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Die Bilder meiner Mutter

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Stephan Wackwitz erzählt das Leben seiner Mutter, wie es war und wie es hätte sein können – mit Warmherzigkeit und Einfühlung, mit Intelligenz und Genauigkeit. Hineingeboren in eine schwäbische Industriellenfamilie in Esslingen am Neckar, flieht die 1920 geborene Margot vor dem autoritären Vater ans Berliner Lettehaus, wo sie das Modezeichnen erlernt. Aber trotz frühen künstlerischen Erfolgen und einer Amerikareise gelingt es ihr im Wirtschaftswunder-Deutschland nicht, aus ihrer Begabung mehr zu machen als das Hobby einer Ehefrau und Mutter in der deutschen Provinz. Das 20. Jahrhundert hat Frauen wie ihr alle Möglichkeiten eröffnet – und sofort wieder verschlossen.

240 pages, Hardcover

First published July 23, 2015

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Stephan Wackwitz

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July 23, 2015
Stephan Wackwitz Mutter Margot ist Jahrgang 1920 und gehört damit zu der Frauengeneration, die als Jugendliche vom Nationalsozialismus geprägt wurden und als Mütter die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge erzogen. Margot Wackwitz ist zugleich eines der „Kriegskinder“, das an der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Vaters litt. Die Aufarbeitung der Familienkonflikte reichte über zwei Generationen und dauerte allein in der Studentenzeit des heute 63-jährigen Autors Jahre. Vermutlich lebten in keiner späteren Generationenfolge Eltern und Kinder in so verschiedenen Welten wie die 1920 und die 1950 Geborenen. Zur Versöhnung zwischen den Generationen könnte auch die Arbeit an diesem Buch beigetragen haben. Wackwitz Mutter hinterlässt ein Tagebuch, mit dem sie in den letzten beiden Jahren vor ihrem Tod ihr verrinnendes Leben festhielt, ihre Briefe an den erwachsenen Sohn und eine bemerkenswerte Sammlung von Zeichnungen. Margot Wackwitz ragt aus ihrer Generation durch ihre Herkunft aus wohlhabender schwäbischer Industriellenfamilie heraus, die ihr von 1936 an eine Ausbildung als Modezeichnerin ermöglichte. Die Ausbildung einer Tochter in einer fremden Stadt, hier an der Berliner Frauen-Kunstakademie Lette-Haus, hätte sich eine Durchschnittsfamilie damals nicht leisten können. In den 30ern wurden Mädchen Köchin, Kinderpflegerin, Büroangestellte. Eine Berufsausbildung sollte damals möglichst schnell Geld in die Familienkasse bringen, und Geschwister sollten in ihren Chancen auf eine Ausbildung nicht benachteiligt werden. Modezeichnerin war noch in den 60ern der Traumberuf kleiner Mädchen, auch wenn die Modezeichnung in Illustrierten zu dem Zeitpunkt schon durch die Modefotografie abgelöst worden war.

Charakteristisch verläuft Margot Wackwitz Lebenslauf, als sie nach Kriegsende und Heirat nicht mehr als selbstständige Modedesignerin den größeren Teil des Familieneinkommens beisteuert. Sie wird zur Assistentin ihres Mannes, der eines der ersten Goethe-Institute in Deutschland leitet. Die „mithelfende Ehegattin“ war ein damals ein verbreiteter Lebensentwurf für Frauen, oft mit fatalen Folgen für deren Alterssicherung. Nicht dass Margot Wackwitz berufstätig war, sondern in welcher Position sie arbeitete, entschied in ihren mittleren Jahren vermutlich über ihr Lebensglück. Der Chronist dieses Frauenlebens hat die entscheidenden Impulse für sein eigenes schöpferisches Leben nicht von Vater oder Großvater erhalten, sondern von seiner Mutter. Die wiederum sieht im Sohn die Fortsetzung ihrer abrupt beendeten künstlerischen Möglichkeiten.

Wackwitz Erforschung eines für die Kriegs- und Nachkriegszeit ungewöhnlichen Frauenlebens gibt Lesern der Gegenwart einen höchst interessanten Einblick in das Frauenbild der 50er und 60er, speziell auch in das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Wackwitz hält sich einerseits stark zurück mit Kindheitserinnerungen seiner Mutter, die sie ihm selbst erzählt haben könnte; stärker vertieft er sich in die hinterlassenen Dokumente, die Psychoanalyse des Mutter-Sohn-Verhältnisses an sich und in literarische Vorbilder (wie z. B. Irmgard Keuns kunstseidenes Mädchen) und zieht Parallelen zu Lebenserinnerungen von Zeitgenossinnen. Gerade weil in den 50ern Kinder in den ersten Lebensjahren weit stärker von ihren Müttern geprägt wurden als die heutige Generation, fand ich die Distanz zwischen Mutter und Sohn streckenweise befremdlich, die für mich durch die starke Nutzung literarischer Quellen spürbar wurde. Interessant wäre, ob es aus der Perspektive von Töchtern weniger weiße Flecken in den Biografien der Mütter geben würde.

Margot Wackwitz im Buch abgedruckte (teils farbige) Original-Zeichnungen erinnern an einen Frauenberuf, der in der beschriebenen Form schon vor längerer Zeit sang- und klanglos von der Bildfläche verschwand. Ein Buch über Ausbruch, Aufgabe und spätere Sinnsuche, bei dem für meinen Geschmack die Person des Autors stärker hinter die Persönlichkeit der Mutter hätte zurücktreten sollen.
72 reviews
December 17, 2017
Vielversprechender Anfang. Dann vergisst der Autor jedoch, dass es eigentlich in dem Buch um seine Mutter gehen sollte. Nicht um ihn selbst. Das sehr selbstbezogene und fast narzisstische Beschreiben der Lebensverhältnisse seiner Mutter spricht ihr zum zweiten Mal - diesmal posthum - ihre Eigenständigkeit und Individualität ab. Sie wird zum bloßen Spiegel für die Befindlichkeiten ihres Sohnes. Allein der Umgang mit ihren Zeichnungen, die das Buch nicht einmal illustrieren, sondern lediglich schmücken oder verzieren, macht das für mich auf schmerzhafte Weise deutlich: aus welchen Kontexten stammen die Bilder? Wieso sind sie an dieser oder jener Stelle im Buch platziert? Man erfährt es leider nicht.
Das Buch war deshalb für mich sehr quälend zu lesen und eine konstante Erinnerung daran, wie anstrengend ich diese Männergeneration finde. Dass der Autor eine Psychoanalyse hinter sich hat, finde ich auf eine schon fast traurige Art erheiternd und symptomatisch auch für dieses Buch. Denn wenn es der Autor schafft über seine Mutter zu schreiben und nicht sofort die Schleife zu sich zurück einschlägt, beschreibt er sehr einfühlsam und anrührend was eine Frauenbiographie im 20. Jahrhundert alles sein - und hätte sein können.
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