Das Neue hat Konjunktur, auch und gerade in der hier ein neuer Bürokomplex, dort eine weitere Shoppingmeile oder eine schicke Wohnanlage für Gutverdienende - ganz zu schweigen von all den Prestigeobjekten, deren Kosten regelmäßig aus dem Ruder laufen. Baubranche und Politik wollen uns weismachen, dass Neubauten entweder alternativlos oder aus energetischer Sicht unbedingt geboten sind. Dabei ist ihre wahre Ökobilanz meist alles andere als positiv, denn ihr Flächen- und Rohstoffverbrauch bis zur Fertigstellung wiegt schwer. Langsam formiert sich Widerstand und Menschen engagieren sich gegen den Abriss eines Teils ihrer Stadtgeschichte oder für die Erhaltung innerstädtischer Freiflächen wie jüngst beim Berliner Tempelhofer Feld. Daniel Fuhrhop begleitet ihren Kampf gegen die Bauwut nicht nur mit seiner Kampagne 'Verbietet das Bauen', sondern bietet im vorliegenden Buch eine Fülle von Ideen an, um alte Substanzen zu erhalten - zum Gewinn von Bürger, Umwelt und Wirtschaft.
Ich fordere euch heraus: Radikalisiert euch dieses Jahr mit einem Thema, bei dem ihr das nie für möglich gehalten hättet. Neubauten!
Tatsächlich scheint das Thema nur aktueller zu werden; jede Bundesregierung singt ihr eigenes Lied vom Wohnraummangel und vom neuen Bau-Boom, den sie herausbeschwören will. Ob durch einfache Deregulierung der Vorschriften (nicht so gut!) oder durch einen einfachen Fokus auf maximale Mobilisierung und Sozialwohnungen. Letzteres ist besser, aber noch immer problematisch, wie wir in dieser Streitschrift lernen. Zumindest, wenn sozialer Wohnungsbau primär als Neubau funktioniert.
Wie so häufig ist der Neubahwahn in erster Linie ein Auswuchs des Turbokapitalismus. Allerdings einer, den sogar gut informierte Linke nicht sofort durchschauen. Deshalb erklärt dieses Buch, wieso die (notfalls erzwungene) Umnutzung oder Sanierung bestehender Gebäude IMMER besser ist als ein Neubau. Der Titel „Verbietet das Bauen!“ ist also sehr wörtlich und absolut zu begreifen.
Damit diese Aufforderung nicht so realistätsfern bleibt wie sie zuerst klingt, untermauert der Autor seine Thesen mit beeindruckend überzeugenden, häufig eiskalt empirischen Argumenten. Für besseren Umwelt- und Klimaschutz, für mehr soziale Gerechtigkeit und unterm Strich: für ausreichenden und lebenswerten Wohnraum.
Es geht um Klimabilanzen bestimmter Bau- und Gebäudearten, bestehende Leerstände (die wirklich schockierend sind), Tricks von Eigentümern, innovative Sanierungstechniken und mehr. Ebenso sehr geht es aber um einen Wandel im Denken: Bestehende Gebäude, ihre Historie und Architektur wertzuschätzen und die menschengemachten Konstrukte des Wohnungsmarkt zu hinterfragen.
Mit einer Prise Provokation und einer ganzen Menge Humor ist Verbietet das Bauen eine wertbringende Lektüre für alle, die wohnen, mieten, besitzen oder leider nicht so wohnen, wie sie es gerne würden. Kurzum: eigentlich für alle.
Es fängt gut an und lässt dann stark nach. Fuhrhop macht in der ersten Hälfte des Buches sehr viele gute Punkte und präsentiert überzeugend sein Anliegen; in der zweiten Hälfte geht ihm dann die Puste aus und er verliert sich in endlosen Wiederholungen bereits gesagter Dinge, die endlos in leicht abgewandelten Formulierungen wiedergekäut werden. In der zweiten Hälfte kommt auch Furhops innerer Konservativer (man könnte sagen: Spießer) zum Vorschein, dem Singles anscheinend genauso ein Dorn im Auge sind wie getrennt lebende Paare und dem es zutiefst widerstrebt, dass heute nicht mehr Vater Mutter Kind und Oma auf 60m² zusammenleben. Diese unnötigen Moralpredigten über die Sünden des Alleinlebens schmälern ein ansonsten gutes Buch gegen Ende doch sehr und verleiden ein Stück weit die Lust am Fertiglesen.
Man möchte dem Herrn Fuhrhop ans Herz legen, nächstes Mal doch lieber eine Broschüre statt ein Buch zu schreiben. "Verbietet das Bauen" ließe sich auf die halbe Seitenzahl eindampfen, ohne nennenswert an Essenz zu verlieren; in der Kürze liegt bekanntlich die Würze und weniger langatmige Wiederholungen hätten der (durchaus richtigen und sinnvollen) Message des Buches sehr gut getan.
Sehr verständlich und gut zusammengefasst. Einerseits erleuchtend, andererseits unglaublich demotivierend als angehende Architektin zu lesen. Aber auch wichtig. Dieses Buch sollte Pflichtlektüre an allen Unis sein, vor allem für das Lehrpersonal.