Während der Arbeit an der Autobiographie der prominenten Schauspielerin Anna Roth wird Ghostwriter Can Evinman auf schockierende Weise mit seiner eigenen Lebensgeschichte konfrontiert: Seine Eltern, die vor fünfunddreißig Jahren bei einem Unfall ums Leben kamen und ihn als achtjähriges Kind traumatisiert zurückließen, scheinen in Wahrheit einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein. Einem Verbrechen, das auch in Anna Roths Familie tiefe Wunden geschlagen hat. Gemeinsam versuchen Can und Anna herauszufinden, was wirklich passiert ist, und stoßen in Thessaloniki auf ein einzigartiges Kapitel der jüdischen Geschichte im 17. Jahrhundert, das bedrohlich bis in die Gegenwart reicht und eng mit dem Schicksal ihrer beider Familien verknüpft ist. Doch ihre Entdeckungen sind nicht ungefährlich. Denn jemand scheint großes Interesse daran zu haben, dass die Wahrheit im Verborgenen bleibt. Und schreckt vor nichts zurück. Auch nicht vor Mord … »Lebt« verwebt Fiktion und Wahrheit zu einem ungewöhnlichen, packenden Thriller – und mit jeder Enthüllung steigt die Gewissheit, dass die Wahrheit oft eine ganz andere ist als wir denken.
Noch ein Geschenk, das ich selbst vermutlich nicht gewählt hätte, weil ich kaum Thriller lese. Nachdem ich durch dieses packende Buch gerast bin, weiß ich einmal mehr, dass Thriller nicht zur Entspannung beitragen. ;-) Ist wahrscheinlich mein Problem, denn Thriller sollten spannend sein. Dieser hat sogar eine Menge interessanter Hintergründe.
Das, was Orkun Ertener hauptsächlich erzählen will, ist die mir kaum bekannte Geschichte der sephardischen Juden in Thessaloniki, die im 17. Jahrhundert dem Messias in Gestalt von Sabbatai Zwi begegneten, der dem Druck des Sultans nachgab und zum Islam konvertierte. Die daraus entstandene Glaubensrichtung der Dönme und ihre Geschichte war überaus spannend und führte über die Auflösung des osmanischen Reiches, den Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei bis hin zu den Türken in Deutschland und der Besetzung Griechenlands im zweiten Weltkrieg. Alle Teile des Buches, die mir die historischen Ereignisse und Zusammenhänge verdeutlichten, fand ich sehr gelungen und haben mich begeistert.
Der Geschichte, die darum gesponnen wird, von Can Evinman, der seine Identität sucht, war zu sehr Hilfsmittel und konnte mich weniger überzeugen. Dabei las ich alles über die Familie und Freunde des Protagonisten ganz gern, aber der Gegenpart, das „absolute Böse“ in diesem Buch, konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Wahrscheinlich braucht jeder Thriller eine Verkörperung des Bösen, der für seine kranke Idee über Leichen geht und die Welt (zumindest sein Umfeld) ständig kontrolliert, aber glaubwürdig kam mir das nicht vor. Das Finale war für mich dann doch überraschend und größtenteils gelungen.
Der Schreibstil des Autors war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Man wird in nahezu jedem Kapitel ohne Einleitung und Erläuterungen ins Geschehen geworfen und mit den ersten Sätzen völlig verwirrt. Alles klärt sich schon nach wenigen Sätzen, aber die ersten Zeilen musste ich meist mehrmals lesen. Die Sprache wechselt von sehr gelungenen Formulierungen und anspruchsvollen Passagen bis hin zu eher platten Seiten. Ich hatte den Eindruck, dass der Autor manche Stellen so schnell schrieb, wie ich las, während anderen mehr Zeit gewidmet wurde. Aber insgesamt ist der Stil gut. Ich kann das Buch allen empfehlen, die an den historischen Zusammenhängen interessiert sind und keine langweilige Abhandlung lesen wollen.
Interessant, dass Olga Tokarczuk in ihrem Werk „Jakobsbücher“ auch von Nachfolgern des Sabbatai Zwi erzählt. Das werde ich sicher noch lesen. Ich kannte diese historische Figur bereits aus einem anderen, in den letzten Jahren gelesenen Buch, aber ich weiß leider nicht mehr, welches es war. Falls jemand einen Tipp hat...
