Über Machtmissbrauch, Resilienz und den Menschen, der hinter der Schlagzeile Kerstin Kerstin Opiela wird 1991 geboren, wächst in Wien auf, geht zur Schule, erlebt aber eine Kindheit, die weit von einer Bilderbuchvorstellung entfernt ist. Da ist ein Vater, der nicht da ist, und eine Mutter, die Betreuungspflichten nicht wahrnehmen kann und darf, Armut, Kinderheime, die höchstens Aufbewahrungsstätten sind. Es folgen Obdachlosigkeit und Teenager-Schwangerschaft und Teenager-Mutterschaft – zwei Dinge, die niemals Hand in Hand gehen dürften, es aber tun. Kerstin stolpert von einer gewaltvollen Beziehung in die nächste. Die Lücken und Bruchstellen im System – im vermeintlichen Sozialstaat – werden deutlich. Wie schnell es gehen kann, dass jemand nicht aufgefangen wird, erst recht.
The good, the bad & the reality tv Kerstins Teilnahme bei "Teenager werden Mütter" verändert schließlich (fast) alles. Sie wird zum Reality-TV-Star, zu einer der bekanntesten Figuren Österreichs, "liefert" Drama und Einschaltquoten im sogenannten "Trash-TV". Was einerseits eine Einladung zur Massenkritik und Belustigung bietet, ist andererseits ein Sprungbrett, eine neue Möglichkeit, das Leben wieder selbst gestalten zu können. Doch wie geht man damit um, wenn so viele glauben, alles über einen zu wissen? Und wie findet man zurück zu sich selbst in all dem Trubel – mit einer Vergangenheit, die immer gegenwärtig ist?
Das Erzählen der eigenen Geschichte wird zum emanzipatorischen Akt – macht richtig viel Mut! Heute geht es Kerstin darum, Mut zu machen. Den Mädchen und Frauen, die Ähnliches erleiden, denen, die von Gewalt betroffen sind. Und dabei auch die Kontrolle über das Narrativ rund um ihre Person zurückzuerlangen. Sie spricht über die unzähligen Momente, in denen sie stark sein musste, sich allein fühlte, über die Momente, in denen sie trotz allem optimistisch in die Zukunft blickte. Leser*innen lernen die Kerstin hinter der Kulisse – hinter der Schlagzeile – kennen. Kerstins Jenen Hoffnung zu geben, die nicht mehr weiterwissen, und eine Stimme zu sein für die, die keine eigene haben. Das hier ist ihre Geschichte.
„Was soll nur aus dir werden?“ Diese Frage wurde mir so oft gestellt in meinem Leben. (loc. 1913)
Opiela war selbst noch ein Kind, als sie ihr erstes Kind geboren hat. Und sie war fast noch ein Kind, als sie an „Teenager werden Mütter“ („Teen Mom“ für Österreich) teilgenommen hat. Aber die Geschichte beginnt viel früher.
Hier ist eine Geschichte, die nicht unbekannt ist: eine junge Frau (oder wirklich ein Mädchen), die zu früh Mutter geworden ist, oder zu früh erwachsen musste, oder schlechte Entscheidungen getroffen, oder...„Teen Mom“ habe ich nie gesehen, aber diese Geschichte kenne ich. Was hier aber interessant ist, ist zweifach: Erstens hat Opiela mit einer Ghostwriterin (oder Mitautorin) gearbeitet—das ist ganz normal, aber in Kerstin unscripted gibt es zwei Stimmen: Opielas, und auch Leopolds. Opiela erzählt ihre Erfahrungen, und Leopold bringt kultereller Kontext und Statistiken ein, um die Geschichte abzurunden.
Und zweitens ist es so klar wie sehr diese Geschichte eine von Generationszyklen ist..und auch sozialen Zyklen. Ich habe andere „Teen Mom“ Memoiren gelesen, aber nie war das so deutlich.
Als Jugendliche hatte ich keine Mutter oder Vater, die mir Mathe, Deutsch, putzen, kochen oder das Leben beigebracht hätten. Was ich gelernt habe, habe ich mir selbst beibringen oder von anderen mühsam abschauen müssen. (loc. 690)
Ich werde an Wards of the State erinnert—von außen kann man „Hier ist, was diese Kinder tun sollten“ sagen, aber das ist nicht so einfach, wenn man keine Vorbilder und keine Ressourcen (und begrenzte Bildung, und oft kein Zuhause) hat.
3,5 Sterne; keine größen Überraschungen aber sehr präzise.
Thanks to the author and publisher for providing a review copy through NetGalley. Quotes are from an ARC and may not be final. Deutsch ist nicht meine Muttersprache, und alle Fehler sind meine eigenen.
