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Geboren als Tochter des Wiener Kinderarztes Maximilian Herz und im bildungsbetonten Milieu des säkularisierten jüdischen Bürgertums aufgewachsen, begann Therese Rie bald nach ihrer Verheiratung (1901 mit dem aus Prag stammenden Kaufmann Kurt Rie) mit journalistischen Arbeiten. Für die österreichische Zeitschrift Der Merker ebenso wie für die Vossische Zeitung schrieb sie Opern- und Theaterkritiken. Gut bekannt war sie mit dem Komponisten Hans Pfitzner, an dessen Palestrina-Textbuch sie Anteil hatte.
Nach der Geburt des Sohnes Robert (* 1904; † 1981 in den USA, wohin er 1938 emigriert war) und dem Tod des Mannes († 1908) begann sie aber auch eigenständige belletristische Arbeiten zu publizieren, beginnend mit der Kurzgeschichtensammlung Die Augen des Hieronymus (1905). Dabei benutzte sie das Pseudonym „L. Andro“, später allerdings meist in der gelüfteten Form „L. Andro (Therese Rie)“.
Insgesamt veröffentlichte Therese Rie sechs Romane, dazu mehrere Novellenbände und Essays. Thematische Schwerpunkte bilden einerseits das Leben von Künstlerinnen, so im Schauspieler-Roman Komödiantin Dora X von 1920 und im Sänger-Roman Vox Humana (der die Laufbahn der Opernsängerin Wilhelmine Schröder-Devrient nachzeichnet) von 1928, andererseits phantastische Stoffe, so in dem Kriminalroman Das entschwundene Ich von 1924 und der Werwolf-Novelle Das Tier im Walde (1928; Zeitschriftenveröffentlichung 1925).
Darüber hinaus hat Therese Rie unter anderem Werke von Romain Rolland und Henri Barbusse aus dem Französischen übersetzt.
"So waren sie alle hier im Walde: Sie leugneten und glaubten."
Im Jahre 1886 schreibt der Mittsiebziger Ambrosius Kettenmeier das seltsamste Erlebnis seines Lebens nieder. Nicht für seine Kinder, die - als Repräsentanten einer Zeit, in der man sich in ein "wohlgepolsterte[s] Kämmerlein eines eisernen Häuschens" setzt und am nächsten Morgen "in einem fremden Lande" aufwacht - die Geschichten des Vaters für das Gefasel eines Greisen halten. Adressat des Textes ist der unbekannte Leser, den Kettenmeier in die sonderbare Welt seiner Jugend der 1830er Jahre entführt.
Der junge Kettenmeier ist ein erfolgreicher Kunsthandwerker, der sich nach dem idyllischen Naturleben seiner Kindheit als Förstersohn zurücksehnt und daher eine Wanderung im Salzkammergut unternimmt. Kaum an seinem Ziel angelangt, verwandelt sich die bergige Waldlandschaft jedoch in einen nebligen Unort, vor dem er Zuflucht bei einer eigentümlichen Försterfamilie nehmen muss. Nächtens geschehen im Wald schreckliche Morde, ein seltsames Tierwesen heult durch die Finsternis, abergläubische Waldbewohner verschanzen sich hinter Drudenfuß und Christuskreuz - und schließlich gerät Kettenmeier selbst unter Mord- und Monsterverdacht...
Therese Rie, die auch unter dem Pseudonym L.Andro veröffentlichte, hat mit ihrer 1925 erstmals erschienenen Erzählung "Das Tier im Walde" eine spannende Werwolfgeschichte verfasst, die auch heute noch überaus lesenswert ist. Fern von jeglichem Pathos gelingt es ihr, den Leser in eine düster-unheimliche Atmosphäre einzuspinnen, in der wenig auserzählt wird und vieles suggestiv bleibt. In den hübschen Waldspuk mischen sich zudem religions- und naturphilosophische Töne; zum zentralen Thema wird die Frage, welchen Stellenwert die Kategorien Natur, Glaube, Gott, Gut und Böse in einer modernen Welt (noch) haben (können). Ich bin begeistert und werde sicherlich nicht das letzte Mal etwas von dieser Autorin gelesen haben.
