Familien immer mehr miteinander und Romy und Meret werden so etwas wie Freundinnen. Schließlich ziehen die Anderssons sogar in das gleiche Haus, in dem Merets Familie bereits wohnt. Auch wenn Meret von Romys Verhalten oft befremdet ist, ist sie doch froh über den engen Kontakt, da er ihr ermöglicht, mehr über Jan zu erfahren und mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Langsam kommen sich die beiden näher. In einem Brief schildert Meret Jan die Geschichte dieses einen Jahres und reflektiert dabei die möglichen Gründe aller Beteiligten. Gibt es eine Zukunft für die Ehepaare oder für Jan und Meret?
Als Ich-Erzählerin berichtet Meret die Geschichte und spricht dabei oft direkt Jan an. Trotzdem bleibt sie dabei lange distanziert und analytisch, was ich jedoch sehr glaubhaft fand, da sie dadurch weder Jan noch den Leser mit Gefühls"duselei" belastet und dadurch nicht ins Kitschige oder emotional Erpresserische abrutscht. Stattdessen kann sich sich selbst fragen, wie viel Gefühl wirklich dabei war und welcher Anteil darauf zurückgeht, dass die Gefühle in der Ehe abgeflaut sind. Meret reflektiert auch ihr Leben als Mutter. Ein extremer Pol dafür ist Romy, die vor lauter Langeweile alle paar Jahre umziehen möchte und sich so oft wie möglich von ihren Kindern zu erholen versucht. Was ist ihr Motiv, Meret einen Freifahrtschein für eine Affäre mit ihrem Mann zu geben?
"Kreuzfahrt" erzählt in ruhigen Tönen von Beziehungen, wenn der Alltag seit Jahren Einzug gehalten hat und Kinder einen Großteil der Romantik unmöglich machen. Hier wird nichts beschönigt oder romantisiert. Es gibt das Bedürfnis nach Nähe und Zufriedenheit, das nicht erfüllt wird. Es steht die Frage im Raum, ob man immer mit dem einstmals geliebten Ehemann zusammenbleiben sollte oder auch was sich tun lässt, um eine unbefriedigende Ehe zu retten. Mit Meret und Romy gibt es hier verschiedene Ansätze. Auch die Affäre mit Jan ist nicht gerade romantisiert. Sie wird teilweise so sachlich geschildert, dass sie fast emotionslos wirkt und man weder Meret noch Jan eine große Verliebtheit abnehmen würde. Merets Gefühle werden erst nach einer überraschenden Wendung deutlich. Ab hier konnte ich richtig mitfühlen. Auch der Ausgang der Geschichte war für mich überraschend, da ich mich schon fragte, wie diese 4er-Verstrickung letztlich aufgelöst wird. Mir hat die Geschichte zunehmend besser gefallen ... bis zwei Seiten vor Schluss. Diese letzten zwei Seiten hätte ich wirklich nicht gebraucht, denn diesen Kunstgriff mag ich bei Büchern generell nicht, da ich mich immer betrogen fühle. Leider kann ich nicht mehr dazu schreiben ohne zu spoilern.
Insgesamt hat mir dieses ruhige Büchlein gut gefallen, das darüber reflektiert, wie die Liebe im Familienalltag aussieht. Sicherlich ist die Züricher (Ober-?)Schicht nicht repräsentativ, aber die Figuren passen ausreichend gut auf viele gehobene deutsche Großstadtbezirke. So hat die Geschichte viel Lebensnähe, auch wenn die Probleme der Protagonisten natürlich nicht mit denen in Krisenherden oder Dritte-Welt-Ländern vergleichbar sind. Doch trifft das Buch meiner Meinung nach gut, was sicherlich viele Großstädter beschäftigt in einer Zeit, in der Spaß, Partys und Ungebundenheit bis ins mittlere Erwachsenenalter propagiert werden. Und in der immer nach dem Optimum gesucht und gestrebt wird.
Die Geschichte wird aus der Sicht von Meret erzählt, die an Jan schreibt. Meret macht mit ihrer Familie (ihr Mann Dres und ihre beiden Söhne Joachim und Antonín) in Italien. Dres und die Kinder sind am Strand, doch Meret hat sich auf die Terrasse eines Cafés oberhalb des Strandes zurückgezogen. Dort trifft sie auf Jan und die beiden spüren – zumindest aus Merets Sicht – sogleich eine gegenseitige Anziehung. Kurz darauf kommt Romy, Jans Frau, mit den beiden Söhnen Gustav und Ville dazu. Aus der Verabredung zu zweit am Abend wird ein Treffen der Familien – beide wohnen in Zürich und die Kinder sowie auch Romy und Dres kennen sich bereits. Man trifft sich in Zürich wieder und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Der ruhige Erzählstil von Mireille Zindel hat mir gut gefallen. Die Geschichte entwickelt sich nach und nach, oft passiert gar nichts Außergewöhnliches, der Leser hat teil am Leben von Meret, die sich über Vieles Gedanken macht. Es gibt noch eine unerwartete Wendung sowie ganz am Ende eine Überraschung. Mich hat das Buch überzeugt, allerdings darf man keine typische Seitensprung-Geschichte erwarten sondern eher eine Charakterstudie.