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Der Briefwechsel

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334 pages, Hardcover

First published January 1, 2015

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Christoph Hilse

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November 13, 2017
„Beinahe Freundschaft“

Im Jahr 1967 wendet sich Marcel Reich-Ranicki anlässlich des bevorstehenden 50. Geburtstags von Heinrich Böll brieflich an Peter Rühmkorf mit der Bitte, einen Beitrag für einen geplanten Sammelband zu fertigen. Mit diesem Schreiben beginnt ein Briefwechsel zwischen zwei höchst unterschiedlichen Exponenten des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs, der nach manchen Höhen und Tiefen erst im Jahr 2006 nach 287 Briefen sein Ende findet.

Auf der einen Seite der noch nicht so sehr bekannte Lyriker und Essayist Rühmkorf, dessen Herz immer links geschlagen hat, wenn auch mit unterschiedlich starkem Puls, auf der anderen Seite der neun Jahre ältere Kritiker, der sich schon in der Gruppe 47 einen Namen gemacht hat und nun dem Literaturteil der eher konservativen FAZ vorsteht.

Zunächst geht es in den Briefen hauptsächlich um Geschäftliches. Ranicki, der bei der FAZ freie Hand hat, erbittet von Rühmkorf Aufsätze zu Autoren und Gedichten, die im Literaturteil veröffentlicht werden. Von Beginn an ist ihm klar, dass er hier einen Autor an der Hand hat, dessen Texte sprachlich und inhaltlich höchsten Ansprüchen gerecht werden. Auch wenn die Vorgaben betreffs der Länge der Abhandlungen oft streng sind und Ranicki sehr zum Verdruss von Rühmkorf auf strikte Einhaltung pocht, lässt er ihm doch weitestgehend freie Hand in der Wahl der Themen, räumt Rühmkorf sogar Vorrechte ein.
Rühmkorf macht sich mit Eifer ans Geschäft und liefert Artikel, die von Ranicki hoch gelobt werden. Doch ganz so einfach und reibungslos bleibt es über die Jahre nicht. Ranicki muss Rühmkorf, der zeitweise über ein Jahr in Verzug gerät, immer wieder an seine Text-Versprechen erinnern. Das hat nun nichts mit Unproduktivität zu tun, sondern vielmehr mit dem Gegenteil: Rühmkorf treibt eigene Buchprojekte voran, hat Vortragsreisen zu absolvieren, und seine Freizeit ist so karg bemessen, dass „Spaziergänge“ ihn manchmal über Monate nur zum Zigarettenautomaten an der Ecke führen. Ranicki hat andererseits einen Markt zu bedienen und ist auf ein gewisses Maß an Aktualität bedacht. Seine Aufforderungen, endlich einen Text fertig zu stellen, sind im Tonfall burschikos und unmissverständlich: Alles auf der Welt hat mal ein Ende; die Erschaffung der Welt hat sechs Tage gedauert. Und jetzt muss endlich Schluss sein mit dem Drechseln am Aufsatz, jetzt muss er abgegeben werden.
Solche Forderungen stoßen dem Perfektionisten Rühmkorf auf, der in Qualitätsfragen nicht zu Kompromissen bereit ist. Das führt dazu, dass Rühmkorf am 4.3.81 in einem Brief an Ranicki deutlich macht, dass er die Auftragsarbeiten nicht termingerecht erledigen kann, dass der Druck ihn zu stark belastet und den Autodidakten an andere Zeiten erinnert, nämlich an seine Schulzeit, die nach 1945 nur noch schlimmer wurde und ihn krank gemacht hat.
Ranicki antwortet wenig einfühlsam:
„Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören. Ich hoffe auch, daß Sie mir eines ihrer mittlerweile traditionellen Klagelieder ersparen werden.“
Eine gewisse schnoddrige Kurzärmeligkeit im Ton war MRR schon immer eigen und hier wird es langsam verletzend, aber Rühmkorf gibt im nächsten Brief nach:
„Lieber Herr Ranicki, lerne Schreiben ohne zu klagen, also gut.“

Am 4.11.82 erreicht die Verstimmung einen Höhepunkt. Ranicki wirf Rühmkorf Undankbarkeit vor; als dieser noch unbekannter gewesen sei, hätte er die Unterstützung durch Ranicki gerne in Anspruch genommen (und fleißig Rezensionen geliefert), doch nun zöge er sich von seinem Gönner zurück.
Die Antwort von Rühmkorf fällt deutlich aus:

„Lieber Herr Ranicki,
die kompliziertere Welt besteht zur Hälfte aus Missverständnissen, und Sie bieten diesen Fledermäusen mindestens so viele Schlupfhöhlen wie ich (…) Etwas anderes ist die Frage nach dem Undank – da können Sie aber gar nicht mich gemeint haben, da haben Übertragungen und Verschiebungen stattgefunden. Ich bin das Gegenteil dessen, was Sie unterstellen, aber empfindlich, wenn man freundliche Förderung dann ins Grundbuch einträgt und als Schuldenbelastung beziffert. Anders kommt man nämlich aus dem Schuldentilgen gar nicht mehr heraus, und ffffchchcht ist das kurze Leben als Ratenzahlungsprozeß verrauscht (…)“