Davon wissen viele Geschichten zu berichten, und auch romantische Opern schöpfen hier ihren Stoff:
Im Alter von 74 Jahren, so beginnt die Novelle mit einer knappen Rahmenhandlung, schreibt Ambrosius Kettenmeier die Erinnerung an sein „seltsamstes Erlebnis“ nieder. Genau fünfzig Jahre früher, 1836, hatte er sich als junger Mann, der „Stille, Wildnis und Einsamkeit“ liebte (der Topos ist aus u.a. aus Tiecks WALDEINSAMKEIT bekannt), auf eine Fußwanderung in die Wälder des Salzkammerguts begeben. Was er hier, während einiger Tage im neblig kalten Spätsommer, erlebt, lässt sich die Schulweisheit nicht träumen. Unheimliches geschieht in den Wäldern und Ambrosius, der Unterkunft im Haus eines Försters findet, verliebt sich in die Försterstochter Agnes, während nächtens im Wald Menschen zu Tode kommen, getötet offenbar von einem monsterhaften, übernatürlichen Wesen. Aber von einem nicht-menschlichen Täter wollen die Behörden nichts wissen, und Ambrosius, der selbst unter Verdacht gerät und nun gezwungener Maßen dem Richter seine Beobachtungen schildern muss, bekommt folgendes zu hören:
»Ich habe Sie ausreden lassen, um zu sehen, wie weit die Schamlosigkeit geht, mit der ein Mensch, der gute Schulen und sogar die Malerakademie absolviert hat, einem akademisch gebildeten Mann seine törichten Märchen aufzutischen wagt." Ambrosius vermag schließlich zu kontern: »Ich begreife Ihre gottähnliche Stellung vollkommen, Herr Inspektor«, sagte ich, »aber ich bedaure in Ihrem Interesse, daß sie nicht mit Allwissenheit verbunden ist.“
Eine schöne Replik, die von Kafka hätte kommen können und sprachlich zu den herausragenden Stellen der ansonsten recht schlicht geschriebenen Novelle zählt. Nur, wenn es um die Frage geht, welcher Gott dem Menschen im Wald beizustehen vermag, wird es komplexer, doch dazu etwas später. Zunächst einmal eine Beschreibung des „Monsters“, dass für die Morde verantwortlich ist:
»Heilig? Dieses Scheusal!« »Es ist heilig, weil es alles Böse, alles Übel, alle Schuld auf sich nimmt. Man kann das Tier töten, solange es ein Mensch ist. Denn der Mensch, der von all dem Bösen in sich nichts weiß, der herumgeht und scheint wie alle anderen, der ist tötenswert. Aber wenn das Böse lügenlos und ohne Verstellung aus ihm herausbricht dann ist es heilig.«
Solche dichteren Passagen finden sich nur sehr vereinzelt, weitaus beklagenswerter aber ist das Finale der Novelle, das leider nicht „groß“ zu nennen ist, sondern auf so wenigen Zeilen abgehandelt wird, dass der Leser hellwach sein muss, um es nicht zu verpassen.
Was immer unserem Erzähler im Wald(e) widerfahren mag, wir wissen, dass er die Geschichte rückblickend berichtet, so dass wir uns aller Dunkelheit und Wildheit zum Trotz um ihn keine Sorgen zu machen brauchen. Das ist einerseits so beruhigend, wie es andererseits Spannungsmomente dämpft.
