Während Berlin noch unter den Folgen des Ersten Weltkriegs leidet, versetzt eine Serie bestialischer Sexualmorde die Stadt in Angst und Schrecken. Immer wieder werden im Luisenstädtischen Kanal und im Engelbecken zerstückelte Frauenleichen gefunden.
Horst Bosetzky erzählt den authentischen Fall des Karl Großmann, der als einer der größten deutschen Serienmörder in die Geschichte eingegangen ist. Mit soziologischem und psychologischem Gespür zeichnet er die Greueltaten des gelernten Schlachters nach, der sich um 1920 nahe des Schlesischen Bahnhofs als Wurstverkäufer verdingte. Eindrücklich zeigt der Autor, warum insgesamt möglicherweise über hundert Frauen sterben mussten, bevor dem sadistischen Triebtäter das Handwerk gelegt wurde.
"Die Bestie vom Schlesischen Bahnhof" gehört zu einer Reihe dokumentarischer Spannungsromane, die den schriftstellerischen Höhepunkt des Berliner Erfolgsautors Horst Bosetzky markieren. In diesen Doku-Krimis verwebt der bekannte Kriminalschriftsteller gekonnt Fakten und Fiktion zu einer packenden Romanhandlung. Anhand eines realen Kriminalfalles zeichnet er jeweils das gültige Bild einer markanten Umbruchphase in der Geschichte Berlins.
Horst Bosetzky (1938 - 2018), who also wrote under the pen name "-ky", was a German novelist and retired professor of sociology, best known to the public for his crime and mystery novels.
Das nachkriegsgebeutelte Berlin der frühen 1920er Jahre: Politische Auseinandersetzungen, Elend, Hunger und Deflation prägen die Menschen der Großstadt. In dieser Zeit treibt der Serienmörder Karl Großmann sein Unwesen. Mit dem Versprechen auf Nahrung, Unterschlupf oder eine Stellung als Wirtschafterin lockt der verwahrloste und gewaltbereite Hausierer und Wurstverkäufer Halbweltfrauen in seine Wohnung, missbraucht sie grausam und zerstückelt sie. Der Polizei und seinem Umfeld ist er seit langem auffällig, gehandelt wird allerdings erst viel zu spät. Drei Morde konnten Großmann in seinem Gerichtsprozess nachgewiesen werden, Schätzungen zufolge mag er aber mit dem Verschwinden von bis zu 100 Menschen im Großraum Berlin zu tun gehabt haben. Zu einer Verurteilung kommt es nicht: Am 5.7.1922 erhängt sich Großmann in seiner Gefängniszelle.
Bosetzky erzählt die Geschichte der Großmann-Taten auf der Grundlage fundierter Recherchen in einer interessanten Mischung aus biographischer Erzählung, historischem Roman und Kriminalgeschichte. Sein multiperspektivischer Zugriff hat mir dabei vor allem im ersten Drittel des Textes sehr gut gefallen: Erfundene Figuren (das gefallene Mädchen Grete Tschau und ein jüdischer Ladenbesitzer) kommen durch Zufall mit Großmann in Kontakt, kaufen an seinem Wurststand oder können einen beiläufigen Blick in seine Wohnung werfen. Erst im dritten Kapitel steht dann der Mörder selbst im Zentrum - seine Kindheits- und Jugenderfahrungen, sein verrohtes Herkunftsmilieu, seine problematischen sexuellen Vorlieben werden beleuchtet.
Habe ich die erste Hälfte des Textes fast verschlungen, wurde er in der zweiten für mich etwas zu langatmig. Das Auftreten von Ermittlerfiguren, die unendlich langen Verhörsequenzen, schließlich insbesondere der Handlungsstrang einer erfundenen Liebesgeschichte hatten für mich nicht mehr den rechten Drive und haben streckenweise die Großmann-Geschichte in den Hintergrund treten lassen. Das ist von Bosetzky durchaus so gewollt: die Liebesgeschichte soll ein Gegengewicht zur "Bestie vom Schlesischen Bahnhof" schaffen. Kontingenzbewältigung durch Kitsch? Ich hätte das nicht gebraucht. Seltsam mutet schließlich auch der Standpunkt an, den der Autor zu Großmann einnimmt. Auch wenn er immer mal wieder betont, dass Großmann ein Monster war, zielt die komplette Anlage des Textes eigentlich darauf, den Fall aus sozialen Umständen und gesellschaftlichem Versagen heraus zu motivieren. Das geht so weit, dass das erfundene Opfer Grete Tschau sich sogar dazu reizen lässt, in Großmann (auch) ein Opfer seiner Umgebung zu sehen. Zwar ist Bosetzky um eine ambivalente Bewertung bemüht, sie neigt sich gefühlt aber doch recht stark in Richtung Verteidigung, auch wenn dies vom Autor so vielleicht nicht beabsichtigt war.
Der dokumenatarische Kriminalroman handelt vom Massenmörder Karl Großmann, der Anfang der 20er Jahre in Berlin zahlreiche Frauen ermordete, zerstückelte und die Leichtenteile teilweise im Engelbecken „entsorgte“. Neben der schaurigen Geschichte mit zahlreichen Originalzitaten gibt es informative Passagen über die Zeit: die Atmosphäre um den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof), die Ringervereine, die Architektur (beispielsweise des nicht mehr existierenden Hotel Excelsiors gegenüber dem ebenfalls zerstörten Anhalter Bahnhofs). Das Ganze wird stets angereichert um die tagesaktuellen Schlagzeilen. Die abschließende Einordnung des Ganzen in den Komplex „Serienmörder“, der eigenhändige Lebenslauf Großmanns und die Literaturliste machen das Buch in der Tat zu mehr als einem Kriminalroman.