Nastja ist vierzehn und lebt mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter in einem Städtchen in Zentralrussland. Es sind die Jahre nach der Perestroika, das Land ist gezeichnet von Armut und Arbeitslosigkeit. Die Sorgen werden im Alkohol ertränkt, der beste Kindergarten der Stadt erinnert an eine Strafanstalt, und minderjährige Mädchen verdienen ihr Geld als „Das Gold glänzt, die Sterne leuchten, der Schein trügt.“
Aber es gibt auch die andere Eine Seniorin entdeckt die Freude an wildem Sex, eine Badewanne wird für besoffene Nachbarn zu einem Bett umfunktioniert, und das letzte Stück Brot wird redlich geteilt.
Als der junge Soldat Dima aus Liebe zu Nastja sein Leben aufs Spiel setzt, gerät Nastjas Leben vollends außer Kontrolle ...
Unweit von Moskau, nach der Holzhäuser, Plumpsklos, heiße Sommer, weiße Winter. Aber unter der verschlafenen Idylle tobt das wilde Leben, es wird gesoffen und gehurt, geflucht und geliebt.
Anna Galkinas funkelnd bilderreicher Roman erinnert in seiner poetischen Strahlkraft an die große Erzählwelt irgendwo zwischen Agota Kristof und Konstantin Paustowskij.
Dieser Debütroman der Autorin Anna Galkina erzählt unverblümt über das raue Leben in den 80er Jahren in Moskau. Armut und Gewalt beherrschen das Land. In dem Haus der Hauptcharakterin Nastja gibt es kein fließendes Wasser und keine Sanitäranlagen, wenn man einmal von dem Plumpsklo im Garten absieht und auch sonst gibt es wenig Schönes, dass die Kinderaugen der zuerst jungen Protagonisten widerspiegeln könnten.
Gleich die ersten Seiten sind faszinierend. Der ausdrucksvolle Schreibstil der Autorin ist sowohl poetisch und atmosphärisch, als auch kühl und eindringlich. Nicht wird verschönt und jeder Satz ist in gewisser Weise emotional distanziert, wenngleich die beschriebenen Szenen einen beinahe schon erlauben, sich den Markt bildlich vor Augen zu führen und die Gerüche wahrzunehmen. Auch die Spur von Humor und Ironie, passt sehr gut zu der Story, die großteils wie kleine einzelne Aufsätze über verschiedene Themen, Personen oder Orte wirken. Anfangs noch kindlich und naiv, wächst der Stil auch mit dem Erwachsen werden mit.
Obwohl ein solches Elend beschrieben wurde und mich so vieles erschreckt hat, fand ich das Buch sehr gut. Es war einerseits die Distanziertheit, die durch den Schreibstil eintraf und die den Leser zwar schockiert miterleben ließ was passierte, aber nicht ausschließlich alles auf emotionaler Basis berührte. Sonst wäre das Buch meines erachtens nach auch zu aufreibend gewesen.
Wenn man diese detaillierte Lebensgeschichte liest, möchte man sich schämen für das, was dort passiert, während es uns heute und auch damals in den größten Teilen Deutschlands wesentlich besser ging.
Obwohl mir das Buch durchweg gefallen hat, waren die Handlungen der Charaktere nicht immer nachvollziehbar für mich. Die Charaktere wirkten allesamt schwach, da sich keiner traute, sich loszulösen. Sie alle waren Mitläufer. Sie sahen Gewalt und Vergewaltigung und teils noch schlimmeres, doch niemand mischte sich ein. Das wird vor allem auch an Lena sehr deutlich, der schlimmes wiederfährt. Auch Nastja wagt es nicht aus dem Freundeskreis auszubrechen, der nichts Gutes bringt.
Ein interessantes Buch das mit seiner dichten atmosphärischen Schreibweise einen neuen Blick auf das damalige Russland fallen lässt und uns lehrt, dass Leben, so wie wir es kennen, noch mehr zu schätzen.
Das Buch ist eigentlich eine Aneinanderreihung von Szenen aus dem Leben einer 15jährigen in der russischen Provinz zur Endzeit der Sowjetunion. Und nach dem wiederholten saufenden Vater und einer verständnislosen Mutter wollte ich das Buch schon zur Seit legen. Dann aber begann ich mit der Hauptperson mitzubangen, ob und wie sie es schafft sich aus diesem Teufelskreis von Alkohol, Brutalität und Grobschlächtigkeit loszureißen. Am Ende bin ich zufrieden diese „coming of age“ Geschichte“ gelesen zu haben.