Die Haltung des Erzählers, eines Madonnenmalers, das fällt vom ersten Satz an auf, ist so konservativ und anti=modern, dass man in den Zeiten der AfD nicht nur wegen der Bestie im dunklen Wald, in den das Licht der Aufklärung nicht hineinleuchtet, eine Gänsehaut bekommt. Erzählt wird die Geschichte leichthin in einfachen Worten, was Stimmung und Tiefe des Textes nicht zuträglich ist. Die Erzählung ist in Ton und Ausführung eher dem märchenhaften „Schauerfeld“ des Romantikers Fouqué verwandt als den Schrecknissen der moderneren Horrorliteratur. Dabei ist die Autorin Therese Rie „(g)eboren als Tochter des Wiener Kinderarztes Maximilian Herz und im bildungsbetonten Milieu des säkularisierten jüdischen Bürgertums aufgewachsen“ (Wikipedia) und hat ihre (Werwolf-?)Novelle 1925 als Zeitschriftenpublikation veröffentlicht, als die Schauerliteratur in den Pulps Konjunktur hatte. DAS TIER IM WALDE, das angehängte „E“ ist symptomatisch, ist eine Erzählung, die aus ihrer Zeitgenossenschaft herausfällt. Zwar ist die eigentliche Handlung in den 1830er Jahren angesiedelt und der Erzähler schon ein alter Mann, als er über 50 Jahre später die Geschichte erzählt, so dass man ihm das Gefühl der Fremdheit in der neuen Zeit abnehmen mag, aber die österreichische Schriftstellerin Theresie Rie ist 47 Jahre alt, als sie die Erzählung schreibt.
Wie kommt es, dass sie erzählt, als habe die Moderne nicht schon lange begonnen? Da sie Jüdin war, ist nicht anzunehmen, dass sich hier die kulturfeindlichen Tendenzen jener abbilden, die wenige Jahre später Europa ins Verderben stürzen werden. Eine „klassische“ Gruselgeschichte wollte die Autorin gewiss nicht schreiben, bewusst unmodern und unprätentiös. Ist es die Abkehr von einer Gegenwart, die nicht nur komplexer, lauter und schneller, sondern auch bedrohlicher geworden ist?
Nicht unbeträchtlichen Raum nehmen Gespräche des Malers mit dem Förster und dem Köhler ein, in welchen es um den Konflikt zwischen den alten, vertriebenen Göttern und dem des Christentums geht:
»Die Natur kennt gut und böse nicht. Hier geschieht, was geschehen muß. Das Christentum kommt nicht aus der Natur. Darum flüchten wir zu ihm, wenn wir vor Unbegreiflichem flüchten müssen – um uns und in uns.« "Denn der Christengott kommt aus dem fernen Asien, und was unsere Wälder sind und wer darin herrschte, woher soll er das wissen?“
Was also hilft den Waldbewohnern; das Kreuz oder der Druidenfuß? Diese Frage gehört genauso zur Novelle wie die Polarität zwischen Aufklärung und Volks(aber)glaube, vor allem aber die zwischen "jetzt" und "früher". Das liest sich flott und über weite Passagen spannend weg, kommt aber nicht richtig auf den Punkt und am Ende bleibt ein Gefühl leichter Enttäuschung: DAS TIER IM WALD ist eine sehr rückwärtsgewandte Erzählung, die für meinen Geschmack immer wieder zwischen alle Stühle rutscht. Die anspruchsvolleren Themen werden genauso vernachlässigt und rudimentär behandelt wie das Horror-Element, und der zukunftskritische Habitus ist gelegentlich passend, wirkt dann aber auch wieder sehr fragwürdig.
Was für eine wunderbare Verwirrung. Einige Motive muten recht biedermeierlich an, ich musste oft an Jeremias Gotthelfs Die schwarze Spinne denken. Da ist die Opposition zwischen Stadt und Land, auf letzteres zieht es den Protagonisten auch hier zurück. Dann gibt es da diesen starken Aberglauben sowie eine tiefe Frömmigkeit. Ein starkes Bewusstsein für das Fremde, das da nicht hingehört (in Gotthelfs Novelle ist es Christine, die aus einer anderen Gegend stammt und den Teufel herausfordert). Ein starker Antagonismus von Gut und Böse. Und nicht zuletzt wird uns eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Geschichte erzählt, die uns wohl eine Lehre für heute (also den Zeitpunkt des Erscheinens, 1925) sein soll.
