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Mein Körper – wessen Entscheidung?: Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen

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Die Gesellschaft rückt nach rechts, der gebärfähige Körper wird zum Politikum. Bestechend klug analysiert Sibel Schick, warum mit unseren Körpern keine Politik gemacht werden darf.

Dass Schwangerschaftsabbrüche Leben retten können, hat Sibel Schick am eigenen Leib erfahren. Und auch, gegen welche Widerstände sie ankämpfen musste, bevor der rettende Eingriff durchgeführt wurde. Körperliche Selbstbestimmung ist aber keine Ob und unter welchen Bedingungen wir Kinder bekommen wollen, ist hochpolitisch. Reproduktive Freiheit wird heute unter Strafe gestellt, Staaten bestimmen über den Zugang zu medizinischer Versorgung – auch in Deutschland. Berührend und kämpferisch zeigt Schick, dass echte Gerechtigkeit in einer gemeinsamen Befreiung liegt.

172 pages, Kindle Edition

Published February 25, 2026

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Sibel Schick

5 books14 followers

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Displaying 1 - 4 of 4 reviews
Profile Image for Carla.
1,069 reviews138 followers
February 26, 2026
"Der Weg zu unserer Selbstbestimmung führt nicht darüber, anderen weniger Selbstbestimmung zuzugestehen - er endet dort."

Dieses wertvolle Sachbuch der Autorin Sibel Schick möchte ich fast als Manifest für reproduktive Rechte bezeichnen. In "Mein Körper - wessen Entscheidung?" berichtet sie über ihre eigene Abtreibungserfahrung, die ihr das Leben gerettet hat, aber auch, dass sie dafür sehr kämpfen musste. Sie hat die Ungerechtigkeit erlebt, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen (gerade) keine Kinder zu wollen, in einem System, dass einen beständigen Kinderwunsch voraussetzt.

Gibt es überhaupt körperliche Selbstbestimmung für Frauen? Oder leben wir in einem System, das Frauen als bloße Baby-Ressourcen ansieht? Die Autorin thematisiert reproduktive Freiheit, den ungleichen Zugang zu medizinischer Versorgung und warum all diese Fragen politisch sind.

Ich bin absolut begeistert von den Einblicken, die das Buch in dieses ernste und wichtige Thema ermöglicht. Die persönlichen Schilderungen der Autorin haben mich sehr bewegt und zeigen auch, dass sich jede Frau mit reproduktiven Rechten beschäftigten sollte, auch wenn sie einen Kinderwunsch hat, eigentlich gerade dann.

Das Buch ist in fünf relativ gleichgroße Kapitel aufgeteilt, dieser Aufbau hat mir - genauso wie der Schreibstil - sehr gut gefallen! In den einzelnen Kapiteln wird deutlich, wie vielschichtig reproduktive Rechte betrachtet werden müssen.

Absolute Leseempfehlung!

5/5 Sterne

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Rezensionsexemplar I Vielen Dank @netgalleyde!
Profile Image for Tutankhamun18.
1,470 reviews29 followers
March 22, 2026
In diesem Buch erzählt Schick über ihren eigenen Schwangerschaftsabbruch, der ihr fast das Leben gekostet hat. Sie beschreibt wie Paragraph 218 ihr Leben beeinflusst hat und betrachtet wie wir in Deutschland und global mit Schwangerschaftsabbruch umgehen. Dann erklärt sie das Prinzip der Reproduktiver Gerechtigkeit und wie dies Gebären sowie Schwangerschaftsabbruch beinhaltet. Auch geht sie daraufein das Schwangerschaftsabbrüche verbieten nichts verbessert an Lebensumstände von Kindern und Familien.

All dies liest sich durch ihren offenen, nahbaren und trotzdem faktisch belegten Schreibstil sehr gut. Dieses Buch beinhaltet viel Schmerz, viel Wissen und viel Stärke. Ich habe es geliebt!