Dieser Brief vom 8.11. wird allerdings nicht abgesandt, und am 14.11. bedankt sich Rühmkorf bei Ranicki für die „prompte, offene und menschliche Antwort“. Ich nehme an, dass einer der beiden zum Telefon gegriffen haben wird, um die Krise abzuwenden – vermutlich Rühmkorf. Einige der Formulierungen aus dem „Entwurf“ greift er im nächsten Brief auf, nun allerdings verbunden mit dem Wunsch der Wieder=Annäherung. Und dem Kritiker-Papst ist es lieb:

„Mein Lieber, dies ist sicher: Sie schreiben wunderbare Briefe, Sie sind der letzte große Epistolograph.“

Und so ist der Burgfrieden einmal mehr hergestellt. Oder sollte es doch etwas mehr sein? Rühmkorf schreibt vom „alten Freundschaftsfaden“, dem er gern wieder Festigkeit und Bindekraft verleihen möchte.
Die Rollen waren – vermutlich zu beiderseitigem Unmut – rasch verteilt: Während der eine Mühe hatte, als Lohnarbeiter seine artistische Leichtigkeit zu wahren, wurde der andere in die Rolle des Sklaventreibers gepresst (die ihm wohl nicht ganz wesensfremd nicht war).
Anlässlich der Ablehnung Ranickis, ein Gedicht von Rühmkorf abzudrucken, weist dieser über ein Jahr später noch einmal deutlich auf die herrschenden Machtverhältnisse hin:

„Wirklich beunruhigend finde ich bei solchen kulturhistorisch überhaupt nicht neuen Reibereien zwischen Kunst und Kritik eigentlich nur diese äußerste Mimosenhaftigkeit aufseiten des Machtmonopols. Jeder Redaktionsdirektor darf jeden Autor oder Beiträger jederzeit auf seine beinah schon austauschbare Teilchenhaftigkeit im kulturellen Spiralnebel verweisen, aber wehe dem Autor, der nur einmal zartest an die immerhin möglichen Anziehungskräfte weiterer Galaxen zu erinnern wagt! Ich könnte es auch anders ausdrücken. Bei sehr ungleich verteilten Zugkräften / Druckmitteln hat ein Eingesandtes nicht viel mehr als die Rechte der ersten Nächte zu vergeben, seine Unschuldsaura, seinen Neuigkeitsreiz, und wo es den anträgt, darf es doch wohl noch sagen: especially for you, aber nicht für ewig und schon gar nicht auf unbestimmte Zeit im Wartestand. Na, dies nur, weil sie immer wieder so beharrlich auf diesen einen für Sie wunden Punkt zu sprechen kommen, der für Sie ein Äußerstes an Nötigung zu beinhalten scheint, für den reisenden Dichter aber nur die nötige Erinnerung an eine allgemein segensreiche Gewerbefreiheit.“ (Brief vom 3.2.88)

1995 folgt anlässlich des Skandals um den neuen Roman von Günter Grass, EIN WEITES FELD, der Bruch zwischen den beiden, wie er in der „Göttinger Streitschrift“ ICH HABE LUST, IM WEITEN FELD (...) dokumentiert ist. Rühmkorfs Brief ist überdeutlich und lässt nicht vermuten, dass eine nochmalige Annäherung zwischen dem Poeten und dem Kritiker möglich ist.
Und doch: Im Mai 2000 kommt Rühmkorf noch einmal auf Ranicki zu, der in seiner Bio schrieb, er habe (zu) oft verziehen:

„Gestatten einen Lungenzug
Aus langer Friedenspfeife.
Fünf Jahre Fehde sind genug,
wie ich die Welt begreife.
Zum Frieden ist es nie zu spät,
na wollen wir´s mal hoffen,
daß diese Prise Calumet
nicht einfach so vorüberweht,
und wenn die neue Zehn angeht,
noch alte Wunden offen.
Viel Fortuna zum 80. Und herzliche Grüße dito an Tosia
Ihr Peter Rühmkorf und Eva Rühmkorf“


Ranicki nimmt das Friedensangebot an, und wenn auch die Nähe von vor 1995 nie wieder hergestellt wird, so werden doch bis 2006 noch gelegentlich Briefe gewechselt.

Leicht haben es Ranicki und Rühmkorf miteinander nicht gehabt, aber gerade das hat mich an diesem Briefwechsel so beeindruckt: Wie der (zumeist) respektvollen Umgang miteinander es ermöglichte, dem Briefpartner nötigenfalls auch einmal deutlich die Meinung zu sagen, und trotzdem den Kontakt weiterhin zu pflegen, nicht freundschaftlich, aber doch auch nicht immer so sehr weit entfernt davon.
Die Qualitäten waren so unterschiedlich; Ranicki, der die geschäftsmäßige Seite der Korrespondenz nie zu vertäuschen suchte, war ein Freund deutlicher Worte, dem die Feinsinnig- und Befindlichkeiten des Poeten doch oft recht fremd waren. Dabei war die Mischung aus Mahnung und Humor einzigartig und mir aller Vorurteile zum Trotz auch sympathisch.
Dass sich Rühmkorf andererseits als ein ganz großer Briefschreiber erweisen würde, hatte ich erwartet. Trotzdem berauscht seine Sprachmächtigkeit den Leser selbst in den Geschäftsbriefen noch, die so ganz sachlich eben nie sind.
Der Briefwechsel bietet darüber hinaus auch einen Einblick in die Produktionsbedingungen des Feuilletons und in eine Welt, die so weit zurückliegend scheint und es doch nicht ist.
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