Jede offentliche Kriminalitatswahrnehmung hat Anzeigen zur Voraussetzung, ein soziales Geschehen mit vielen Gesichtern, das die Kriminologie kaum thematisiert und problematisiert. Die formliche Kriminalitatsanzeige an Polizei und Strafjustiz stellt dabei einen Appell an offentliche Autoritat und Macht dar und den Versuch, diese fur eigene Zwecke und Interessen nutzbar zu machen. Aufgabe von eigener Kompetenz und Einwilligung in (Selbst-)Disziplinierung sind neben routinemassiger Anspruchsverfolgung und moralunternehmerischen Initiativen wichtige Aspekte der Mobilisierung staatlicher Machtmittel. Der vorliegende Band will die Aufmerksamkeit auf die Vermitteltheit von Kriminalitat bzw. von Kriminalitatsinformationen durch Anzeigen richten. Umgekehrt sollen Daten uber Kriminalitat und Kriminalitatsentwicklungen als Informationsquellen uber Anzeigepraktiken und -muster erschlossen und interpretiert werden. Beitrage zu verschiedenen Aspekten von Denunziation und uber atypische Kriminalanzeigen nebeneinander sollen den Blick dafur scharfen, wie wenig selbstverstandlich Anzeigehandlungen an und fur sich sind.