In »Gender Punks« folgt Kuku Schrapnell historischen trans- und intergeschlechtlichen Personen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Dabei geht es um ganz grundlegende Fragen: Was ist Geschlecht überhaupt? Und wie machen wir diese Welt zu einem besseren Ort? Klug und unterhaltsam zeichnet Kuku Schrapnell das Leben queerer Ikonen wie Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, Romaine-la-Prophétesse, Lucy Hicks Anderson oder der Danshō Okiyo nach. Es geht um Widerstand in einer Welt, in der sich Patriarchat und Kapitalismus gegenseitig verstärken. Kuku Schrapnell zeigt, dass es in all dieser Zeit und all den dazugehörigen Verwerfungen immer wieder Menschen gab, die sich erst auf persönlicher und schließlich auf kollektiver Ebene der Herrschaft und Unterdrückung widersetzten. Kuku Schrapnell entreißt die Schicksale den Gerichts- und Krankenakten und schreibt sie solidarisch und liebe voll neu.
Die Geschichten über die vorgestellten Genderpunks, die oftmals sonst nicht erzählt werden würden, sind interessant, vor alles weil diese Personen nicht nur Geschlechterrollen infragestellten, sondern auch gesellschaftskritisch agierten.
Doch irgendwie kommt der Stil des Buches einem vor wie Ich-bezogene-Instagramliteratur. Einerseits spricht Schrapnell davon, die dargestellten Genderpunks sind ausgewählt wurde, da sie der eigenen Inspiration dienen. Gleichzeitig bezeichnet sich Schrapnell selbst als Genderpunk und erzählt immer wieder eine eigene Geschichte; das Buch "soll von Vorbildern erzählen" und dann kommt der Begriff "Ich" ständig vor? Auch sind von den Geschichten der Gender Punks oftmals nicht viele Details bekannt, was Schrapnell nicht stört, da es wichtig wäre sich Mythen über Vorbilder zu bilden. "Ich entscheide mich aber dafür zu glauben..." (27) Auch scheinen mir ab und an (natürlich versteh ich es, dass communities in solchen marginalisierten Gruppen einen wichtigen Stellenwert einnehmen) ziemlich reaktionäre Gemeinschaftssehnsüchte durchzuscheinen: "Wie wunderschön es ist, Teil von etwas zu sein." (56) oder "Das es immer eine Suche nach Gemeinschaft und Liebe ist..." (107)
An anderer Stelle wird Spiritualität mit kritischer Theorie gleichgesetzt: "So fremd mir diese Form von Spiritualität auch ist, umgibt sie mich gerade in trans und queer Spaces ständig. Von Astrologie über Tarot bis hin zu verschiedenen Ritualen, die ganz persönlichen Mysterien entwachsen. Häufig dienen sie als Spiegel bei der Selbstfindung oder es geht um eine Entlastung von den alltäglichen Sorgen. Da, wo es einen größeren Zusammenhang gibt, wird das eigene kleine Leid erträglicher. Da erfüllen Religion und kritische Theorie dieselbe Funktion." (57) Dieser affirmative Bezug auf das eigene Leid scheint mir gerade das Gegenteil kritischer Theorie zu sein, besonders auch das Aufgehen des Individuums im Kollektiv war den kritischen Theoretikern ein Graus; Adorno hatte u.a. auch radikale Kritik an Astrologie/Horoskopen geäußert und die Begeisterung der Menschen daran als Auswüchse der kapitalistischen Gesellschaft dechiffriert. Auch die eigene Ohnmacht affirmieren, wäre der kritischen Theorie ein Dorn im Auge+, was Schrapnell aber sehr gefällt: "Mit den großen Fragen nach dem letzten Grund oder wer oder was die erste Bewegung in Gang gesetzt hat, ist es für mich so: Mir reichen ein glückliches Nichtwissen und das pure Staunen darüber..." (59)
Alle Erzählungen über die dargestellten Genderpunks sind wie gesagt ein großer Lesegewinn. Das Buch treibt aber jedes Mal wenn der Begriff "Ich" fällt in komische Abschweifungen ab, die nicht wirklich lesenswert sind, gar ein Nichtwissen-wollen propagieren, den Mythos hochhalten um die Wahrheit beiseite zu lassen; denn es ist eh nur wichtig, dass es uns etwas bringt: Euphorie zu erzeugen. Naja