Schnell lesbar, mir zu derb in Inhalt und Sprache und als Roman zu unfertig
Das kalte Licht der fernen Sterne ist ein Episodenroman, die Hauptperson Nastja berichtet als Ich-Erzählerin über ihr Dorf im Vor-Wende-Russland. Die Episoden hängen lose zusammen und sind chronologisch grob fortschreitend, wobei es einige übergreifende Kapitel gibt, etwa zu den Jahreszeiten im Dorf oder zu bestimmten Orten und Personen. Die Geschichten handeln von Mangel (Nastja kommt in den Kindergarten, weil das Essen knapp ist) und Strenge (Prügelstrafe und psychische Gewalt sind gängig), von Verwahrlosung (Väter fehlen oder prügeln, die Menschen saufen, es wird betrogen, gestohlen, beneidet), vom Plumpsklo und der sonstigen Infrastruktur des Mangels (kein fließendes Wasser, Stromausfälle, desolate Straßen, Dreck). Das Buch wirkt unfertig, als wären Glossen aus einem Periodikum nur zusammengefasst worden, da in teils aufeinanderfolgenden Kapiteln wieder dasselbe erklärt wird, was schon einmal geschildert wurde (das Plumpsklo, die Brotfabrik,…). Einige Bereiche verstören regelrecht, so die alptraumhafte Bestrafung von Lena in einer Missbrauchs- und Gewaltorgie, die generelle Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit selbst innerhalb von Familien. Auch manche Handlungen sind nicht nachvollziehbar, so flieht Nastja zu den sich prostituierenden Schulkameradinnen oder übernachtet in den Wohnungen völlig Fremder. Um für mich als Schilderung eines tatsächlichen Zustandes zu gelten, bleibt der Roman zu oberflächlich. Einen literarischen Wert mag ich ebenso wenig erkennen. Bei sonst ähnlichem Inhalt hätten andere Ansätze mich deutlich stärker überzeugt: Am ehesten würde ich es für sinnvoll halten, zum Beispiel Schilderungen mehrerer Zeitgenossen zusammenzustellen, um so ein runderes, authentischer wirkendes Bild zu liefern, sollte es um eine Schilderung gehen. Alternativ schafft es Andrei Mihailescu, für sein Heimatland Rumänien einen Vor-Wende-Roman zu schreiben, der desolate Zustände literarisch nachvollziehbar macht und das (sehr wenige) Vulgäre in die wörtliche Sprache einiger Handelnder verbannt. Somit bleiben für mich auf der Positiv-Seite nur Ansatz und Thema, die wirklich originelle und passende optische Aufmachung im Stil von bestempeltem und bekritzelten Packpapier beim Einband und der generelle unprätentiöse Erzählstil der Autorin jenseits von anstößigen Themen und Worten. Mir reicht das leider nicht.
Ich bin von der Werbung auf das Buch aufmerksam geworden und habe es in meiner Lieblingsbücherei geholt. Die Buchbeschreibung klang gut, es ist auch das Thema, das mich interessiert, und ich mag gerne neue Autoren entdecken.
In freudiger Erwartung auf eine schöne Lektüre habe ich das Buch aufgeschlagen, nochmals den Anfang gelesen, denn den gab es schon als LP, aber ich wollte alles auf mich aufs Neue wirken lassen. Die Beschreibung der Bibliothek auf S. 16 fand ich schön poetisch, einiges aus den Kurzgeschichten Winter, Frühling, aber dann… Je weiter ich las, desto düsterer und ekliger wurde es. Und zwar auf so eine abstoßende Art und Weise, dass ich nicht müde war, das Buch aus der Hand zu legen. Und ich musste mich zwingen, es wieder aufzuschlagen.
Kurz nach der LP geht es schon mal los: da liest man über einen Nachbarsjungen, der sich voller Freude nach Hause beeilt, da er auf die Welpen aufpassen will, die seine Hündin in der Nacht geboren hat. Doch muss man gleich der grausamen Tötung der Kleinen beiwohnen: Die Mutter ertränkt sie vor Augen ihres Sohnes in einem Topf, und buddelt sie anschließend im Garten ein. Die Hündin findet die Kleinen und schleppt sie im Hof umher.