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“Ich kam zu Hause an, erzählte, dass ich wohl nicht schwanger werden könne, und weinte. Dabei war die Sache mit dem Kind gar kein Traum, sondern bloß ein Plan, der jetzt geplatzt war.” ⭐️

“Ich würde es bereuen, da ich ja keine Kinder hatte. Ich fragte, woran sie diese Meinung festmachte, und rechnete damit, dass sie ihre Einschätzung mit Studienergebnissen begründete.
Aber sie antwortete nur: »Lebenserfahrung.«
Was die Ärztin da äußerte, war ihre subjektive Meinung als Privatperson, nicht ihre professionelle Einschätzung als Medizinerin. Ich hatte keine Freundin, sondern eine Ärztin aufgesucht, und zwar für ihre Expertise.
Wenn ich Lebenserfahrung will, spreche ich mit meiner Mutter. Was die Gynäkologin privat beziehungsweise persönlich dachte, interessierte mich nicht. Ich rege mich bis heute darüber auf, dass sie mir ihre persönliche Meinung mit dieser Selbstverständlichkeit mitteilte und dabei ihren Status als Ärztin missbrauchte. Es ist ein Missbrauch, weil ihre Äußerung die Grenze zwischen Fakt und persönlicher Meinung verwischt: Sie steht da im Kittel und ich bin Laiin, sie hat Medizin studiert und ich suche ihre Expertise auf, ich erwarte Daten aber bekomme eine Spekulation.”

“Aber widersprüchliche Gefühle zu haben ist eine äußerst menschliche Erfahrung. Ich hätte mir einen sicheren Raum gewünscht, in dem Platz dafür wäre, in dem ich darüber hätte sprechen können. Aber dieser Raum wurde mir verwehrt, und damit auch ein Teil meiner Menschlichkeit.” ⭐️

“Schließlich spielt es keine Rolle, was ein Mensch persönlich von einem Schwangerschaftsabbruch hält. Abbrüche sind notwendige medizinische Eingriffe, und sie werden immer stattfinden, egal, wie strikt die Gesetzeslage ist. Sie legal und sicher zu machen, ist die einzige Möglichkeit, in Bezug auf Abtreibungen Leben zu retten.”

“Das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit basiert auf drei zentralen Prinzipien, die vielfältige Formen reproduktiver Unterdrückung erfassen: das Recht, Kinder zu bekommen und über Schwangerschaft und Geburt selbst zu bestimmen; das Recht, keine Kinder zu bekommen und sicheren Zugang zu Verhütung und Abtreibung zu haben; das Recht, Kinder unter würdigen, sicheren und gerechten Bedingungen aufzuziehen und schließlich das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Reproduktive Gerechtigkeit bedeutet also Gerechtigkeit in jedem Lebensbereich.”

“Sie werden stattfinden, auch wenn sie verboten sind. Ein Verbot macht sie bloß schwerer zugänglich und lebensgefährlich. Es führt zu Todesfällen, deshalb retten sichere und legale Schwangerschaftsabbrüche Leben. Verbote führen außerdem zu Verurteilungen von Schwangeren, die von Armut betroffen sind. Denn wer genug Geld hat, kann sich Zugang verschaffen, selbst in einem Land, in dem Abbrüche verboten sind. Wer kein Geld hat, kann sich zum einen keine Möglichkeit leisten, das Verbot zu umgehen. Zum anderen werden einkommensarme Menschen vor Gerichten härter bestraft und die Geldstrafen, die verhängt werden können, schaden ihnen proportional viel mehr als reichen Menschen.”

