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Im Glück und anderswo: Gedichte

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Rare Book

284 pages, Hardcover

First published January 1, 2001

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Robert Gernhardt

181 books8 followers
Robert Johann Arthur Gernhardt war ein deutscher Schriftsteller, Dichter, Zeichner und Maler.

Im Dezember 2008 stiftete die Landesbank Hessen-Thüringen im Andenken an Robert Gernhardt den beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst angesiedelten Robert-Gernhardt-Förderpreis (heute: Robert-Gernhardt-Preis). Er wird seit 2009 jährlich an je zwei hessische Autoren vergeben, um sie darin zu unterstützen, ein besonderes literarisches Projekt zu verwirklichen.

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Profile Image for Klaus Mattes.
795 reviews12 followers
March 3, 2026
Robert Gernhardts Gedichtbände der 1990-er Jahre, leider ist das qualitativ eine absteigende Reihe: 1994: „Weiche Ziele“, 1997: „Lichte Gedichte“, 2002: „Im Glück und anderswo“ (auch darin finden sich Einzelgedichte mit den Jahresangaben 1997, 1998 mehrfach). Und immer dicker wurden sie dabei, das hier kommt fast auf 300 Seiten! Und doch: Am wenigsten belanglos war der erste, am belanglosesten ist dieser hier.

1997 war Robert Gernhardt 60 geworden. Für ihn, nach dem überlebtem Herzstillstand, bedeutete das wahrscheinlich die Schwelle ins Rentenalter. Im Vorjahr war zum ersten Mal die Gesamtausgabe aller seiner Gedichte verlegt worden. Das Jahr 1997 war aber auch, was er sein „Annus Mirabilis“ nennt. Die Großkritiker der überregionalen Feuilletons sprachen ihn heilig, er sei als Poet ein Glücksfall für Deutschland und gehöre in alle Jahrhundertrückblicke mit hinein. Der gebauchpinselte Autor gab sich ironisch: „Anbetend brech ich vor mir selbst zusammen.“

Hier schauen wir dann einem selbst-unkritischen Poeten zu, ursprünglich ja Maler, dann eher Witzezeichner und Humorist, dann Essayist, dann Erzähler, der wirklich jeden Tag weiter brav Dienst für die Musen tut: „Schreib ein Gedicht, wenn dein Hund einen anbellt, schreib ein Gedicht, wenn was im Fernsehen ist, schreib ein Gedicht, wenn's hagelt!“ Ganz ehrlich: Es ist so oft so vorhersehbar, so abgedroschen, so einfallslos! (Wenn auch handwerklich meist noch fein gemacht.)

Über Nacht

30. Oktober
War jemals soviel Glanz?
Darf soviel Herbst denn sein?
Das Auge trinkt und trinkt
und wird nicht satt davon
Der Kopf steht wie betäubt.

31. Oktober
Die Nacht war sehr viel Sturm.
Zum Winde kam der Guß.
War je soviel Verfall?
Das Auge wendet sich.
Dem Kopf wird alles klar.

Klar, so was kann man schon mal dichten. Direkt schlecht ist es doch nicht. Aber wer würde je behaupten, das muss man gelesen haben, sonst würde einem was fehlen? „Im Glück und anderswo“ ist einer der raren Anlässe, wo ich gegen den Rest der Welt mit Fritz J. Raddatz, dem sonst ja zu oft Schnöseligen, einig gehe. Als das hier vier Jahre nach besagtem „Annus Mirabilis“ erschien, fanden sie es alle (NZZ, SZ) mehr oder weniger wunderbar und nur Raddatz wetterte in der „Zeit“: „literarischer Pflastermaler“, „schnippischer Verkäufer“, „Mogelpackung“.

Auch zum Thomas Bernhard und dessen Lieblingscafé „Bräunerhof“ hat der Gernhardt was aufs Wiener Pflaster gemalt.

Wiener Verwandlung

Die Hand des Schicksals lenkte meine Füße
zum Café „Bräunerhof“, in das ich eintrat,
weil mir so war, als riefe Thomas Bernhard
ein „Gernhardt“, das mich persönlich reinbat.

Des Dichters Machtwort bannt mich seither wehrlos
im „Bräunerhof“ an einen jener Tische,
an welchen Gäste lautlos ventilieren,
als wären sie nicht Menschen, sondern Fische.

Der Geist des Café „Bräunerhof“ verwandelt
jedweden, der das Eintreten riskiert.
Erst wird er still. Dann ruhig. Dann gelassen.
Und langsam spürt er, wie er sanft mutiert:

Zum „Bräunerhofer“, jener Café-Spezies,
die nur in Wien entsteht und derart rar ist,
daß der Mutierte stumm vorm „Braunen“ rätselt,
ob er unwirklich, wirklich oder wirklich wahr ist.

Mir kam so Manches ein wenig einfältig vor und sah mir eher nach Beschäftigungstherapie aus. Man kann noch Artist sein, wenn man fast nichts mehr denkt. Dann aber schlug der 9. September 2001 ins New Yorker WTC ein. Damals dachte wirklich jeder was.

Sonett vom Ende der Spaßgesellschaft in diesem unserem Lande

Ein Land macht ernst. Seit jene Türme fielen,
fiel auch der Groschen: Nun ist Schluß mit lustig!
Ein Eiseshauch Verachtung, frostig, frustig,
streift seither die, die noch mit Worten spielen,

Die noch ihr Volk mit eitlen Ironien
auf schiefer Tali„bahn“ zu schliddern glauben
und unbeirrt vom Krieg nach Witzen klauben,
anstatt geschlossen in den Ernst zu ziehen -:

Getreu dem Vorbild dessen, der seit Wochen
mit grimmer Miene heilgen Krieg verkündigt,
als Rächer und Prophet von eignen Gnaden.

Kein Lächeln hat dies Antlitz überkrochen,
mit keinem Scherz hat er sich je versündigt:
Des Terrors Ernstbold Usama bin Laden.

Das ist jetzt auch noch ein Sonett und dieser klassischen Form widmete sich der Frankfurter Dichter immer besonders gern. Er, der ein formschönes Sonett mit den Worten „Sonette find ich sowas von beschissen“ beginnen ließ, könnte er nicht auch mal ein Sonett vom Schwanz her aufzäumen, die zwei Dreizeiler an erster Stelle? Und das am besten gleich zu Nobelpreisträger Günter Grass‘ Buch „Im Krebsgang“.

Sonett im Krebs

Alles zurück! Kommt! Laßt uns Krebse werden!
Der Krebsgang ist nun mal der Gang der Stunde.
Ob drunt im Meer, ob auf dem Erdenrunde:

Wer sich zurückzieht, hindert die Beschwerden,
ihn dort zu packen, wo sie uns im Grunde
gern fassen würden: Vorn. An unserm Schlunde.

Entziehn wir uns! So daß im Fall des Falles
Des Übels Rachen den begehrten Braten
- und der sind wir! - nach langem Rätselraten
nicht mehr zu orten weiß. So, wie des Balles

verstörend Hin und Her: so, wie des Knalles
verwirrend Echo - so auch wir. Durch Taten
allein wird man zum Krebs. Auf denn! Durchwaten
wir Schritt für Schritt, was war: Zurück das alles!

Dreizeiler am Anfang, Vierzeiler am Schluss, ging also gut. Klingt auch nicht mal übel. Aber steckt da irgendwas drin, was irgendwer heute noch bedenken sollte?
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