Und dann wird das alles durcheinander gewirbelt. Da gibt es die jungen und aufgeklärten Menschen (der Begriff Aufklärung fällt mehrmals), die weder heidnische noch an christliche Überzeugungen teilen wollen – und die sich doch gleich bekreuzigen oder nach dem Drudenfuß greifen. Es gibt ein Haus voller Kruzifixe und Gebete, in dem der Hausherr doch nicht an den einen christlichen Gott glauben will. Und man zweifelt manchmal, ob er seine Tochter wirklich Gott und nicht doch dem Teufel versprochen hat. Und – spätestens da würde Pfarrer Gotthelf komplett aussteigen – das Fremde, das ist hier der christliche Gott! Der kommt doch schließlich aus Asien!
Was mich in der Novelle anspringt ist die tiefe Verunsicherung, was man den glauben kann oder soll, gerade angesichts unerklärlicher Bedrohungen. Und das sagt vielleicht viel über die Zeit aus, in der sie geschrieben wurde.
Nach dem Auslesen dieser Novelle bleibe ich ein wenig ratlos zurück.
Zu Beginn erwartete ich ein kleines Schauermärchen, das just perfekt in die kalte neblige Jahreszeit passt. Die Hinführung des Erzählers zur eigentlichen Geschichte wirkte auch noch recht vielversprechend auf mich. Doch als er immer wieder auf seine religiöse Malerei einging, begann ich mich zu langweilen, was sich bis zum letzten Wort nicht mehr ändern sollte.
Die Novelle hat hier und da durchaus ihre Reize und besonderen Momente. Dazu gehören für mich die Augenblicke, wenn der Druidenfuß zur Sprache kommt oder gar seinen Einsatz findet. Außerdem faszinierte mich Agnes' Antwort auf die Frage unseres Erzählers, ob er sie malen dürfe sowie überhaupt ihre eigentliche Rolle in dieser Geschichte. So bald sie vorgestellt war, verlagerte sich prompt mein ganzes Interesse auf sie und ich vermutete in ihr den Schlüssel der nächtlichen Vorfälle. Sie wirkte geheimnisvoller als das seltsame Tier draußen, weil sie alle Antworten zu wissen schien.
Insgesamt empfand ich die Erzählweise als zu naiv und nicht fokussiert genug. Die Handlung verliert sich mancherorts an Nebensächlichkeiten, die für mich als Leser einfach nicht relevant waren. Vielmehr interessierte mich doch, wer das Wesen ist, das sein Unwesen im Wald treibt, ob es einen Weg gibt, ihm Einhalt zu gebieten und welche Funktion Agnes darin hat. Auch der Versuch, dem Ganzen noch etwas Spannung zu verleihen, in dem der Erzähler auf die Anklagebank gezogen wird, misslang meines Erachtens. War es doch all zu klar, dass es in der darauffolgenden Nacht ein weiteres Todesopfer geben würde, was für ihn die Freilassung bedeutet.
Sicher provoziert Rie mit ihrer Novelle interessante Diskurse über das Wesen von Gut und Böse sowie dem Verhältnis von Glaube, Aberglaube und Heidentum. Aber eben leider nur ansatzweise, ohne jemals die Tiefe zu erreichen, um von einer großen Breite der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.
So bleibt es für mich eine nette, düstere Erzählung, aber auch nicht mehr.
Diese Geschichte mit werwolfähnlichem Inhalt hat mir bestens gefallen und erinnerte mich kurz an den Kinofilm "Ein amerikanischer Werwolf in London", anno 1981, während dessen Vorführung im kaum besetzten Kinosaal ich derart in gruselige Vorahnungsspannung geriet, dass ich es nicht mehr aushielt und den Saal vor dem Filmende fluchtartig verlassen musste.
Nun hier zu diesem Werk: Da hat mich der Gedanke von "Die Natur kennt gut und böse nicht. Hier geschieht, was geschehen muß" doch sehr an die Geisteshaltung der Nazielite erinnert, und die Idee mit dem Christengott als eine asiatische Infiltration scheint mir doch etwas auf sich zu haben, so etwa wie: mit einem germanischen Götterkult hätten wir dem islamischen Jihad wirklich etwas entgegenzusetzen.