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Deutschland schafft sich ab: Die Bilanz nach 15 Jahren

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Deutschland schafft sich ab löste 2010 bei seinem Erscheinen eine heftige gesellschaftspolitische Debatte aus. Es gab Versuche, den Inhalt zu skandalisieren, den Autor moralisch in die Ecke zu stellen und die inhaltlichen Argumente, die das Buch tragen, lächerlich zu machen. Von den Vorschlägen zur Abhilfe, die er in dem Buch machte, hat die deutsche Politik wenig bis gar nichts umgesetzt. Der Originaltext von 2010 wird noch in Jahrzehnten zeigen, was man hätte erkennen können, wenn man gewollt hätte, und was man hätte ändern können, wenn man die Ehrlichkeit und die Kraft dazu gefunden hätte. Er bleibt deshalb unverändert. Bei der jetzt vorgelegten Neuausgabe sind Thilo Sarrazins Kommentierungen und Ergänzungen in den ursprünglichen Originaltext eingebettet. So kann der Leser jeweils erkennen, wo es neue für die Analyse relevante Fakten gibt, bzw. wo sich Sarrazins Einschätzungen geändert haben. In der Summe wird so der Inhalt des Buches noch viel explosiver, als er es 2010 war.

Thilo Sarrazin ist einer der profiliertesten politischen Köpfe der Republik, ein Querdenker, der sich nicht scheut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Als Fachökonom war er Spitzenbeamter und Politiker, er war verantwortlich für Konzeption und Durchführung der deutschen Währungsunion, arbeitete für die Treuhand und saß im Vorstand der Deutschen Bahn Netz AG. Von 2002 bis 2009 war er Finanzsenator in Berlin, anschließend eineinhalb Jahre Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Sein Buch Deutschland schafft sich ab (2010) wurde ein Millionenerfolg und löste eine große gesellschaftliche Debatte aus. Bei der DVA erschien zuletzt von ihm Europa braucht den Euro nicht (2012).



Vorwort 2025

Vorwort 2012

Einleitung

Kapitel 01 - Staat und Gesellschaft - Ein historischer Abriss

Kapitel 02 - Ein Blick in die Zukunft - Realitäten und Wunschvorstellungen

Kapitel 03 - Zeichen des Verfalls - Eine Bestandsaufnahme

Kapitel 04 - Armut und Ungleichheit - Viele gute Absichten, wenig Mut zur Wahrheit

Kapitel 05 - Arbeit und Politik - Über Leistungsbereitschaft und Arbeitsanreize

Kapitel 06 - Bildung und Gerechtigkeit - Über den Unterschied von gut und gut gemeint

Kapitel 07 - Zuwanderung und Integration - Mehr erwarten, weniger bieten

Kapitel 08 - Demografie und Bevölkerungspolitik - Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist

Kapitel 09 - Ein Traum und ein Alptraum - Deutschland in 100 Jahren

Wie ich mit der Meinungsherrschaft in Konflikt Eine Fallstudie Kapitel 2 aus Der neue Tugendterror

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Published January 20, 2025

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About the author

Thilo Sarrazin

17 books37 followers
Thilo Sarrazin (born 12 February 1945) is a former member of the Executive Board of the Deutsche Bundesbank (until 30 September 2010) and a German politician (SPD). Sarrazin previously served as senator of finance for the State of Berlin from January 2002 until April 2009, when he was appointed to his position at Bundesbank. He has been subject to controversy for statements about German immigration policy and for claiming the Jewish people's positive contributions to society are partly due to genetics. All this happened in relation to the publication of his book Deutschland schafft sich ab ("Germany Does Away With Itself" or "Germany Abolishes Itself").

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September 7, 2025
Letztes Jahr war ich bei einem sehr guten Kollegen zu Hause und berichtete ihm davon, dass ich das Buch von Maximilian Krah mit dem Titel Manifest von rechts gelesen hatte. Dann fragte er mich, was ich daraus mitgenommen habe. Ich ließ ihm mit Begeisterung meine Rezension durch, er ging gar nicht auf den Inhalt ein, sondern fragte mich, ob ich glaube, dass ich dem Buch nur einen von fünf Sternen gegeben habe, weil ich das Buch wirklich so grottenschlecht fand und nichts mitgenommen habe, oder ob ich eher dem Buch einen Stern gegeben habe, weil ich das musste, weil es sich um Maximilian handelt. der AFD shooting Star behauptete kurz zuvor, nicht alle SS-Männer wären Verbrecher und habe nebenbei einen vermeintlichen chinesischen Spion engagiert. Damals verneinte ich die Frage und dachte gar nicht groß darüber nach. Erst beim Lesen dieses Buches kam mir diese Frage wieder in den Sinn, und da merkte ich, dass ich beim Lesen akribisch nach Fehlern und nach falsch formulierten Sätzen suche, um den ganzen Inhalt zu verwerfen, um mich schlussendlich gar nicht damit zu beschäftigen, weil das alles von der Feder der „falschen“ Person kommt. Ich wusste fast nichts über Thilo Sarrazin und weiß nach dem Lesen nur das, was in dem Buch stand. Als er erst mal das Buch veröffentlicht hatte, war ich acht Jahre alt und es war sieben Jahre vor meiner Ankunft in Deutschland. Ich wusste nur, dass Konservative und Rechte ihn liebte während Linke ihn über alles hassten.

