Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. »Stimme zu« / »Stimme nicht zu« – so werden Handelnde zu Vollziehenden.
Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Augenöffner auf anschauliche Weise beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.
Hartmut Rosa has been a Full Professor for Sociology and Sociological Theory at the Institute of Sociology at the Friedrich Schiller University, Jena, Germany, since October 2005. His areas of study include theories of modernity, sociology of time, communitarianism, and social theory. He is the author of Social Acceleration: A New Theory of Modernity.
Hartmut Rosa hat ein gut lesbares Buch geschrieben, das in seinem Anfangsteil Alltagsbeispiele zur Illustration seiner Thesen bringt. Die bestehen in der Behauptung, wir würden zunehmend von (selbstständig) Handelnden zu bloß noch Vorgaben vollziehenden Statisten werden. Das erfolge durch die Auflösung und (technische wie bürokratische) Handhabbarmachung von komplexen "Situationen" durch ihre Zerlegung in justiziable bzw. nachvollziehbare Einzelschritte. So würden aus Situationen eben "Konstellationen" (25) und das Buch versteht sich als eine soziologisch angeleitete Kritik am modernen "Konstellationismus". Klar, wenn ich die Vorgaben von Google- Maps Schritt für Schritt nachvollziehe, komme ich (meist) ans Ziel, womit der Sinn des Programms sich erfüllt hat. Allerdings stolpere ich dann mit dem Blick aufs Handy durch die Stadt und mir entgeht so gut wie alles, was einen früheren Flaneur noch begeistert hat. Mein Gang durch die Stadt wird emotional ärmer und verliert an Erlebnisqualität (nichts Überraschendes und Unvorhergesehenes mehr). Eines von Rosas Beispielen ist die Korrektur schriftlicher Arbeiten, für die immer kleinteiligere Bewertungsmaßstäbe bereit gestellt würden, wodurch die Arbeiten allerdings nur noch formal klassifiziert werden können und Gesichtspunkte wie Originalität der Idee oder ein besonderer persönlicher Aufwand unberücksichtigt bleiben müssen. Schade?
Wahr ist jedenfalls, dass mittlerweile wohl jeder Situationen kennt, in denen die vorgegebenen Raster nicht zu konkreten Anliegen passen und Beamte dennoch Entscheidungen nach den Vorgaben und nicht in Ansehung der Umstände fällen müssen. (48f) Das frustriere beide Seiten, wobei die Betroffenen meist den Beamten die Schuld geben, denen allerdings die Hände gebunden sind. David Graeber zitierend meint Rosa, so würden aus an sich notwendigen Tätigkeiten "Bullshit- Jobs", die auch von einer KI-gestützten Maschine erledigt werden könnten. Diese Sinnentleerung zehre an den emotionalen Energien der Ausführenden und führe so zu Burn- Out, Depressionen und anderen wohlbekannten "Zivilisationskrankheiten". Ich fand das anschlussfähig an Befunde von Amlinger/ Nachtwey ("Zerstörungslust"), die ebenfalls in dem "bevormundenden Staat" und damit einher gehend in dem Verlust von Selbstwirksamkeitserfahrungen Gründe für Frustration und eben Zerstörungswut (oder der Sündenbockmentalität- Beamte, Lehrer oder Polizisten sind schuld) sehen. Rosa fügt dem eine interessante Beobachtung hinzu, wenn er schreibt, dass derart frustrierte Menschen in ihrer hilflosen Elitenkritik Menschen wie Trump oder Musk dafür bewundern, wie leicht die sich über die uns einengenden Gesetze und Regeln hinweg setzen. (102) Das gilt dann als zurückgewonnene Handlungsmacht, die bewundert wird. Mir scheint, diese kleine Beobachtung trägt mehr zum Verständnis des Erfolgs autoritärer Parteien und ihrer Führer bei, als (fast) alles andere, was bisher zum Thema geschrieben wurde. "Antifaschismus" geht jedenfalls am wirklichen Problem vorbei.
