Um sich und sein Leben im Griff zu haben, sind für Herbert Kull strikte Tagesabläufe und Rituale ein Muss. Neben seiner Ordnungsliebe hat er eine Schwäche für Lavendel, ein Duft, der ihn an seine geliebte Mutter erinnert. Die junge Assistentin Simone Allemann arbeitet Tür an Tür mit dem ältlichen skurrilen Buchhalter und hat ihr Leben alles andere als im Griff.
Die beiden verbindet absolut nichts, sie leben in verschiedenen Welten - bis es zu jener fatalen Begegnung kommt ...
Die Geschichte um Herbert und Simone beginnt ohne Umschweife und zieht den Leser sofort in das Geschehen. Barbara Hagmann zeigt dabei bereits auf den ersten Seiten ihr Talent, authentische und lebensnahe Charaktere zu erschaffen, deren Beschreibungen so simpel aber detailliert sind, das man die Figuren genau vor Augen hat und bei denen sich jede Handlung perfekt in das Gesamtbild des Charakters eingefügt - gerade das ist es auch, was diese Geschichte in meinen Augen zu etwas ganz besonderem gemacht hat. Allen voran steht der kauzig anmutende aber eindrückliche Herbert Kull, der mir bereits von der ersten Seite an irgendwie ans Herz gewachsen ist. Seinen Alltag übersteht Herbert, indem er Tag für Tag alle Aktivitäten sorgfältig durchstrukturiert und im voraus plant - dabei bringt ihn schon die kleinste Abweichung völlig aus dem Konzept und in seinem Bestreben, vor allem in seiner Arbeit akkurat und perfekt zu sein, können ihn die Aufgaben, die ihm als Buchhalter aufgetragen werden, auch schon mal die ganze Nacht wachhalten. Dabei ist dem Leser von Anfang an klar, dass all dieses seltsame Verhalten von Herbert doch einen Ursprung haben muss - worin dieser liegt, erfährt man aber erst gegen Ende des Buches.
Überhaupt löst sich das gesamte Geschehen erst auf den letzten Seiten auf, wobei man während des Lesens schon auf Anhaltspunkte stößt und sich dabei Stück für Stück eine eigene Theorie zusammenbasteln kann, was zu Herberts fast schon autistischem Lebensstil geführt hat. Rückblenden aus der Vergangenheit runden das Gesamtbild ab und machen stets neugierig auf mehr, denn gerade Herberts Vergangenheitsbewältigung ist der Dreh- und Angelpunkt für die Geschichte. Nach und nach versucht Herbert das Puzzle um seine von ihm idealisierte Mutter aufzudecken und erfährt dabei schockierende Tatsachen. Gerade dieser Teil - für mich definitiv der spannendste des Buches - in dem es um den psychologischen Aspekt und deren Aufklärung ging, war leider etwas zu schnell und knapp dargestellt - gerne hätte ich hier ausführlicher darüber lesen wollen, wie genau das eine zum anderen geführt hat und insbesondere die Familienverhältnisse aus Herberts Kindheit hätten nach meinem Geschmack noch näher beleuchtet sein können.
Im Gegensatz zu Herbert bleibt Simone, aus deren Perspektive der andere Teil des Buches erzählt wird, für mich etwas blass. Sie macht gerade eine Trennung durch und ein Großteil ihrer Passagen zeichnen sich durch Liebeskummer und das Schwelgen in Erinnerung an ihre ehemalige Liebe aus - in meinen Augen leider etwas zu eintönig und fade und gerade in der zweiten Hälfte des Buches, in der plötzlich noch ein jahrelanger heimlicher Verehrer von ihr auftaucht, etwas zu konstruiert und für mich nicht klar, welche Bedeutung das genau für die Geschichte haben soll. Einzig in Bezug auf Simones Gedanken zu Kull konnte mich ihre Perspektive wirklich fesseln - einerseits fand diese Herbert extrem abstoßend und sonderbar, andererseits fühlte sie auch so etwas wie Mitleid für ihn.
Besonders in sich hat es das Ende - hier treffen alle vorangegangenen Details aufeinander und führen zu einer Explosion, mit der ich nicht wirklich gerechnet hatte, die sich aber unfassbar gut in das Gesamtgeschehen einfügt - womöglich sogar den einzig logischen Schluss bildet und auch nach Zuschlagen des Buches noch nachwirkt und einen darüber nachdenken lässt, welch enormen Einfluss Geschehnisse aus der Kindheit auf unser späteres Leben haben können. Ich vergebe 3.5 von 5 Sternen.
Ein flüssig geschrieber Roman der viele verschiedene Themen gleichzeitig anspricht aber die meisten ganz gut balanciert. Besonders das Zwangsverhalten ist, meiner Meinung nach zumindest, wirklich gut dargestellt in diesem Buch. Zudem es auch eine interessante Aufmachung hatte, da wir mit einem gesehenen Mord in das Buch gegrüßt werden, zurück gehen bevor es passiert ist, die Charakter kennen lernen und ihren weg mit gehen bis sie wieder an der stelle des Mordes ankommen, wo das Buch endet. Eine Interessante andere art so ein Buch aufzuwickeln, da eindeutig klar ist was und wie alles passiert ist und somit kein Bedürfnis für Ermittlung oder andere typische Krimi Momente in dem Buch nötig sind.
Das was mich ein wenig an dem Buch gestört hat war das die Charakter doch sehr oberflächlich wirken. Ich hatte nie das Gefühl das sie wirklich mehr sein könnten als mit bestimmten Charakteristiken erschaffenen Charakter eines Buches was etwas schade ist.
Allerdings war es ein sehr interessantes Buch im ganzen und definitiv mehr Leser wert als bis her hier auf Goodreads angegeben sind!
Sehr flüssig und gut zu lesendes Buch mit einem spannenden Thema (Verdrängung, Kindheit, Aufarbeitung, Zwangsstörung), so dass ich das Buch auf einer längeren Zugfahrt in einem Tag weggelesen habe. Auch das Format (Krimi, aber ohne Detektive, Polizei oder Anwälte) ist sehr interessant. „Nur“ vier Sterne weil die Charaktere für meinen Geschmack dann doch ein bisschen zu überzeichnet sind und an Glaubwürdigkeit verlieren. Trotzdem: sehr empfehlenswert!