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Vor uns die Sintflut: Geschichten
German
165 pages, Hardcover
First published January 1, 1998
About the author
Urs Widmer
108 books20 followersUrs Widmer was born in Basel in 1938. He studied German, Romance languages and History in Basel, Montpellier and Paris. In 1966 he completed his doctoral thesis on German postwar prose, and then worked as an editor for Walter Publishing House in Olten, Switzerland, and for Suhrkamp Publishing House in Frankfurt. In Frankfurt he stayed for 17 years, though with Suhrkamp only until 1968. Together with other editors he founded the ›Verlag der Autoren‹. Until his death Urs Widmer lived and worked as a writer in Zurich.
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Community Reviews
Displaying 1 - 2 of 2 reviews
September 15, 2020
Urs Widmer, wohl der phantasievollste deutschschweizerische Schriftsteller, zeigt sich hier wieder in seiner Vielfältigkeit.
Die Geschichten, fast alle zuerst in der Magazinbeilage der "Neuen Züricher Zeitung" veröffentlicht und nun in diesem Band gesammelt, sind mal satirisch, mal ironisch, mal nachdenklich, mal phantastisch, mal heiter, mal grotesk. Aber alle kommen wunderbar leicht daher, wirken niemals bemüht und angestrengt.
Widmer schafft wieder eine ganz eigene poetische Welt, in der alles Platz hat, Mythen, Geschichte, Alltagserfahrungen und Legenden. Ein Kosmos, in dem alles möglich ist, und in der doch sich die Welt widerspiegelt, das Unheil, die Sorgen und die
Hoffnungen des Autors. In "Am Anfang war das Wort" finden Urknalltheorie und biblischer Schöpfungsweise auf reizvolle Weise zusammen.
Oft dringt Besorgnis, durch, die Einsicht ins Unheil der Welt durch, so zum Beispiel in "Shit im Kopf", einem Monolog von einem, dem alles Angst macht, der glaubt, Außerirdische würden ihn manipulieren, der sich in abstruse Gedankengänge versteigt.
Die Geschichten finden wie von selbst ihre eigene Wahrheit, wie etwa "Das Geheimnis der Greise im Kaukasus", das der Ich-Erzähler mit Hilfe eines bisher unentdeckten Werkes von Karl May (!) entdeckt. Im Kaukasus lebt man einfach gerne.
Einige sind auch phantastisch. Wie "Pia und Hui, eine chinesische Liebesgeschichte", in der sich ein Mann auf der Suche nach seiner Frau, die einem chinesischen Weisen verfallen ist, in ein chinesisches Bild eintaucht.
Oder "Bei den Augen-Wesen": eine Geschichte, ganz anders als sich ernsthaft gebende Fantasy und doch wird mit anderen Welten, mit Zauberei und phantastischen Wesen hantiert, dass es eine Lesefreude ist.
Ein paar Geschichten könnte man auch als Science Fiction bezeichnen, wie "Das Wahrsagen als exakte Wissenschaft" und "Nach allen Kriegen". In letzterer sind die Menschen bis auf einen von der restlichen Welt abgeschnittenen Stamm ausgestorben. Dieser friedliche Stamm besiedelt allmählich die Erde und weiß zum Glück mit den Relikten der anderen Menschheit nichts anzufangen.
Widmers poetische Phantasiewelt ist ein Kontinuum, in der es auch keine Genregrenzen gibt. Sie spiegelt die Verstörungen und die Einsichten in das Zerstörerische der menschlichen Existenz wider und wird so zu einem Stimmungsbild am Ende dieses Jahrtausends. Widmers Humor verhindert jedoch, dass dies allzu
ernst wird.
Ich kann diesen Band empfehlen, wie auch anderes von Widmer. Von der Lockerheit, dem Einfallsreichtum und der Sinnlichkeit seiner Erzählungen sollte sich so mancher deutsche Autor mal gefangen nehmen lassen. Vielleicht sähe es dann in der Literaturlandschaft besser aus.
Die Geschichten, fast alle zuerst in der Magazinbeilage der "Neuen Züricher Zeitung" veröffentlicht und nun in diesem Band gesammelt, sind mal satirisch, mal ironisch, mal nachdenklich, mal phantastisch, mal heiter, mal grotesk. Aber alle kommen wunderbar leicht daher, wirken niemals bemüht und angestrengt.
Widmer schafft wieder eine ganz eigene poetische Welt, in der alles Platz hat, Mythen, Geschichte, Alltagserfahrungen und Legenden. Ein Kosmos, in dem alles möglich ist, und in der doch sich die Welt widerspiegelt, das Unheil, die Sorgen und die
Hoffnungen des Autors. In "Am Anfang war das Wort" finden Urknalltheorie und biblischer Schöpfungsweise auf reizvolle Weise zusammen.