Beim Lesen löste ich mich Stück für Stück von diesen sozialen und gesellschaftlichen Konventionen, die mich innerlich dazu gezwungen hätten, das Buch in Gänze zu diskreditieren, um mich gar nicht damit zu beschäftigen. Es heißt nicht, dass ich damit nicht kritisch umgegangen bin. Es heißt, dass ich versucht habe, das vom Autor Gemeinte mitzunehmen, ohne zu versuchen, ihm böse Absichten zu unterstellen, und zusätzlich zwischen den Zeilen zu lesen. Das mag vielleicht naiv klingen, dennoch glaube ich auch nach dem Lesen dieses Buches, dass der Autor kein Sozialdarwinistischer Nazi ist, der muslimische Kinder sterben sehen will, sondern eher ein Mensch aus einer anderen Zeit, der die gegenwärtigen Entwicklungen mit Sorge beobachtet, zu Teilen zurecht (Und genau das sind die Punkte, die ich aus dem Buch mitnehmen wollte) und manchmal zu Unrecht. Aber das wurde oft genug in den linksliberalen Medien zerpflückt und geprangert.

Meine Rezension besteht aus Zusammenfassungen, Denkanstößen und Gedanken, die ich mir parallel zum Lesen notiert habe:

15 Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches kündigt Sarrazin in seinem Vorwort an, eine Bilanz ziehen zu wollen.
Er behauptet, dass die 15 Jahre gezeigt haben, dass er mit den meisten seiner Analysen richtiglag, wobei er hier und da ein paar Fehleinschätzungen hatte. Er geht sogar so weit zu sagen, dass seine Prognosen doch nicht so pessimistisch waren, wie der jetzige Zustand Deutschlands ist. Er sagt, dass er sein Buch mit der Motivation schrieb, die bestehende Ordnung der Bundesrepublik zu kritisieren und nicht aus nationalistischen Gründen, und dass der Aufstieg der AfD und des BSW die natürliche Folge der kollektiven Verdrängung der Probleme sei.

Ich persönlich habe das Buch und die Diskussion darum gar nicht miterlebt, weil ich zur damaligen Zeit noch gar nicht in Deutschland war. Also wenn man es so will, war meine Ankunft in Deutschland der Albtraum von Sarrazins Prophezeiungen. Ich schreibe meine Notizen zum Buch parallel zum Lesen. Ich gehe davon aus, dass ich viele Thesen lesen werde, die heutzutage mittlerweile sagbar sind. Manche würden das als Beweis des Rechtsrucks sehen. Manche würden darin die Wiederherstellung der politischen Vernunft sehen. Ich persönlich werde vorurteilsfrei an seine Thesen herangehen. Zwar lese ich viele seiner Thesen aus heutiger Sicht, 15 Jahre später, wo viele Probleme real geworden sind, die vielleicht zu der Zeit für Sarrazin nicht vorhersehbar waren und nur aus Panikmache konstruiert wurden – wie auch immer, ich werde seinen Thesen offen gegenüberstehen, ohne bei der ersten politischen Unkorrektheit oder vielleicht auch tendenziell rassistischen Aussage ihm als Person Rassismus vorzuwerfen und seine sachlichen Argumente zu ignorieren. Dasselbe erlebte ich beim Lesen des Buches Shit Bürgertum von Ulf Poschardt, der an sehr vielen Stellen richtige Analysen hatte, diese aber so überzogen und polemisch darstellte, dass viele sich gar nicht mehr die Mühe machen wollten, sich mit dem restlichen vernünftigen Inhalt auseinanderzusetzen. Ich werde mich bemühen, Sarrazin nicht misszuverstehen, sondern mir die Rosinen herauszupicken.

Thilo Sarrazin behauptet, dass viele unangenehme Fakten in Deutschland nicht ausgesprochen werden aus Angst vor einem falschen Klima, wobei er die Meinung vertritt, dass solch ein Klima nicht durch kontroverse Diskussionen entsteht, sondern durch die Repression eben dieser Diskussion. Eine These, der ich an sich zustimme, weil wir heute sehen, dass die Verdrängung wichtiger Fragen dazu führt, dass genau die falschen Akteure diese Fragen stellen, ohne richtige Lösungen anbieten zu können oder überhaupt zu wollen.

