Berlin, Mai 1919: Alles andere als eine Situation, in der man, wie man heute sagt, ein "start up" wagen würde. Aber Benedict Lachmann - jüdischer Anarchist, Autor, Verleger und Buchhändler wagt es: Er gründet den "Buchladen Bayerischer Platz".
Lachmann, ein Vertreter des "individualistischen Anarchis mus", der jede Art von politischer Organisation und Gewalt ablehnt, nutzt mit seinen Veröffentlichungen, Zeitschriften und mit einer eigenen Buchhandlung die in der neuen Verfassung festgelegte Pressefreiheit. Gleichzeitig hat er literarische Interessen, besucht die Treffpunkte der jungen Literaten, der neuen Literatur - und fördert diese in seinem Buchladen. Der wird schnell zu einem Treffpunkt, der Bayerische Platz ist eine ideale Umgebung für das anspruchsvolle Unterfangen - Albert Einstein, Curt Riess, Paul Marcus und andere Prominente wohnen in direkter Nähe.
In mancher Hinsicht mag es so scheinen, als ob diese Geschichte vor allem etwas für in Berlin lebende Leser ist, denn nahegebracht wird einem nicht nur die Geschichte einer Buchhandlung, sondern auch die Geschichte des Kiezes (Bayerisches Viertel), in dem sie sich befindet. Doch steht diese Geschichte (von 1919 bis in die Gegenwart) in engem Zusammenhang mit der Geschichte Deutschlands.
Die Buchhandlung am Bayerischen Platz wird gegründet vor dem Hintergrund der intellektuellen Atmosphäre der 20er Jahre in Berlin. Der Gründer ist Benedict Lachmann, der sich in Anlehnung an Max Stirners Philosophie als individueller Anarchist bezeichnet, selbst schreibt, veröffentlicht und im Romanischen Café verkehrt. Beschrieben wird nicht nur, welche berühmten Persönlichkeiten im Bayerischen Viertel lebten (und die Buchhandlung besuchten), sondern auch wie das Viertel entstand, welche architektonischen Ideen (Nürnberger Stil) und politischen Entwicklungen (Entstehung Groß-Berlins 1920) eine Rolle dabei spielten.
Da Benedict Lachmann Jude war, trafen ihn auch die Maßnahmen der Nazis im Buchhandel. Viele Informationen, die hier über die Arisierung des Buchhandels nach 1933, neue Strukturen der Berufsverbände und Berufsverbote geliefert werden, waren mir bekannt; neu war mir aber, was in der Fachliteratur als „Ghetto-Buchhandel“ bezeichnet wurde: Einige wenige Buchhändler, die ausschließlich Judaica verkauften, durften dies für eine kurze Weile auch weiterhin tun (ca. 1937-38), sofern sie ausschließlich an Juden verkauften. Für Berlin traf dies laut vorliegendem Buch für lediglich 2-3 Betriebe zu. Die Bemühungen vieler Juden, Deutschland zu verlassen und Aufnahme in anderen Ländern zu finden, erinnert erschreckend an das, was wir aus der aktuellen Flüchtlingsdebatte kennen. Geld ist erforderlich zur Flucht, oft werden von Aufnahmeländern bestimmte berufliche Fertigkeiten erwartet, oder die Aufnahmekontingente sind viel zu knapp bemessen. Auch Benedict Lachmann gelingt die Flucht nicht, er wird deportiert und kommt ums Leben.
Nicht weniger spannend ist die Beschreibung West-Berlins in der Nachkriegszeit. Natürlich traf die Blockade 1948 auch den Buchhandel – und so richteten West-Verlage in Berlin eigene Außenlager ein um Störungen der Interzonenstrecken vorzubeugen. Lesungen werden zunehmend Bestandteil des Literaturbetriebs, die Atmosphäre der 70er Jahre, die Zeit der Hausbesetzungen sind Teil des Leseumfelds – in den Kneipen werden Raubdrucke aller Art gehandelt. Und dann kommt der Siegeszug der großen Buchhandelsketten nach der Wende, sowie nicht immer gelingende Privatisierungen von Volksbuchhandlungen im Osten – doch die Buchhandlung am Bayerischen Platz hält durch.
Dass es keine privaten Aufzeichnungen von Lachmann oder seinem Nachfolger Paul Behr gibt, wird wettgemacht durch die sehr persönlichen, nichtsdestotrotz geschichtsgesättigten Erinnerungen von Anwohnern, prominenten Besuchern und Autoren, die hier regelmäßig lesen. Z. B. Horst Pillau, der am Bayerischen Platz lebt. Beim Lesen kamen nicht nur eigene Kindheitserinnerungen auf (wie ich mich erinnere, wirkte er in der Fernsehsendung „Dalli Dalli“ mit und er erzählt hier auch von seinen Begegnungen mit Hans Rosenthal), sondern auch ein Schmunzeln angesichts sowohl herzerwärmender Kiezgeschichten, die aber auch vermengt sind mit einer gewissen altmodisch-verstaubten West-Berliner Haltung (immer diese SMSschreibenden Kids mit Kopfhörern; und warum musste man unseren geliebten Flughafen Tempelhof schließen?). Besonders schöne Formulierungen finden sich zudem im Beitrag von Eva Menasse, z. B. wenn sie die Buchhandlung beschreibt: „Er ist klein und eng, sodass man immer gut auf Buchfühlung bleibt.“ Oder „Eine Buchhandlung ist eine Glücksmaschine, nur deshalb geht man immer wieder hin, ja, gelegentlich flüchtet man sich dorthin.“