Oft dringt Besorgnis, durch, die Einsicht ins Unheil der Welt durch, so zum Beispiel in "Shit im Kopf", einem Monolog von einem, dem alles Angst macht, der glaubt, Außerirdische würden ihn manipulieren, der sich in abstruse Gedankengänge versteigt.
Die Geschichten finden wie von selbst ihre eigene Wahrheit, wie etwa "Das Geheimnis der Greise im Kaukasus", das der Ich-Erzähler mit Hilfe eines bisher unentdeckten Werkes von Karl May (!) entdeckt. Im Kaukasus lebt man einfach gerne.
Einige sind auch phantastisch. Wie "Pia und Hui, eine chinesische Liebesgeschichte", in der sich ein Mann auf der Suche nach seiner Frau, die einem chinesischen Weisen verfallen ist, in ein chinesisches Bild eintaucht.
Oder "Bei den Augen-Wesen": eine Geschichte, ganz anders als sich ernsthaft gebende Fantasy und doch wird mit anderen Welten, mit Zauberei und phantastischen Wesen hantiert, dass es eine Lesefreude ist.
Ein paar Geschichten könnte man auch als Science Fiction bezeichnen, wie "Das Wahrsagen als exakte Wissenschaft" und "Nach allen Kriegen". In letzterer sind die Menschen bis auf einen von der restlichen Welt abgeschnittenen Stamm ausgestorben. Dieser friedliche Stamm besiedelt allmählich die Erde und weiß zum Glück mit den Relikten der anderen Menschheit nichts anzufangen.
Widmers poetische Phantasiewelt ist ein Kontinuum, in der es auch keine Genregrenzen gibt. Sie spiegelt die Verstörungen und die Einsichten in das Zerstörerische der menschlichen Existenz wider und wird so zu einem Stimmungsbild am Ende dieses Jahrtausends. Widmers Humor verhindert jedoch, dass dies allzu
ernst wird.
Ich kann diesen Band empfehlen, wie auch anderes von Widmer. Von der Lockerheit, dem Einfallsreichtum und der Sinnlichkeit seiner Erzählungen sollte sich so mancher deutsche Autor mal gefangen nehmen lassen. Vielleicht sähe es dann in der Literaturlandschaft besser aus.
March 1, 2024
Man meint doch manchmal, der Dürrenmatt-Stil sei abgestorben und werde von niemand mehr gepflegt oder gelesen, seit Dürrenmatt im Tunnel ohne Ende verschwunden ist. Einstmals weltumspannend verehrt, heutigen jungen Schreibkunst-Heroinen wie Judith Hermann, Juli Zeh, Julia Franck oder Julia Engelmann eher ein Ausbund der Frühvergreisung und kleinbürgerlichen Selbstüberschätzung. Na ja, ob's nun gut war oder nicht, ist jedenfalls vorbei! Und genau in diesem Moment, zuerst noch winzig klein und sehr weit fort im Hintergrund, taucht unter klarst blauem Himmel ein Schülerlein auf. Und das heißt Urs und hat einen Schnauz. Und wir merken: „Der lacht ja!“
Jetzt seinen schampar fließenden Füller noch entschiedener ins Papier einschabend und dem Schülerpulte fest angeschraubt, lässt der brillante Schüler Urs die Nacht ans Land steigen und den Vollmond abstürzen auf den Zirkus Knie in der Rosentalanlage, wo gerade ein sibirischer Eistiger durch den entflammten Reif springt. Vor nicht mal einer Viertelstunde ist die Menschheit entstanden und jetzt ist wieder vorbei mit ihr. Kometen haben mehrere Planeten karambolagiert, das schwarze Loch hat hellauf gelacht, Käptn Kidd ist über den Urner See gepäddelt gen Güllen, was in letzter Zeit nur noch „Raumspray“ genannt wurde, zehntausende Bomben sind hoch und haben den Globus vom Globi verstrahlt. Gott ist jetzt tot. Oben aber, ein Henniez in seiner Hand, steht der Urs am Rank und strahlt wie der Rosenlauigletscher beim Chlausentreiben. Es ist noch ziemlich lüpfig da, luschtig, nicht so ernst und verbissen wie bei den Schwaben ennet dem Rhein, wo es mehrenteils um Probleme der Geschlechter und von Geschlechtlichkeit geht und immer die Frauen davon Bescheid wissen.