Can Evinman ist ein Söldner des deutschen Literaturbetriebs, er schreibt als Ghostwriter Prominenten-Biografien. Zurzeit verarbeitet er mit der bekannten Schauspielerin Anna Roth deren Leben. Der mediale Vermarktungsprozess der Lebenserinnerungen der gerade Vierzigjährigen wird bald anlaufen. Ähnlichkeiten mit dem Lebenslauf realer Promis sind vorhanden und ebenso wie Namedropping vermutlich beabsichtigt. Can soll offenbar über den Umweg dieses Auftrags geködert werden, sich mit Ereignissen während des Nationalsozialismus zu befassen. Es geht um die Enteignung von sephardischen Juden in Thessaloniki während der deutschen Besetzung der griechischen Stadt. Drei Deutsche waren in die Vorfälle verstrickt: Max Merten, als Verwaltungsrat zuständig für die Versorgung der Stadt und die Beschlagnahmung jüdischen Vermögens, Martin Eissler, Chef der SS-Dienststelle in der Stadt (später Anna Roths Schwiegervater) und Eisslers Lakai Mahler. Gemeinsam betrieben sie 1943 die Enteignung des Tabakunternehmens der Familie Counio. Ein Einheimischer, der damals den Weg der drei kreuzte, heißt Evinman, genau wie Can. Sollte zwischen Cans Vorfahren und den Vorfahren seiner Auftraggeberin durch den Tabakimporteuer Galip Can Evinman eine Verbindung bestanden haben?
Der professionelle Ghostwriter ist sich des Verkaufswertes der bisher unbekannten Geschichte sehr bewusst. Can, der mit Frau und Kindern das sorgenfreie Leben einer Hamburger Mittelschichtfamilie führt, ist selbst durch den Tod seiner Eltern um seine Erinnerungen und seine Herkunft betrogen worden. Je weiter er den damaligen Ereignisse in Thessaloniki nachspürt, je deutlicher wird ihm, dass er bisher wie ein Mensch ohne Vergangenheit gelebt hat. Can ist bei deutschen Pflegeeltern aufgewachsen und konnte sich deshalb nie entscheiden, ob ihn die Geschichte seines Volkes interessiert oder nicht. Seine Familiengeschichte verschwand einfach, wurde vielleicht auch im guten Glauben verschwiegen, das Kind damit vor traumatischen Erinnerungen zu schützen. Wenn eine winzige Volksgruppe wie die Ladino sprechenden Sepharden in alle Winde zerstreut wird, stirbt ihre Sprache unter dem Druck der Assimilation aus. Can ist das lebendige Beispiel für diese tragische Folge eines Integrationsprozesses.
Die faszinierende Geschichte der Stadt Thessaloniki als „Jerusalem des Balkans“ mit ihrer legendären Religions- und Berufsfreiheit und der Dönme, den Nachfahren sephardischer Juden, hat Orkun Ertener solide recherchiert und verknüpft sie mit einer krimireifen Spurensuche. Thessalonikis jüdische Bevölkerung wurde in ihrer durch einen Brand zerstörten Heimatstadt bereits 1917 im Rahmen der Zwangsumsiedlung von Griechen aus der Türkei durch diese Flüchtlinge verdrängt. Die Dönme waren als Konvertiten formal zum Islam übergetreten, weil sie sonst keine politischen Ämter hätten übernehmen können. Die nationalsozialistischen Besetzer erklären die Dönme wieder zu Juden, um ihr Vermögen beschlagnahmen zu können. In der Folge kommen 50 000 Bürger Salonikis in Ausschwitz ums Leben. Um den unvorstellbar kostbaren Goldschatz, der in Thessaloniki zusammengerafft wurde und an Bord eines Schiffes gesunken sein soll, ranken sich noch immer Legenden professioneller Schatzsucher.
