Rund 20 Protagonisten auf 200 Seiten? Nicht wirklich verwunderlich, dass sie überwiegend klischeehaft sind. Was gehört denn in einen Roman aus einem Krimi-Verlag, der im Zürcher Milieu spielt? Eine Prostituierte, ein Puffbesitzer mit seriöseren finanziellen Ambitionen und kleinen Handlangern, eine alleinerziehende Mutter, eine zweiklassige freie Journalistin, ein Chefredakteur, ein Politiker, ein Anwalt, ein PR-Berater, der seine Triebe nicht im Griff hat, dessen Ex-Frau nicht nur einen extravaganten Vornamen (Apollonia) hat, sondern auch einen Geschäftssinn, der über der Moral steht, eine junge Frau, die beinahe vergewaltigt wird, sich aber zu wehren weiß... Eine angesagte Modedesignerin, eine Künstlerin, ein Hausmeister, eine überforderte Investmentbankerin und natürlich ein Polizist (sogar zwei) und eine Rechtsmedizinerin dürfen nicht fehlen. Irgendwie kommt dies alles zusammen - oder eben auch nicht. Einen richtigen Handlungsfaden gibt es nicht, auch wenn es zuerst so wirkt und sich die Wege mancher kreuzen. Weniger (Personal) wäre mehr (Platz für "Fleisch am Knochen") gewesen.
Ein packendes Buch ohne Komfort-Zone! Trotz der Kürze sind alle Charaktere komplex und anschaulich, sodass man zu allen eine Bindung aufbaut. Die Charaktere sind außerdem allesamt individuell gestaltet, besonders gefallen hat mit darüber hinaus, dass es kein klares gut und böse in dem Buch gab, jeder hatte etwas zu verbergen. Mitreißend führt der Autor den Leser durch alle sozialen Milieus, Grenzen gibt es keine, auch die Personen durchlaufen mehrere zur selben Zeit. Ein echt tolles Buch, das einen packt und mitreißt auf seiner wilden Fahrt!
Auf unserer Welt leben viele Menschen auf engem Raum - somit muss man sich seiner Handlungen bewusst sein. Jede Tat beeinflusst nämlich das Leben der Anderen, im Guten wie im Schlechten. Diese engen Verknüpfungen ist man sich oft nicht direkt bewusst und das Thema wird gerne in Film und Buch behandelt. "Am Ende die Nacht" von Schweizer Autor Michael Herzig nimmt sich diesem Grundsatz an und beleuchtet auch knapp 200 Seiten die Schicksale von mehr als zehn Personen in Zürich, die auf mehrere Arten verbunden sind.
Und ja, da fällt der Fehler schon auf: Herzig nimmt sich zu wenig Zeit für seine Charaktere, viele verkommen zu Statisten und Klischee-Hüllen. Die Mischung aus Krimi und Milieustudie kommt nie zu einem Höhepunkt und plätschert ohne gross mitzureissen dahin. Dies ist etwas schade, da grundsätzlich die Idee sehr interessant wäre. Wer sich für eine wunderbare Umsetzung einer solchen Kettenreaktion interessiert, der lese das Gegenstück "City On Fire". Mehr Personen, viel mehr Seiten und die gesamte Bandbreite an Emotionen. https://www.goodreads.com/review/show...