POV CH
“In der Schweiz beispielsweise werden Abbrüche liberaler geregelt als in Deutschland. Dort besteht eine Fris-tenregelung: Eine Person, die eine Schwangerschaft abbrechen möchte, kann dies bis zur zwölften Woche ohne Begründung tun. Die Kosten werden mindestens teilweise von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Nach der zwölften Woche muss eine Fachperson entscheiden, ob der Abbruch durchgeführt werden kann, das bedeu-tet, spätere Abbrüche sind gegebenenfalls auch möglich.
Beratungen sind freiwillig - sich beraten zu lassen, ist also keine Pflicht, sondern ein Recht. Das ist erst einmal gut, es reicht aber nicht für ein wirklich selbstbestimmtes Leben. Denn selbst bestimmen zu können, setzt voraus, dass Menschen in jeder Hinsicht frei sind. Dass sie keiner Diskriminierung ausgesetzt sind, dass sie keine Gewalt walt erleben, dass sie auf lebensnotwendige Ressourcen zurückgreifen können. Es bedeutet auch, dass sich Menschen für ein Leben mit Kindern entscheiden können.
In der Schweiz birgt das Mutterwerden ein großes Armutsrisiko.
»Ein wesentlicher Grund [...] ist die Tatsache, dass Paare bei der Geburt des ersten Kindes in den allermeisten Fällen ihre Erwerbstätigkeit reduzieren. Diese Pensenreduktion oder Erwerbsaufgabe betrifft nach wie vor deutlich häufiger die Mütter, weil sie in erster Linie die Haushalts- und Betreuungsarbeiten über-nehmen. Insgesamt führt dies zu vergleichsweise tieferen Haushaltseinkommen und verschlechtert die wirtschaftliche Situation dieser Haushalte. Der finanzielle Einschnitt wirkt sich besonders stark aus, wenn Eltern sich trennen oder scheiden lassen.«
So heißt es in einer Studie über die wirtschaftliche Situation von Familien in der Schweiz. Ein Kind zu bekommen kann hier also bedeuten, in Armut zu leben. Es kann bedeuten, eine Beziehung nicht beenden zu können, weil man sich das Alleinleben nicht leisten kann. Und mit jedem weiteren Kind spitzt sich die Lage zu. Wer heute weniger arbeitet, bekommt in Zukunft weniger Rente, die Armut setzt sich fort. Für Menschen ohne finanzielles Sicherheitsnetz, rührt die Frage, ob sie Kinder bekommen, an die eigene Existenz - selbst in einem reichen Land wie der Schweiz. Dieser Reichtum muss also ungleich verteilt sein: Wenige sind sehr reich, während viele diesen Reichtum mit ihrer Arbeitskraft erwirtschaften, ohne davon zu profitieren.”

“Verhütung beziehungsweise Schwangerschaftsabbrüche zu erschweren oder zu verhindern, gibt vor, dass Sex nur zum Zweck der Fortpflanzung stattfinden soll. Lust hat hier keinen Platz.
Eine fundamentale menschliche Erfahrung wird so unter den Teppich gekehrt. Damit wird jenen Menschen, die von dieser Maßnahme betroffen sind, ein Stück ihrer Menschlichkeit aberkannt.” ⭐️

“Die Freiheit derjenigen, die an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrängt werden, definiert die Grenzen der Freiheit aller.”

“Abtreibungsgegner*innen maskieren ihre Dämonisierung als Misstrauen, und das hat genau diese Funktion: Es eröffnet einen Nebenschauplatz, in dem wir in Erklärungsnot gebracht werden, unsere Entscheidungen rechtfertigen müssen, beweisen sollen, dass wir zurechnungsfähig sind, dass wir nicht unmoralisch sind, dass wir verantwortungsvoll handeln, dass wir zu lieben fähig sind, dass wir gute Menschen sind, die lange überlegen und gewissenhaft entscheiden. Wenn wir darauf eingehen, können wir aber nichts erreichen, weil es nicht um Misstrauen oder Vertrauen geht. Was hier stattfindet, ist eine Ent-menschlichung, und wir dürfen nicht kapitulieren.”

“Babys, Kinder, Menschenleben und Familien kann man nur schützen, indem man ihren Bedürfnissen entsprechende Politik macht, ihre Rechte stärkt und ihnen denselben Wert beimisst wie den Stärksten innerhalb einer Gesellschaft. Erst wenn Babys, Kinder, Menschen und Familien in unserer Gesellschaft genauso gut geschützt werden wie derzeit Privateigentum, Superreiche oder Großkonzerne, ist das Ziel erreicht. Dorthin gelangt man allerdings nicht mit der Kriminalisierung von Abtrei-bung. Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Kriminalisierung von Abtreibung und der Verbesserung der Lebensumstände von Kindern und Familien.”

“Die Gründe für Schwangerschaftsabbrüche sind viel-fältig, und sie sind alle legitim. Sie müssen nicht gerechtfertigt und erklärt werden, und sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, als gäbe es einen Wettbewerb für den besten Grund. Und trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken, welche strukturellen und politischen Ursachen hinter diesen Entscheidungen liegen können.
Es geht nicht darum, Menschen davon zu überzeugen, dass es mehr Geburten geben sollte. Es geht darum, dass alle Menschen die Möglichkeit haben sollten, ganz frei zu entscheiden, ob sie ein Kind bekommen wollen.”

“Um eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können, müssen Bedingungen vorherrschen, die ein Leben mit Menschenwürde ermöglichen - für die Eltern wie für das Kind. Das bedeutet: keine Armut, kein Rassismus, keine anderweitigen Dis-kriminierungen, keine Gewalt.”