Auch musste ich mich sehr bald wundern, wie viel Raum dem Dreck, Müllhalden und Sch… im wahren und übertragenen Sinne des Wortes beigemessen wird. Der Plumpsklo wurde gefühlte Dutzend Mal auf den drauf folgenden 25 Seiten sehr ausführlich beschrieben: wie sein Inhalt im Sommer aussieht und riecht, was man da für Insekten antrifft, und was damit im Winter und Frühling passiert, was man dann machen muss, um Überfüllung zu vermeiden, etc. Paar Seiten weiter, kaum sich von diesem so wichtigen Thema entfernt, geht es wieder um den Plumpsklo: diesmal vom anderen Blickwinkel her: da werden die Zeitungen unter die Lupe genommen, die als Klopapier benutzt werden. Angeblich werden die Fotos von Politbüromitgliedern vor dem Gebrauch entfernt. „Unvorstellbar, was passieren könnte, wenn einer der führenden Kommunisten im Plumpsklo landet. Für ein Verbrechen dieser Art drohen mehrere Jahre Gefängnis.“ S. 33. Das ist schon mal Quatsch. Erstens, wer sucht die Fotos der Politbüromitglieder in solchen Ortschaften? Wer kommt dahinter, ob die Fotos dort auch landen? Was hier unterstellt wird, könnte höchstens zu Stalinszeiten und eine Zeit lang danach noch infrage kommen. Hier werden, wie man aus anderen Kurzgeschichten sieht, z.B. anhand der Lebensmittelknappheit, ehe das Ende der 80ger, Anfang der 90-ger geschildert. Da gab es ganz andere Probleme für die Machtinhaber, als die Politbüromitglieder und ihre Fotos in Klos. Bald gab es kein Politbüro mehr. Die Schlussfolgerung mit dem Gefängnis sieht reichlich übertrieben aus. Überhaupt, dass man nicht so genau weiß, in welcher Zeit man sich in diesen Kurzgeschichten befindet, erweist sich als sehr „praktisch“, denn hier werden die Gegebenheiten kräftig durcheinander gebracht und übertrieben dargestellt, um möglichst negatives Bild von der damaligen Zeit zu schinden, frei nach dem Motto: Wer von den Lesern kennt sich da schon so genau aus? Hauptsache: Aufmerksamkeit erregen, schockieren, sich interessant durch all diese Schilderungen machen. An jeder Seite meines Exemplars klebt ein Zettel mit Kommentaren wie Quatsch! Unsinn! Unglaubwürdig. An den Haaren vorbeigezogen! Und ich habe meine guten Gründe dafür. Meine Meinung: Da will jemand einfach Eindruck schinden und auf der Welle des heute in manchen Kreisen so populären Anti-Russismus hinausreiten. Kleine Mädchen haben eine neue Spielwiese für sich entdeckt. Dass es bis zum Himmel nach Nestbeschmutzung schreit, darüber lässt sich für diesen „tollen“ Zweck ganz leicht hinwegsehen, wie es ausschaut.
Und je weiter man liest, desto trockener wird der Stil und ungenießbarer der Inhalt. Vielerorts gleicht er einer nüchternen Berichterstattung mit einem weinerlich-ätzenden Unterton: sieht her, was ich so alles ertragen musste. Wobei, ich glaube, es ist ein Sammelsurium von irgendwo, von irgendwelchen Leuten aufgeschnappten Geschichten, die hier in diese Figur und ihre „Erlebnisse“ gepackt worden sind. Die dazugehörigen Interpretationen des Mädchens verleiteten mich zu der Schlussfolgerung: die Kleine ist krank im Kopf, sie lässt einen genüsslich an ihren ekligen Hirngespinsten teilhaben, z.B. s. 45.
Ich habe noch etwas aus der Mitte und etwas am Ende gelesen. Mich dazu gezwungen, ehrlich gesagt. Es ist kein Roman im klassischen Sinne. Es ist eine Ansammlung von Kurzgeschichten zu unterschiedlichen Themen, die sich in Schwarzmalerei überbieten: Kindermissbrauch in Vielfalt seiner Formen und andere Perversitäten stehen da an der Tagesordnung. Egal, wo das Mädel hinschaut, gibt es Dreck und Sch…, und sonst auch etwas zu bemängeln und zu beklagen.
Ich gewann leider den Eindruck, da hat jemand eine Projektionsfläche gesucht, um den ganzen seelischen Müll abzuladen. Da rannen mir Gedanken durch den Kopf: und wer braucht das bitte? Die dort geschilderten Zeiten sind längst passé. Der Zug ist längst abgefahren. Auch das Haus, wo das Unglücks-Mariechen wohnte, ist verbrannt, wie man gleich am Anfang liest. Wozu all dieser Blödsinn? Vor allem, dass ich vielerorts hinter Glaubwürdigkeit ein großes Fragezeichen stelle. Warum soll die Leserschaft als Mülleimer für die Ausgüsse einer kranken Psyche dienen? Ich sehe absolut keinen Grund, weshalb man sich dieses Buch antun muss. Da will jemand Aufmerksamkeit. Um jeden Preis. Und der Leser wird dazu schlicht benutzt.