Die Auflösung einer komplexen Situation in ihre einzelnen Teile, die freilich den Zusammenhang des Ganzen notwendig zerstört, illustriert Rosa an dem gut bekannten Beispiel der Corona- Zeit. Die Unsicherheit, die durch die Vielzahl unbekannter Momente hervorgerufen wurde, hat man reduziert auf binäre Fragen nach "Impfung- Ja?" oder "Impfung-nein?". Nach dem gleichen Muster wird aber auch Bildungswissen in Quizz-Shows oder schulischen/ universitären Tests auf die Frage nach A, B oder C reduziert. Man könnte nun annehmen, was Rosa auch tut, dahinter verberge sich die zunehmend unseren Alltag beherrschende kybernetische Logik. In diesem Sinne beschreibt der Autor im Mittelteil des Buches unsere selbstverschuldete Unmündigkeit (durch "parametrische Optimierung"/ 146) gegenüber Selbstoptimierungs-Apps u.ä. Nichts Neues, aber man muss es immer wieder sagen. Allerdings, und darin besteht die Schwäche seiner Argumentation, übersieht der Autor seinen eigenen Hinweis auf den "Taylorismus" (147) als den Beginn einer Verfahrensweise, die im kapitalistischen Arbeitsprozess (!) als Serienproduktion dieselbe in solche Einzelschritte zerlegt, die dann von dafür nicht besonders qualifizierten Arbeitern vollzogen werden können. Mich haben diese Überlegungen sofort an M. Thatcher erinnert: "There is no such thing as society." Rosa, sonst durchaus an Marx orientiert, übersieht hier die in der konkreten Produktionsweise (heute Roboterisierung und daher Algorithmierung) angelegte Tendenz zur Versachlichung und Verdinglichung von allem und jedem, die er ansonsten u.a. anhand von Eva Illouz These, im Kapitalismus sei es zunehmenden unmöglich sich selbst oder andere zu lieben, illustriert. Ein Anschluss an Lukács hätte hier weitergeholfen als die Berufung auf Simmel und Weber.
Aber immerhin: Was Weber anbetrifft, hätte Rosa ernster nehmen sollen, dass es das "stahlharte Gehäuse" bürgerlich-kapitalistischer Realität ist, das "Lösungen" wie die abschließende Berufung auf indigenes oder anderswie vormodernes Wissen als das entlarvt, was es allenfalls anbieten kann: Eine Schein-Lösung! "Jugaad" und "Jeitinho", was man frei als das Bestreben übersetzen könnte, im vorgegebenen Rahmen nach Spielräumen zu suchen (nicht umsonst das Grundprinzip von Korruption) führen bestenfalls zu individuellen, nicht aber zu grundsätzlichen Lösungen. Hier, am Ende, ist Hartmut Rosa schwach. Da muss unbedingt weitergedacht werden, obwohl es natürlich sein kann, dass der verbeamtete Professor die komplexe "Situation" (vorerst?) nur im Sinne einer Reformierung angehen, nicht aber die Systemfrage stellen kann. ;-) Das aber sollte man tun, weil sonst alles Schimpfen auf Eliten und Bürokratie usw. rein gar nichts bringt; das sind nur die sichtbaren Auswüchse, nicht aber die wirklichen Defizite eines Systems, in dem die Konkurrenz einerseits das ständig anwachsende Bedürfnis nach Verrechtlichung und Vergleichbarkeit produziert und andererseits gerade deswegen "stromlinienförmig" angepasste und wegen des Profiprinzips möglichst wenig individuelle Menschen hervorbringt, die sich als Konsumenten und "gute Staatsbürger" am besten nur noch in genau definierten und vorauszusehenden Situationen als Käufer und Untertanen verhalten. Dazu hätte man von Hartmut Rosa mehr erwarten können.
Fazit: Dennoch ein gut lesbares Buch für alle diejenigen, die wissen wollen, warum Kapitalismus u.U. reich, aber deswegen trotzdem niemanden wirklich glücklich macht. Neben diesem soziologisch-philosophischen Anspruch, der allerdings in bester Sachbuchmanier auch für den Laien gut verständlich daher kommt, gibt es jede Menge einzelner treffender Beobachtungen und Kommentare quasi in Nebensätzen, die die Lektüre trotz der vielen offenen Fragen zu einem Gewinn machen. Lesen und selbst nach- und weiterdenken machen ja nicht dümmer.