Neue Wörter Wirbelwind: whirlwind heftig: intense Stirnfransen: fringe, bangs Lebensgefährtin: partner sich wälzen: to roll around Zungenkuss: French kiss anzünden: to light up trotzig: defiant Zocker: gambler Teenie: teenager Herzstillstand: cardiac arrest Hebamme: midwife Hemmungen: inhibitions Drohung: threat Überclou: overkill Kribbeln: tingling Mistgabelmob: pitchfork mob ("shit fork mob"?) Hollywood-Schmonzette: Hollywood romance Junggesellinnenabschieden: bachelorette parties Schaukelstuhl: rocking chair Hollywoodschaukel: porch swing Geschichtenerzählerin: storyteller Gschichtldruckerin: story printer zickig: bitchy
Wäre mein Buddy-Read nicht gewesen, hätte ich das Buch wohl nicht zu Ende gelesen. Doch als TWM-Zuseherinnen der ersten Stunde waren wir viel zu neugierig. Also haben wir uns mit dem Rotstift bewaffnet und uns tapfer durchgebissen. Was die Sendung selbst betrifft, haben wir ehrlicherweise die letzten Staffeln nicht mehr angeschaut – der Kern des Formats hat sich in den letzten zehn Jahren komplett verloren. Aber meine Rezension dreht sich nicht um die Show, sondern um die Lebensgeschichte einer ihrer bekanntesten Protagonistinnen: Kerstin, die nicht nur jung Mutter geworden ist, sondern sich mit TWM auch einen echten (Trash-)TV-Status in Österreich aufgebaut hat.
Im Fernsehen wird eine junge Frau präsentiert, die chaotisch und anfangs ein wenig orientierungslos vor die Kamera läuft. Jahrelang wurde sie begleitet, und als zusehende Person lässt sich ihr persönliches Wachstum live mitverfolgen. Aus dem einstigen „Lost Teenie“ ist eine Erwachsene geworden, die ihren eigenen Weg geht - die die Gewalterfahrungen und den Missbrauch, die ihr widerfahren sind, hinter sich lässt und für ihre Kinder und den neuen Partner an ihrer Seite stark bleibt. So zumindest mein Eindruck, nachdem ich sie im Fernsehen gesehen habe. Hin und wieder blitzt ihre jugendliche Seite hervor, verbale Ausrutscher passieren, Fauxpas und Fettnäpfchen gehören zu ihrem Alltag. Trotz allem bleibt sie aber DIE Kerstin – die Betonung liegt auf dem Artikel, und der ist tatsächlich sehr zutreffend. Weil er schreit, weil er laut ist, weil er besonders (betont) - und das trifft auch (positiv!) auf Kerstin zu. Auf eine Frau, die ihre Stimme nutzen möchte.
Jahrelang habe ich sie im TV begleitet, dadurch ist sie mir fast schon ein bisschen „vertraut“ geworden. Natürlich hat mich dann ihre Biografie brennend interessiert. Und was bot sich da besser an, als das Buch gemeinsam mit meiner lieben Freundin zu lesen und uns laufend darüber auszutauschen? Doch da wussten wir noch nicht, dass wir das Werk im Endeffekt völlig auseinandernehmen würden. Auf keinen Fall auf persönlicher Ebene – Kerstins Geschichte würden wir niemals diskutieren oder bewerten –, jedoch auf der sprachlichen Ebene und dem, was Frau Leopold aus Kerstins Erzählungen fabriziert hat.
Für mein Gefühl hat Leopold ihren Beruf als Journalistin verfehlt. Ich kenne keine anderen Texte von ihr, möchte aber auch nichts mehr aus ihrer Feder lesen. Sprachlich bewegt sich Leopold als Schreiberin deutlich unterhalb des Niveaus einer wortgewandten Person. Ja, sie lässt Kerstin direkt sprechen und schreibt demnach ein wenig alltagsgebräuchlich (und auch Wienerisch!). Trotzdem hätte hier dringend ein Lektorat über den Text schauen müssen. Ich kenne Kerstin nicht persönlich, lediglich aus dem TV und von Social Media, doch ich finde nicht, dass der Text ihr sprachlich etwas Gutes tut. Formulierungen wie „Wir haben Autostopp gemacht“ sind schlichtweg falsch. Soooo falsch, wie Leopold es schreiben würde. Ein paar weitere Prachtexemplare ihrer Schreiberei: „und – Byebye – weg für immer.“ oder „Gewalt ist nicht keck“. Wer Kerstins Postings liest, weiß, dass ihre Ausdrucksstärke schwächelt. Umso wichtiger wäre es gewesen, wenn Leopold hier unterstützend eingegriffen hätte.
