Dies ist eine ordentliche Familie, hier spricht man nicht miteinander In ihrem beeindruckenden Debüt erzählt Harriet Köhler von vier Menschen, die ihre Familie am liebsten loswerden würden. Aber es bleiben die Wut, das Unverständnis, die Angst vor dem Altwerden und die Sehnsucht nach Anerkennung und Anteilnahme.
Harriet Köhler erzählt die Geschichte einer Familie, in der sich die einzelnen Mitglieder schon lange nichts mehr zu sagen haben. Schlimmer noch, sie haben über die Jahre eine tiefe Abneigung gegeneinander entwickelt. Ulla regt sich über jedes Wort, jede Geste ihres Mannes Heiner auf. Heiner wirkt über große Strecken der Geschichte so, als ob er fast schon Angst vor seiner Frau hat. Der ehemalige Professor für Naturkunde beginnt, die Auswirkungen des Alters und auch der durch die Rente kleiner werdenden geistigen Anforderungen zu spüren und ist verunsichert.
Die schon erwachsenen Kinder leben zwar beide in Berlin, aber sie sehen sich nicht. Ihre Lebensweisen sind zu unterschiedlich. Während Linda auf der Suche nach ihrem eigenen kleinen Stück vom Glück ist, ist das genau das, wovor ihr Bruder Ferdinand davonläuft. Beide haben nur eines gemeinsam: die Verachtung für ihre Eltern. Warum das so ist, enthüllt die Autorin Stück für Stück in den Gedanken der Kinder, an denen sie mich teilhaben lässt.
Die Erzählweise ist ungewöhnlich: die vier Charaktere führen Selbstgespräche in ihren Gedanken. Der Ton ist immer negativ, gerade Ulla hackt nicht nur auf ihrem Mann, sondern auch auf sich selbst herum. Auch Linda macht sich selbst klein und sieht auf ihre Eltern herunter. Nur Ferdinand ist der Einzige, der ehrlich mit sich selbst ist und den Fehler zuerst bei sich sucht.
Der Tod der Tochter bzw. kleinen Schwester nimmt anfangs kaum Raum ein, bis er beim Familientreffen an Ostern zu einer Explosion führt. Aber wie auch bei den Gedankenspielen von Ulla, Heiner, Linda und Ferdinand erfahre ich nur wenig über das, was damals passiert ist. Das,was wirklich wichtig ist, wird nie angesprochen, weder in Gedanken noch in Worten. Sicherlich wäre das Familienleben ein anderes, hätte man das von Anfang an gemacht. Aber keiner der Vier war der Typ dazu und so ist das Buch nicht die Geschichte einer Familie, sondern nur von vier Menschen, die irgendwie miteinander verwandt sind.
Fing stark an- konnte das Niveau leider nicht bis zum Ende halten. Solide geschrieben und gute Personenbeschreibung. Mir hat aber etwas das Gefühl gefehlt- ich konnte nicht so wirklich mitfühlen…