Vor ein paar Tagen hatte es mich in ein Möbelhaus verschlagen. Wer kennt sie nicht, diese riesigen, lichtlosen Kästen mit abgestandener Luft und einem Überangebot, das einen schon am Eingang zu erschlagen droht. Glücklicherweise wurde ich relativ schnell fündig (Schrank, grau, Ausstellungsstück) und nach einer 20-minütigen Safari hatte ich schließlich auch eine Verkäuferin aufgespürt, deren Finger sogleich über die Tasten ihres Arbeitscomputers flogen. Alles easy.
Zumindest bis zu dem Punkt, an dem mein Schrank nicht richtig im System aufgelistet war. Meine Verkäuferin, nicht berechtigt zum Verkauf (die Ironie!). Also, Chef anrufen, Chef verweist auf Mitarbeiter, Mitarbeiter geht nicht ans Telefon, nächstzuständige Mitarbeiter haben leider beide heute ihren freien Tag, was will man machen, also nochmal den ersten Typen anrufen, geht nicht ran, wieder zum Chef, der gibt nach und das OK, weil wir sitzen hier ja schon wieder 20 Minuten....
Während sich meine freundliche Verkäuferin bei mir entschuldigte und ich hier versichert habe, dass es halb so wild ist, musste ich an dieses Buch von Hartmut Rosa denken. Er beklagt darin den Verlust des Spielraums in allen Lebenslagen. Der Mensch wandelt sich vom handelnden Individuum zum vollziehenden, Abwägung und Eigenverantwortlichkeit sind damit erstmal weg vom Fenster. Alles wird in Kleinschritte aufgeteilt und optimiert, ohne Platz für das Leben einzuräumen. Was damit, einfach heruntergebrochen, auf der Strecke bleibt, ist das Erfahren von Selbstwirksamkeit. Subjektivität ist schließlich der Feind der Fairness, nicht wahr?
Es hat etwas sehr Maschinelles, diese rigide Kategorisierung von allem und jedem. Schon vom Beginn des Lebens an sollen die Dinge richtig gemacht werden, sodass Fehler erst gar nicht aufkommen. Was sich als Frage dann aber stellt, ist wie man aus Fehlern dann überhaupt noch lernen soll. Davon angesehen erklärt es zu einem gewissen Grad die schon fast chronisch erscheinende Unzufriedenheit, die sich bei den Menschen einzunisten scheint. Dabei ist es ja klar, dass man sich nur inadäquat fühlen kann, wenn selbst Dinge wie Schlafen und Entspannung zu optimierbaren Größen mutieren, die man verbessern müsste.
So richtig sich viele von Rosas Ausführungen hier anfühlen, ein paar Fragen sind mir doch geblieben. Zum einen, sind wir wirklich so unfrei, wie wir vermeintlich meinen, so eingeschränkt in unseren Wahlmöglichkeiten? Ist das Individuum nicht genau hier in seiner Eigenverantwortlichkeit gefragt, dass es infrage stellt und sich dem Vorschriftenwahn nicht willenlos ergibt? Ist es also nicht ein bisschen einfach und billig zu sagen, allein das System ist an allem schuld?
Tatsache ist, noch nie in der Menschheitsgeschichte hatten wir so viele Freiheiten, so viele Privilegien. Und auch wenn es stimmt, dass sich Dinge ändern und hinterfragt werden müssen, kann ich mir kaum vorstellen, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte weniger einengend gewesen sein soll. Kontrolle war in der Geschichte schon immer das Zauberwort, sie verschiebt sich nur in verschiedene Lebensbereiche. Findet die Kontrolle, die Begrenzung und Manipulation heute anders, geschickter, optimierter statt? Absolut. Haben wir (zumindest im Moment) aber auch Zugang zu so vielen Inhalten, zu so viel Wissen wie kaum jemand vorher? Mit Sicherheit.