Profile Image for Seitenmusik.
419 reviews26 followers
February 27, 2026
Mit "Mein Körper – wessen Entscheidung?" legt Sibel Schick im S. Fischer Verlag ein politisches Sachbuch vor. Ausgangspunkt ist ihre eigene Erfahrung mit einem Schwangerschaftsabbruch, doch der Text bleibt nicht autobiografisch stehen, sondern entwickelt daraus eine systematische Analyse reproduktiver Machtverhältnisse.

Meine Meinung

„Es ist der Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuchs, der mich fast getötet hat“ (S. 40).
Damit ist eigentlich schon klar, worin eines der vielen Problem im Kontext reproduktiver Gerechtigkeit liegt. Das Zitat ist dabei programmatisch. Es verschiebt die Perspektive weg von individueller Moral hin zu struktureller Gewalt. Schwangerschaftsabbrüche sind nicht "nur" private Tragödien, sondern vor allem eine staatlich regulierte Praxis mit realen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Folgen für betroffene Frauen.

Zentral für das Buch ist wie der Untertitel des Buches schon vorweg nimmt das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit, das 1994 von Schwarzen Feministinnen in Chicago geprägt wurde. Schick übernimmt diesen Ansatz konsequent: Es geht nicht nur um das Recht auf Abbruch, sondern ebenso um das Recht, Kinder zu bekommen und sie unter würdigen Bedingungen großzuziehen. Damit erweitert sie die deutsche Debatte, die häufig beim „Pro Choice vs. Pro Life“-Schema stehen bleibt.

Die Autorin analysiert die gegenwärtige Verknüpfung von Reproduktionspolitik mit Kapitalismus, Rassismus und Migrationspolitik und Ableismus. Sie argumentiert, dass Gebärfähigkeit politisch verwaltet wird: durch restriktive Abtreibungsgesetze, durch ökonomische Zwänge, durch selektive Förderung bestimmter Familienmodelle.

„Um eine wirklich freie Entscheidung treffen zu können, müssen Bedingungen vorherrschen, die ein Leben mit Menschenwürde ermöglichen“ (S. 75).
Entscheidungsfreiheit ohne soziale Absicherung ist eine Illusion. Wer kein Geld hat, keine sichere Wohnung, keinen Aufenthaltsstatus oder keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, hat faktisch keine Wahl. Freiheit wird damit als soziale Kategorie definiert, nicht als bloß juristische.

Theoretisch bezieht sich Schick unter anderem auf Michel Foucault und biopolitische Ansätze, ohne ins Akademische abzurutschen. Der Stil bleibt zugänglich, teils essayistisch, teils argumentativ zugespitzt. Der Text ist ganz klar normativ. Er will nicht vermitteln, sondern argumentieren. Und ganz ehrlich? Genau in dieser Haltung liegt für mich die Stärke des Buches. Weil es falsche Ausgewogenheit verweigert und stattdessen die zugrunde liegenden Machtstrukturen benennt. Das Buch zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von Strukturen? Wo blende ich soziale Dimensionen aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?

Dass dieses Buch ausgerechnet jetzt erscheint, könnte politisch kaum treffender sein: Am 26.02.2026 wurde mit der Europäischen Bürgerinitiative „My Voice, My Choice“ Geschichte geschrieben. Über 1,12 Millionen Unterschriften haben dazu geführt, dass das Europäische Parlament einen freiwilligen, EU-finanzierten Solidaritätsmechanismus für Menschen ohne Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt. Für Frauen in der EU bedeutet das konkret: Die strukturelle Realität, dass in manchen Mitgliedstaaten lebensnotwendige Abbrüche verweigert werden, Ärzt:innen sich auf Gewissensvorbehalte berufen oder Frauen für Abtreibungen kriminalisiert werden, wird erstmals auf europäischer Ebene als gemeinsames politisches Problem anerkannt. Noch ist nichts umgesetzt, die Kommission muss entscheiden, wie sie weiter verfährt, aber die Botschaft ist klar: Reproduktive Selbstbestimmung ist keine rein nationale Privatangelegenheit mehr, sondern eine europäische Grundrechtsfrage.

Und genau an diesem Punkt setzt Schicks Buch an. Es zwingt dazu, die eigene Position mitzudenken: Wo profitiere ich von liberaleren Strukturen? Wo blende ich soziale und geografische Ungleichheiten aus, wenn ich von „Wahlfreiheit“ spreche?