Wie vor ihm schon der Fritzli ist auch der Ursli ein preisgekrönter Primus aus dem „Institut Puschlav“. Aber er ist das vor allem, der herausgefunden hat, dass man in Bagdad nicht einmal gewesen sein muss und nicht auf der Venus, um über Sindbads Reisen und die Explosion des Erdballs pünktlich zur fünfhundertsten Wiederkehr des Ersten Äugsten alles schriftlich zusammenzufassen, was später dann noch bleiben wird.
Ohne ein währschaftes Selbstbewusstsein geht das nicht. Und man muss sich schon sehr sicher sein, dass man den Lesern des Diogenes-Verlags alles, wirklich alles, aber kompletti, tous y compris öppen alles erzählen und beschreiben kann (nämlich auf höchstens 30 Seiten je), wenn man nur den Wortakku reschtlos aussteuert. Dann springen sie alle, alle Geißen, Gneise, Löwenzähne, Ackersalatblättchen, sie springen und dann klingen sie lange nach im blutroten Alpsegen!
Jetzt seinen schampar fließenden Füller noch entschiedener ins Papier einschabend und dem Schülerpulte fest angeschraubt, lässt der brillante Schüler Urs die Nacht ans Land steigen und den Vollmond abstürzen auf den Zirkus Knie in der Rosentalanlage, wo gerade ein sibirischer Eistiger durch den entflammten Reif springt. Vor nicht mal einer Viertelstunde ist die Menschheit entstanden und jetzt ist wieder vorbei mit ihr. Kometen haben mehrere Planeten karambolagiert, das schwarze Loch hat hellauf gelacht, Käptn Kidd ist über den Urner See gepäddelt gen Güllen, was in letzter Zeit nur noch „Raumspray“ genannt wurde, zehntausende Bomben sind hoch und haben den Globus vom Globi verstrahlt. Gott ist jetzt tot. Oben aber, ein Henniez in seiner Hand, steht der Urs am Rank und strahlt wie der Rosenlauigletscher beim Chlausentreiben. Es ist noch ziemlich lüpfig da, luschtig, nicht so ernst und verbissen wie bei den Schwaben ennet dem Rhein, wo es mehrenteils um Probleme der Geschlechter und von Geschlechtlichkeit geht und immer die Frauen davon Bescheid wissen.
Wie vor ihm schon der Fritzli ist auch der Ursli ein preisgekrönter Primus aus dem „Institut Puschlav“. Aber er ist das vor allem, der herausgefunden hat, dass man in Bagdad nicht einmal gewesen sein muss und nicht auf der Venus, um über Sindbads Reisen und die Explosion des Erdballs pünktlich zur fünfhundertsten Wiederkehr des Ersten Äugsten alles schriftlich zusammenzufassen, was später dann noch bleiben wird.
Ohne ein währschaftes Selbstbewusstsein geht das nicht. Und man muss sich schon sehr sicher sein, dass man den Lesern des Diogenes-Verlags alles, wirklich alles, aber kompletti, tous y compris öppen alles erzählen und beschreiben kann (nämlich auf höchstens 30 Seiten je), wenn man nur den Wortakku reschtlos aussteuert. Dann springen sie alle, alle Geißen, Gneise, Löwenzähne, Ackersalatblättchen, sie springen und dann klingen sie lange nach im blutroten Alpsegen!
Der Schöpfer, der jetzt durchaus beschreibbar war - untersetzt, hängende Arme, Keule in der Hand -, setzte sich irgendwo im Zweistromland aus und an den Hängen des Berges Ararat. Er war bald von Männern und Frauen umringt, die aus ihren Höhlen gestürzt kamen. Er redete mit ihnen, den Grunzern und Knurrern, sagte „Löwe“, „Schachtelhalm“, „Eichhörnchen“ und „Baum“. Alle sperrten Ohren und Münder auf. Zuweilen fiel er ins göttliche Sprechen zurück, aus Vergeß, und dann stürzte ein Angesprochener schreiend um, mit geplatztem Trommelfell. Oder ein Dornbusch brannte und setzte die in Panik, die das Wunder sahen. Aber bald waren alle so hingerissen von dem neuen Sprechen - nur die ganz Alten schwiegen weiterhin verstockt -, daß sie es selber versuchten. Bald waren der Akkusativ, die kausale Konjunktion und das reziproke Pronomen in aller Munde.
Irgendwann einmal warf der Schöpfer wie nebenbei seinen Lieblingssatz in die Diskussion - eine echte Marotte, wenn wir uns dem Schöpfer gegenüber ein Urteil erlauben dürfen -, und alle nickten (...)
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