Die Verknüpfung des persönlichen Schicksals eines Sohns sephardischer Juden mit den historisch belegten Ereignissen in Thessaloniki fand ich ausgesprochen fesselnd, das Thema des Kulturverlusts durch Assimilierung höchst aktuell. Überlappung von Kultur, Identität und Nationalität, das von Can als reichempfundene Leben mit zwei Muttersprachen, verwaiste und wiedergefundene Kinder; der spannenden Verknüpfung all dieser Themen kann man sich nur schwer entziehen. Schließlich baut sich die Erkenntnis auf, dass gestohlener Reichtum völlig nutzlos sein kann, wenn ein Betrüger außer dem geraubten Vermögen selbst kein Talent, keine Geschäftsbeziehungen und keine Begeisterung für sein Metier mitbringt.
Can Evinman muss in einer sehr verschachtelten Handlung erst in mehrere Länder reisen und sich krimireif in Lebensgefahr begeben, damit der üppige Plot eine Lösung finden kann. Ohne die umfangreichen Nebenhandlungen und die übersprudelnde Fülle sehr ausführlich ausgearbeiteter Nebenfiguren hätte mir Orkun Erteners Buch erheblich besser gefallen. "Lebt" ist der Roman eines Mannes, seiner Familiengeschichte, seiner Bücher und seiner Stadt. Das allmähliche Vordringen durch viele Schichten von Erinnerung als würden alte Tapetenschichten freigelegt, muss man mögen. Mir waren es zu viele Schichten und zu viele Verzögerungen. Ich empfehle das Buch entdeckungsfreudigen Lesern, die sich gern ohne feste Genre-Zuordnung auf einen Roman einlassen.
ein packender krimi gepaart mit einer grossen portion geschichtswissen. wenn es zuletzt nicht so romantisch ein wenig unwirklich und dick aufgetragen dahergekommen wäre hätte ich sohar 5 sterne vergeben. trotzdem auf alle fälle lesenswert.
Der Roman „lebt“ von Orkun Ertener erschien 2016 beim Fischer Verlag.
Die Handlung spielt im 21. Jahrhundert, in den Großstädten Deutschlands (Hamburg, Berlin), in Griechenland (Thessaloniki), Türkei (Istanbul), England (London) und in Frankreich (Marseille). Der Ghostwriter, Can Evinman, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Bisher blickte er immer in die Zukunft und verdrängte seine Vergangenheit, in der er seine Eltern als Kind verlor. Nun wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert und stolpert - auf der Suche nach seiner Identität - auf einen historischen Prozess vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Während dieser Suche nach historischen Fakten, Daten und Geschehnisse, versucht jemand im Hintergrund die vergangenen Spuren mittels Mord, Unfälle und Erpressung zu vertuschen. Evinman setzt die Suche fort, obwohl er weiß in welcher Gefahr er seine Familie, Freunde und sich selbst bringt.
Zentral hierbei ist die Auseinandersetzung Can Evinmans mit seiner Vergangenheit und die Bedeutung, die der eigenen Wurzeln und der Identität in diesem Zusammenhang vom Protagonist zugesprochen wird. ____ Inhaltlich war ich von der Genauigkeit der historischen Prozessen und Ereignissen begeistert und gefesselt. Es ging um die Vertreibung der sephardischen Juden, die schließlich in Saloniki landeten. Was mich sehr beeindruckte war der Kurzschnitt in die Vertreibung der türkischen Staatsbürger (Juden) im 2. Weltkrieg. Ich hätte nicht gedacht, dass die Deutschen einen „Verbündeten“ (Türkei) die Möglichkeit gaben, „ihre“ jüdischen Staatsbürger aus Deutschland „zurückzuholen“. Umso erstaunlicher las ich, dass die Türkei die Staatsbürgerschaft von den türkischen Juden in Deutsch-land nahm, damit sie ungeschützt sind, um die Islamisierung der Türkei beschleunigen zu können. Wahnsinn! Historisch belegt und in sich von Simon Jacob (bzw. dem Autor) schlüssig argumentiert. Allerdings betone ich auch die Überflutung von histo-rischen Zusammenhängen, sodass man als Leser – trotz großer Bereitschaft für einen historischen Roman – teils „überfahren“ wurde.
