Weil derzeit viel über Anthroposophen gesprochen wird, hat mich eine Rudolf-Steiner-Biografie interessiert, die möglichst nicht von einem Anthroposophen geschrieben sein sollte. Der Autor ist Religionshistoriker und katholischer Theologe. Er begegnet Steiner mit Respekt, manchmal schon zu viel für meinen Geschmack. Aber dann fiel mir ein, dass die katholische Kirche (ich bin selbst katholisch) eine sehr esoterische Veranstaltung ist. Nicht in Form einer Geheimlehre, aber in ihrem Glauben an die Wandlung einer Oblate in einen überirdischen Teil von Gott, den Gläubige in dieser Welt in ihren Händen halten können.
Die Biografie folgt Steiners Leben chronologisch und in einzelnen Themengebieten, die dann mit Verweisen auf andere Kapitel versehen sind. Viele Kapitel bieten interessantes zeitgeschichtliches Hintergrundwissen, hier hätte ich mir mehr Quellenangaben aus Sekundärquellen gewünscht, um selber weiterstöbern zu können.
Der Mensch Robert Steiner bleibt für mich im Dunkeln, jedenfalls nach seinem Eintritt in die Theosophische Gesellschaft und seinem Selbstverständnis als Hellseher. Vielleicht ist er nur das geworden, wovon so viele Männer zu träumen scheinen: Ein Mensch, dessen Wort ultimative und höhere Wahrheit ist, egal, wie oft er seine Auffassung ändert, umschreibt und revidiert.
Gelernt habe ich mit diesem Buch, dass der Wissenschaftsbegriff des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgesprochen weit gefasst ist und in mehrfacher Wortbedeutung "Übersinnliches" einschließt.