Fazit: Für die Fans von Schwarzmalerei und deprimierenden Schriften voller Sch… und Dreck im direkten und übertragenen Sinne ist es evtl. was. Dann viel Spaß bei der „spannenden“ Lektüre.
Für mich war das Buch ein absoluter Reinfall. Ungenießbar. Es gibt bessere Bücher über Russland. Die auch literarisch viel mehr bieten, als das hier.
Ein kühler Blick auf das kalte Russland der 80er Jahre
Das Buch: Nastja wächst in einem trostlosen Vorort Moskaus in den 80er Jahren auf. Sie erzählt in Erinnerungen über ihre erste Liebe, Freundschaft, eigensinnige Personen und über diesen sonderbaren Ort überhaupt.
Fazit: Dieses Buch ist ein sehr untypischer Roman. Es ist ein Misch-Masch aus Autobiografie, Erzählung und Roman. In kurzen Kapiteln werden Einblicke in das Leben des Örtchens gegeben. Und dabei geht es nicht nur unbedingt um Nastja. Auch andere Personen werden betrachtet, die irgendwie im Zusammenhang mit Nastja stehen. Und Nastja kennt so einige Menschen. Das wird gegen Ende doch ein wenig zu abstrakt.
Aber auch Nastja selbst bleibt immer im grauen Nebel versteckt. Man wird mit ihr nicht warm. Warum sie so handelt, wie sie handelt? Das erfährt der Leser zu keinem Zeitpunkt im Buch. Warum die Beziehung zu ihrer Mutter nicht die Beste ist? Tja, man kann nur erahnen, dass das wohl mit der Pubertät zusammenhängt. Aber die Hintergründe bleiben leider im ganz Dunklen verschollen.
Sprachlich ist das Buch ordentlich geschrieben. Doch die doch sehr gewollten derben Ausdrücke in der vorwiegend ersten Hälfte des Buches irritieren doch. Das hat nix mit der Story zu tun, helfen der Situation nicht und man wird das Gefühl nicht los, dass die Autorin bewusst diese Ausdrücke wiederholt einsetzt, um die Leseprobe ein wenig mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dabei hat das Buch diese Ausdrücke gar nicht nötig. Es wird auch so eindringlich die Welt beschrieben.
Zusammenfassend zeigt dieses Buch so das harte russische Leben in einem Vorort Moskaus ohne Hoffnung auf Ausbruch aus dieser Szenerie. Unverblümt werden die Geschehnisse dargestellt, ohne viel Schnickschnack. Kapitelweise werden kleine Vorkommnisse beleuchtet. Wer auf solche Geschehnisse steht, ist dieses Buch durchaus zu empfehlen.
Dank der schlechten Bewertungen waren meine Erwartungen nicht allzu hoch und wurden glücklicherweise übertroffen! Das Büchlein ist eine Art autobiographische Erzählung, mehr oder weniger chronologisch, über Nastjas Kindheit und Jugend. Je älter sie wird, desto mehr entdeckt und erlebt sie. Die Sowjetunion wird dabei in aller Hässlichkeit dargestellt: Armut, Alkoholismus, häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch sind an der Tagesordnung. Wieviel davon der Wahrheit entspricht, darf sich der Leser selbst überlegen.
Die Menschen in Nastjas Umfeld sind typische Russen, die ständig trinken und sich zanken. Nastja selbst grenzt sich von ihren Freundinnen ab, trinkt nicht und will auch nicht Schlampe genannt werden, aber ein bisschen experimentiert sie schon. Mit Männern. Deshalb und weil sie in der zweiten Hälfte trotz all der Hässlichkeit eine romantische Beziehung erlebt, wirken die Charaktere sehr realistisch.
Der Schreibstil ist nüchtern und fast kindlich, aber stellenweise überraschend poetisch. Gefühle werden entweder überhaupt nicht oder nur mit gewisser Distanz erwähnt. Diese Schlichtheit passt sehr gut zum Inhalt und verstärkt seine Wirkung.
Für diese Sammlung schockierender, aber doch faszinierender Momentaufnahmen der Sowjetunion und ihrer Bewohner vergebe ich 4/5 Sterne.