Stilistisch und sprachlich fand ich die Andeutungen, die Nebensätze, und vor allem immer hinführend zum nächsten „Teil“. Mit Andeutungen meine ich, dass der Leser durch die Nebensätze „Wenn es wahr wäre, (...)“ anschließend eine längere Passage und nach mehreren Sätzen kam: „Aber es war nicht wahr.“. Oder: „Der Kaffee kam von ihrer Mutter.“ Ein ganz lässiger, dahingestellter Satz, der sehr unauffällig auf den Leser wirkte, jedoch beim zweiten Lesen eine Welle an Spekulationen hervorrief und die Spannung - sogar am Ende – in die Höhe schoss. ____ Ich empfehle es somit: Geduldige, die eine historisch duldende Haltung und allen, die auf einer spannenden Story Lust haben. Wäre ich nicht sehr offen für die Thematik „Juden in Saloniki“, hätte ich zwischenzeitlich das Buch einfach weggelegt. Zwi-schendurch wurde es einfach viel zu viel historischer Kontext (seitens der Nebenfigu-ren), die man sich beinahe hätte aufschreiben müssen, um den Inhalt für sich zu er-schließen und nicht „nur“ von den Ergebnissen der Protagonisten „geleitet“ zu werden. Wenn man allerdings die Geduld hat, diese Informationen auszustehen und sich schließlich leiten lassen möchte, dann fehlt bei diesem Roman nur sehr weniges.
Work on actress Anna Roth's autobiography leads to a trip into his own past for ghostwriter Can Evinman, as he and Anna discover links between their families' histories leading back to wartime Thessaloniki and shedding light on, among many other tragice events, the suspicious deaths of Can's parents when he was a child.
A complex and intriguing tale that keeps the surprises coming.
Der Autor Can Evinman bleibt lieber im Hintergrund, deshalb betätigt er sich als Ghostwriter für bekannte Persönlichkeiten. So hat er schon einige Bestseller produziert und steht dennoch nicht in der Öffentlichkeit. Dennoch ist es für ihn ein besonderes Angebot - die Biografie der bekannten Schauspielerin Anna Roth. Schon beim ersten Treffen sind sich die beiden sympathisch. Das zweite Treffen allerdings wird abgesagt und Can wird von einer Mitarbeiterin Roths zu einem Termin mit deren Großvater gelockt, der seine Lebensgeschichte aufzeichnen möchte, nicht für das große Publikum, nur für die Familie. Der Berichterstatter ist ein betagter Greis, der gerade seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hat. Seine Erzählung ist haarsträubend.
Schnell stellt sich heraus, dass Evinman unter falschen Voraussetzungen nach Hamburg gelockt wurde und gemeinsam mit Anna Roth beginnt er, ihre und seine Familiengeschichte zu rekonstruieren.
In diese Rahmenhandlung gekleidet widmet sich Orkun Ertener, der auch als Drehbuchautor für verschiedene TV-Krimiserien tätig ist, der Geschichte der Dönme. Dabei handelt es sich um Angehörige einer jüdischen Sekte, die vor langer Zeit zum Islam konvertiert sind. Ein großer Teil ihrer Nachkommen lebte lange selbstbestimmt und anerkannt in Saloniki. Erst ein Austausch der Bevölkerung Griechenlands mit der der Türkei führte zu Enteignungen. Diese Volksgruppe der Konvertiten wurde hin und her geschoben wie es gerade passte. Und je nach politischer Lage waren sie entweder eher Juden oder eher Moslems, je nach dem was den Herrschenden besser in den Kram passte und wie sie die Dönme ausbeuten konnten. Das führte schließlich dazu, dass die Angehörigen dieser religiösen Splittergruppe ihren Nachkommen nichts mehr von ihrer Herkunft erzählten und ihre Geschichte und sich selbst zu ihrem eigenen Schutz selbst ausrotteten, um zu überleben.
Sehr interessant und spannend ist es von einer in der heutigen Zeit unbekannten Bevölkerungsgruppe, deren Herkunft und Kultur zu lesen. Wenn man auch aus heutiger Sicht nicht alle Beweggründe versteht, die zur Bildung der Gruppe führten, und man sich auch nicht wirklich in sie hineinfühlen kann, so ist ihr Weg ins Nichts doch mitreißend geschildert. Die Rahmenhandlung ist dabei wie ein rasanter und packender Thriller, in dem bestimmte Personen vor keiner Untat zurückschrecken. Eine Entdeckung des Ichs, ein Ich, das selbst zu ungeahnten Aktionen fähig ist.