Das Buch vergleicht hier historisch auch nicht viel. Ungerecht ging es auf der Welt schon immer zu und ich gehöre nicht zu denen, die an ein Utopia glauben. Die Vorteile von heute, tauschen wir ein gegen eine Beschneidung unserer Freiheiten, auch unter dem Mantel der Gerechtigkeit und Vergleichbarkeit. Wenn man aber ehrlich ist, unsere Privilegien missen wollen wir aber alle auch nicht.
Rosa hat in diesem Buch übrigens auch keine wirkliche Lösung parat, denn, dass sich möglicherweise etwas basales systemisches in vielen Bereichen ändern müsste, führt er nicht an. Was er vorschlägt, ist ein eigenes Suchen nach Spielräumen in dem Rahmen, den man hat. Nicht falsch und in sich schon herausfordernd. Vielleicht aber auch nicht weitgehend und mutig genug. Trotz allem, ein lesenswertes Buch, dass viel zum Nachdenken anregt; ich wurde es weiterempfehlen.
Es kommt (zumindest in meinem Fall) nicht sooo oft vor, dass man als #IT Ingenieur ein sozialwissenschaftliches Buch in die Finger bekommt und dabei unmittelbar die Relevanz auch für den eigenen Aufgabenbereich vor die Augen geführt bekommt.
So las ich, nicht nur von allgemeinem, sondern auch von beruflichem Interesse geleitet, Hartmut Rosas neues Buch “Situation und Konstellation - Vom Verschwinden des Spielraums”.
Erst der Blurb leitete mich von der trockenen Titelformulierung auf die gesellschaftlich hochaktuelle These:
▶️ Machen #Digitalisierung, #Bürokratie und algorithmische Systeme Menschen vom Handelnden zum bloßen „Vollziehenden“?
▶️ Welche Auswirkungen hat das zunehmend “konstellative”, angeleitete Vollziehen von Aufgaben in einem hochintegrierten Umfeld auf unsere Entscheidungsfähigkeit - auf “Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Urteilskraft“?
Ohne dass Rosa gleich alle Antworten oder Analysen bringen muss: die Unterwanderung/Ersetzung der menschlichen Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit durch #Prozesse und #Algorithmen liegt - wie immer man selbst dazu steht - in der Luft, nicht zuletzt dank (manchmal allzu starrer) Prozeßautomatisierungen und rasanter Fortschritte bei #AIAgents oder #Chatbots mit Rundumbetreuung. Und, überraschend, gar nicht immer zum Vorteil des Gesamtergebnisses!
Rosa illustriert den schleichend wahrnehmbaren Wandel vom Handeln zum Vollziehen anhand diverser Beispiele aus der Mitte der #Gesellschaft. Er deutet zum Schluss auch Auswege an, die den Einzelnen, auch im Kontext technologischer Trends, wieder handlungs- und damit auch entwicklungsfähig halten könnten.
Die Folgen und Auswirkungen in der Tiefe zu betrachten, geht vermutlich über den Umfang des Buchs hinaus. Mir war jedenfalls wichtiger, dass die richtigen Fragen und - angesichts des Ungesagten - eine gemeinsame Begrifflichkeit gestellt wird.
Mein eigenes Gefühl sagt mir: möglicherweise hat der Autor da eine Tür aufgestoßen, die nicht nur im gesellschaftlichen, sondern such im technologischen Bereich ganz neue, pragmatische Wege eröffnen könnte.
Das dürfte eins der wichtigeren #Sachbücher in 2026 werden. Definitiv ein gut les- und hörbares!
1. Diagnose: Vom Urteil zur Vollzugslogik Hartmut Rosas Situation und Konstellation ist ein maßgeblicher Weckruf gegen ein technokratisches Gestell, das unsere Lebenswelt in eine binäre Ja/Nein-Wüste zu verwandeln droht. Während Immanuel Kant in der „Kritik der Urteilskraft“ noch die Freiheit des Geistes feierte, im Besonderen das Vermögen, im Besonderen das Allgemeine zu entdecken — die reflektierende Urteilskraft — erleben wir heute einen schleichenden Rückzug in eine bloße Vollzugslogik. Wir sind nicht länger Subjekte, die in einer Lichtung der Möglichkeiten situativ entscheiden, sondern zunehmend Anhängsel algorithmischer Konstellationen, die den Spielraum für echte Potentialentfaltung diplomatisch, aber bestimmt verengen.