Fazit

"Mein Körper – wessen Entscheidung?" ist ein analytisch fundiertes, politisch positioniertes Sachbuch, das reproduktive Rechte konsequent als Gerechtigkeitsfrage denkt. Für wen eignet sich das Buch? Ausnahmslos alle, da das Buch Reproduktionspolitik intersektional im Kontext von Macht, Kapital und Diskriminierung betrachtet und somit uns alle angeht. Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.
Profile Image for Buchdoktor.
2,418 reviews193 followers
Review of advance copy received from Netgalley
February 24, 2026
Sibel Schick wünschte sich 2021 nach einsamen und auf sich allein gestellten Jahren als Einwanderin ein Kind, auch wenn sie die ewigen Ermutigungen zu einer Schwangerschaft als Indoktrinierung empfand. Mit zwei Vorerkrankungen, der Fehldiagnose, sie könne nicht schwanger werden, und nach einer weiteren umstrittenen Auskunft, wurde sie überraschend doch schwanger. Ihre Einlieferung ins Krankenhaus mit der Diagnose Lungenembolie erlebte sie so, dass ihr lebensbedrohlicher Zustand hinter dem Schutz des Embryos vor Schädigung durch die Diagnostik zurückzustehen hatte, um das Personal vor Haftungsansprüchen zu schützen. Der Schutz des Ungeborenen rangierte vor dem Überleben der Schwangeren.

In Deutschland ist durch das Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG) geregelt, dass Ärzte (auch in der Ausbildung) nicht zum Schwangerschaftsabbruch gezwungen werden können. Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen per Gesetz schütze demnach das Ungeborene, gefährde zugleich in Fällen wie ihrem durch den Beratungszwang das Leben von Schwangeren, u. a. wenn sich in einer ganzen Region kein Arzt oder keine Klinik für einen Abbruch findet, so die Autorin. Der Widerspruch, dass zwar verbal in Debatten und Wahlkämpfen das Lebensrecht des Ungeborenen beschworen wird, Schwangere in Krisensituationen jedoch alleingelassen würden, führe in Ländern mit restriktiver Gesetzgebung zu unsicheren/illegalen Schwangerschaftsabbrüchen und damit zu höherer Müttersterblichkeit.

Sibel Schicks verstörendes Erlebnis wirft die Frage auf, was Politiker fachlich und menschlich überhaupt qualifiziert, mit einem so sensiblen Thema in den Wahlkampf zu ziehen. In der Folge holt die Autorin zum Rundumschlag gegen das „kapitalistische Patriarchat“ aus, das Kinderhaben predige, sich mit den Lebensbedingungen erwünschter, bereits geborener Kinder jedoch kaum befasse. Ihre Beispiele sind u. a. Kinder als Armutsrisiko, Klassismus, Kinderarbeit und Arbeitsunfälle arbeitender Kinder in der Türkei, minderjährige Opfer von Vergewaltigungen, Femizide, Zwangsassimilierung der Kinder nationaler Minderheiten, geflüchtete Kinder, gesundheitliche Risiken schwarzer Schwangerer in weißen Ländern, Situation Behinderter mit Kinderwunsch, sowie Sexualmoral in konservativen Staaten, die die körperliche Unversehrtheit junger Frauen als irrelevant hinter männliche Wünsche stellt. Dass Schicks Blick beim Thema Glorifizierung von Schwangerschaft auf die Türkei, Ungarn und die USA gerichtet ist, sollte uns eine Mahnung sein, wohin Misogynie führen kann.

Der politische Teil, in der Sache unbestritten, wirkt mit seiner Kapitalismuskritik polarisierend und lässt im Ton insgesamt Empathie für Lebensweisen anderer Menschen missen, jene Einfühlung, die Leser:innen nach dem bedrückenden ersten Kapitel vermutlich stillschweigend voraussetzen.

Fazit
In der Kritik an parteipolitischer Vereinnahmung der Rechte Ungeborener ein wichtiger Diskussionsbeitrag, dessen Schilderung eines dramatischen Notfalls re-traumatisieren kann. Insgesamt fehlt mir ein Ansatz, wie die unbestreitbar vorhandenen Strukturen zur Fürsorge für Schwangere und Menschen mit Kinderwunsch besser koordiniert werden können – und welches dazu der nächste Schritt sein kann.
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