Um hier aber mit etwas Positivem abzuschließen, muss ich meinen absoluten Lieblingssatz des Buches hervorheben. Ich habe auch bereits das Marketingteam des AKH Wiens darauf aufmerksam gemacht, weil er werbetechnisch Gold wert ist: „In meiner Erinnerung, die sich ganz stark mischt mit schnulzigen Filmen, die ich irgendwann im Laufe meines Lebens gesehen habe, ist das bis heute ein Platz der absoluten Geborgenheit, das Heisl im AKH.“ Wie kann man einen derart unsexy Ort schöner beschreiben?
Der Klappentext verspricht die Beantwortung folgender Fragen: „Doch wer ist Kerstin wirklich? Wie geht sie damit um, dass plötzlich alle glauben, sie zu kennen?“. Ich kann diese Fragen auch nach der Lektüre nicht beantworten. Das Buch klärt nicht auf, es liefert keinerlei tiefere Informationen und lässt einen genauso ratlos zurück, wie man es aufgeschlagen hat. Die zig Wiederholungen des immer gleichen Geschwaffels tragen absolut nicht dazu bei, etwas Sinnvolles mitzunehmen. Und die ganzen unaufgeklärten Andeutungen hätte man ebenso gut weglassen können – wobei es dann wohl gar nichts zu lesen gegeben hätte. Nach der letzten Seite habe ich nur noch Fragezeichen im Kopf, weil gefühlt rein gar nichts aufgelöst wurde. Abgesehen davon, dass die Timeline oftmals nicht nachvollziehbar ist. Wo und warum befinde ich mich gerade in Kerstins Leben?
Leopold hat sich immerhin mit ihren Einschüben bemüht – wenn man das so nennen kann –, psychologische und persönliche Hintergründe aus Kerstins Leben zu beleuchten. Sie lässt hierbei außenstehende Personen sowie sich selbst sprechen, die alle dazu beitragen sollen, bestimmte Phänomene besser zu verstehen. Allerdings sind diese Infoboxen völlig redundant, wenn man Kerstins Sicht vorher aufmerksam gelesen hat. Leopold bzw. die Expertinnen bieten kaum neue Erkenntnisse. Vieles wirkt eher belehrend, als wäre man als Leser*in nicht fähig, eigene Schlüsse oder Verbindungen zu ziehen. Das liest sich wie ein besserwisserischer Kommentar, was im Endeffekt dazu führt, dass man diese Passagen eher überspringt.
Kann ich das Buch empfehlen? Nein, absolut nicht. Weder TWM-Fans und erst recht nicht jenen, die mit dem Format nichts anfangen können. Es gibt einem absolut nichts, und die Zeit lässt sich besser investieren. Was verdammt schade ist – denn ich denke, dass Kerstin eine wahnsinnig interessante Lebensgeschichte hat, aus der viele etwas lernen und mitnehmen könnten. Mit den richtigen Worten und der passenden Erzählweise könnte sie sicherlich einiges erreichen – aber hier passiert leider das genaue Gegenteil.
Wer auch immer überlegt, das Buch zu lesen: Tu es nicht. Such mit Kerstin lieber das persönliche Gespräch – ich bin mir sicher, dass dabei mehr herumkommt. Liebe Kerstin, es tut mir leid, dass deine Geschichte nicht besser niedergeschrieben worden ist. Du meintest in einem Gespräch mit mir, dass du vieles (noch) nicht erzählen hast dürfen - das wäre allerdings für ein derartiges Buch von Belangen gewesen. Vielleicht findest du nochmals die Möglichkeit deine Geschichte zu erzählen - dieses Mal ohne Lücken.
Ich wollte dieses Buch mögen. Wirklich. Doch wenn da nicht meine Lesepartnerin gewesen wäre, hätte ich es schon nach den Vorworten in den offenen Bücherschrank verfrachtet. Dieses Buch bevormundet die Lesenden, behandelt sie, als hätten sie die Aufmerksamkeisspanne und Kombinationsgabe eines Goldfisches und lässt die Dinge unausgesprochen oder unbenannt, die ausschlaggebend sind. Kurze Kapitel, die sich teils wie Instagram-Captions lesen, wiederholend sind und an den seltsamsten Stellen von Public Service Announcements bzw. "klärenden Zusatzinfos" und Randkommentaren von Judith Leopold unterbrochen werden. Ein Buch, das von einer Journalistin verfasst wurde - in der ersten Person, so, als würde Kerstin erzählen. Schwierig. Und das erste und letzte (Vor- und Nach-)Wort? Das hat auch die Journalistin, nicht die Frau, deren Geschichte erzählt wird (die begrüßt als Zweite und verabschiedet sich als Erste). Choices were made. Definitiv eine berührende und sehr erzählenswerte Lebensgeschichte, leider eine horrende Umsetzung. Sehr, sehr schade.