2. Symptome: Der Mensch als Rädchen Ob die Ärztin, die vor allem den Bildschirm pflegt, oder der Schiedsrichter, dessen Augenmaß dem digitalen Hochdruck-Verfahren des VAR geopfert wurde — Rosa zeigt mit außergewöhnlicher Schärfe, wie der Mensch zum Rädchen im Getriebe wird. Nimmt man Karl Poppers Diktum ernst, dass alles Leben Problemlösen sei, dann geraten wir hier in eine existentielle Schieflage: Wo Algorithmen Probleme bereits gelöst haben, bevor wir überhaupt auf „Stimme zu“ klicken können, verkümmert unsere Fähigkeit zum schöpferischen Versuch und Irrtum. Der „Alte aus Rhöndorf“ hätte angesichts dieser Apparate-Hörigkeit wohl trocken gemahnt, man solle keine „Experimente“ mit der menschlichen Seele veranstalten, indem man sie zum bloßen Vollzugsorgan degradiert.
3. Tiefenstruktur: Transparenz als Feind der Urteilskraft Diese Entwicklung bedroht das, was Kant als „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ beschrieb — jenen freien Spielraum der Erkenntniskräfte, der uns überhaupt erst zu handelnden Menschen macht. Rosa entlarvt die moderne Transparenz-Sucht als den eigentlichen Oberschurken: Sie betoniert durch Richtlinien, Kennzahlen und Formulare jede Lichtung situativer Klugheit zu. So entsteht das Bild einer strukturellen Überforderung des Geistes, der zur bloßen Bestätigungstaste herabgestuft wird und dabei zusehen muss, wie seine vitale Handlungsenergie in einem Meer vorformatierter Klicks versickert.
4. Perspektive: Rückgewinnung menschlicher Souveränität Doch Rosas Buch ist weit mehr als eine Analyse der Frustration. Es ist ein überragender Aufruf zu neuer Potentialentfaltung. Er fordert einen logischen Befreiungsschlag, um menschliche Urteilskraft gegen maschinelle Logik zu verteidigen und jenen Spielraum zurückzuerobern, den Popper für Fortschritt, Erkenntnis und Leben selbst als unverzichtbar ansah. „Situation und Konstellation“ ist damit das Nonplusultra für alle, die sich nicht mit der Rolle bloßer „Vollziehender“ abfinden wollen, sondern die maßgebliche Kraft suchen, in einer Welt algorithmischer Konstellationen wieder echte, unvorhersehbare und lebendige Entscheidungen zu treffen — eine finale Ermutigung zur menschlichen Souveränität.
Der Autor Hartmut Rosa ist sicher kein postmoderner Denker. Er meidet dieses Wort wie der Teufel das Weihwasser und verortet sich und uns stattdessen in der „Spätmoderne“. Denn Hartmut Rosa sieht unsere Zukunft weder in einer dystopischen Apokalypse untergehen, noch in schleichender Dekadenz verfallen. Seiner Meinung nach liegt das Goldene Zeitalter durchaus noch vor uns. Deshalb glaubt er auch an den Sinn der Zukunft.
Genau so wenig, wie er postmodern denkt, verortet er sich links. Seine politische Ausrichtung dürfte eher kleinbürgerlich sein. Das bedeutet, dass seine intellektuellen Vorschläge mehr am Individuum ansetzen als auf politisch-gesellschaftlicher Ebene. Wenn man so will, dann lässt sich dieses Buch eher der zeitgenössischen Ratgeberliteratur zuordnen als einer soziologischen Studie, die politisch etwas verändern will (wenn auch sehr häufig Adorno und Habermas etc. zitiert werden). In einem Interview mit einer Zeitung darauf angesprochen, betont Hartmut Rosa allerdings, dass stets beide Ebenen, die individuelle und die politische, gleichzeitig in Angriff genommen werden müssen, wenn man etwas verändern will, weil sie sich gegenseitig bedingen.
In dem vorliegenden Buch blendet er die politische Ebene allerdings nahezu vollständig aus. Es wäre schön gewesen, wenn er in einem weiteren Kapitel Maßnahmen, wie er sie vordem für Individuen empfohlen hat, auch auf gesellschaftlicher Ebene entwickelt hätte. Dazu wäre allerdings ein politisches Statement erforderlich gewesen und in genau diesem Punkt sträubt sich Hartmut Rosa vehement – verständlich, wenn man einen Lehrstuhl innehat und auf Förder- und Drittmittel angewiesen ist. Außerdem könnte ein bekennendes linkes Buch nie Spiegel-Bestseller werden.
Ich möchte jedoch nicht den Eindruck erwecken, dass das vorliegende Buch nicht lesenswert wäre – ganz im Gegenteil. Ich halte es geradezu für höchst lesenswert, denn es sind sehr tiefgreifende Analysen darin enthalten. Wie Hartmut Rosa nicht ganz unbescheiden einmal in einer Randbemerkung erwähnt, hält er seine Gedanken für eine zeitgenössische Weiterentwicklung von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“. Und ja, ich möchte dem nicht widersprechen. Ansätze dazu hat das Buch zweifellos. Allerdings darf man so nicht aufhören, sondern man muss erst recht dort anfangen zu denken, wo das Buch endet! Als rechtschaffener Bürger hat man geradezu die Pflicht, die politischen Konsequenzen selbst zu entwerfen. Man darf das Buch auf keinen Fall nach der Lektüre getrost ins Regal stellen. Denn die individuelle und die politische Ebene sind beides Seiten ein und derselben Medaille. Der Mensch ist Individuum und Zoon politikon zugleich. Deshalb erfordern Hartmut Rosas Analysen sowohl Konsequenzen auf persönlicher als auch auf gesellschaftlich-politischer Ebene. Denn erst dann hat man verstanden, was der Unterschied zwischen einer Konstellation und einer Situation ist, nämlich wenn man selbst ins Handeln kommt und nicht mehr im Vollziehen verbleibt.
In Situation und Konstellation diagnostiziert der Soziologe Hartmut Rosa treffsicher, dass in der Spätmoderne tendenziell nicht mehr in Anbetracht von Situationen, sondern mindestens auch auf Grundlage von Konstellationen gehandelt wird. Wobei strenggenommen, folgt man Rosa, oft nicht mal mehr gehandelt, sondern lediglich vollzogen wird. Den Begriff der Konstellation definiert er nicht in Anlehnung an Adorno, sondern (geprägt durch Hermann Schmitz) als eine vereinfachte Darstellung einer Situation. Diese beschreibt Rosa als eine Anordnung von Einzelfaktoren, die zueinander in einer klar ersichtlichen Beziehung stehen. Solche Darstellungen haben sich in vielen Szenarien als äußerst nützlich, ja sogar emanzipatorisch erwiesen; in einigen anderen Fällen (und diese Anderen nehmen zu!) erweisen sie sich, beziehungsweise das Vollziehen auf ihrer Grundlage, jedoch auch als problematisch. Die mit dem konstellationsbasierten Vollziehen einhergehenden Problematiken werden anhand einer Reihe von Beispielen illustriert. So zeigt Rosa mit ihnen, dass das Vollziehen zum einen zu situationsunangemessenen Lösungen führen kann und zum anderen uns langfristig die soziale Energie raubt, da wir uns nicht mehr als freihandelnde (moralisch verantwortliche) Subjekte begegnen und wahrnehmen (→ Entfremdung).
Obgleich Hartmut Rosas Analyse stellenweise an Tiefe zu wünschen übrig lässt und mir die Fülle an Beispielen übermäßig erschien, empfand ich die Lektüre insgesamt als aufschlussreich.