In Kapitel drei beschäftigt sich Sarrazin mit dem Bildungsstand in Deutschland, wobei die meisten Zahlen aus dem Jahr 2010 stammen, und er bestätigt am Ende in den Anmerkungen von 2025 nur, dass der Trend sich weiterführt. Er beschäftigt sich mit der Zukunft des deutschen Bildungssystems und stellt fest, dass zwar die Anzahl der Hochschulabsolventen leicht steigt, die Qualität der Absolventen aber tendenziell sinkt. Er stellt eine These in den Raum, die ich sogar überzeugend finde: Mehr Germanisten, Soziologen, Politologen usw. sind zwar ein Mehrwert für den wissenschaftlichen Diskurs, aber viele Absolventen bauen ihre Ergebnisse und Forschung nicht auf vorhandenem Wissen auf. Sprich, es führt nicht zu einer technischen Weiterentwicklung im Land. Ein Germanist im Jahr 2025 ist nicht viel besser als ein Germanist aus dem Jahr 1960 – er fokussiert sich nur auf andere Themengebiete und analysiert bestimmte Zusammenhänge anders. Auf der anderen Seite ist es bei den MINT-Fächern so, dass ein Wissenschaftler aus dem Jahr 2025 natürlich deutlich mehr weiß als einer aus 1960. Das Problem ist, dass die Anzahl der MINT-Absolventen in Deutschland sinkt. Er sagt, dass Einwanderung aus fernen Ländern wie Indien die Zahl zwar leicht kompensiert, da mittlerweile 40 % der MINT-Absolventen ausländische Studierende sind. Dennoch steht Deutschland – wie jedes andere westliche Land – vor dem Problem, dass die Gesamtzahl der Absolventen aufgrund der demographischen Entwicklung sinkt, während sie in Ländern wie China und Indien einfach höher ist, auch wenn sie prozentual niedriger liegen sollte. Rein quantitativ sind sie deutlich höher als in Deutschland. Mit Blick auf die Pisa-Ergebnisse prophezeit er, dass die Zahl niedriger wird.

In diesem Kapitel wirft er außerdem eine erste, kritikwürdige These auf. Er stellt zwar fest, dass mit dem Einwanderungsverhalten in Deutschland die Anzahl von niedrig qualifizierten Menschen steigt, die wiederum eine höhere Geburtenrate haben als die vermeintlich schlaueren oder zumindest akademisch erfolgreichen autochthonen Deutschen oder qualifizierteren Ausländergruppen. Er prophezeit dadurch einen akademischen Abfall Deutschlands. Das mag als Analyse stimmen, wobei Sarrazin das Ganze nur damit begründet, dass wir Migranten aus den falschen Ländern holen. Ich will seine Thesen gar nicht moralisieren. Es mag sogar sein – und es ist auch so –, dass eine bestimmte kulturelle Prägung natürlich eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei der Erziehung und Bildung von Kindern spielt. Sarrazin betont aber, dass er mit dem linksliberalen Argument der Umstände nicht viel anfangen kann. Und da befinde ich mich tatsächlich in der Mitte zwischen ihm und seinen Kritikern. Ich finde, beide Erklärungen greifen zu kurz. Ja, bestimmte kulturelle Neigungen spielen eine Rolle. Die ganzen Vorurteile über die strengen Eltern aus Südostasien, die ihre Kinder dazu zwingen, gute Noten zu haben, kommen ja nicht von ungefähr. Dennoch kann man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und von Kriegsflüchtlingen, die oft bildungsfern sind, erwarten, dass sie die gleichen Möglichkeiten und Ansprüche haben können wie tendenziell qualifiziertere Migranten aus Fernost, die mit ihrem Bildungsstand als Kapital nach Deutschland gekommen sind.

Er stellt sehr viele interessante Thesen in den Raum, wenn er darüber spricht, dass die Armutsdiskussion als Ursache für sozialen Abstieg oder nicht erfolgten Aufstieg Mitleidscharakter hat, statt lösungsorientiert zu sein. Er sagt, dass er aus eigener Erfahrung weiß, dass man bestimmte banale Wahrheiten nicht aussprechen kann, ohne an den Pranger gestellt zu werden, weil man damit die angeblich Schwachen kritisiert. Er benennt als Beispiel eine Aussage von ihm, als er mal öffentlich gesagt hat, dass auch Kinder mit Hartz IV den Anspruch an ihre Eltern haben sollen, gesund ernährt zu werden, weil diese die Mittel dazu haben – eine Aussage, die ich als jemand, der ebenfalls von Hartz IV gelebt hat, genauso unterschreiben kann. Er spricht auch darüber, dass dieser Grundpessimismus vieler Menschen aus dem Niedriglohnsektor dazu beiträgt, dass sie nicht einmal in den Feldern, wo sie selbst etwas verändern könnten, bereit sind, etwas zu tun – eine These, die genauso von einem linken Denker stammen könnte, um zu verdeutlichen, wie groß die Hoffnungslosigkeit mancher Menschen in einem reichen Land wie Deutschland ist.


Das nächste Kapitel ist das Kapitel, das Sarrazin viel Kritik eingebracht hatte, weil er dort die Frage stellt, ob wir mit den richtigen Antworten auf die Erblichkeit der Intelligenz ankommen. Er stellt den wissenschaftlichen Stand dar, der besagt, dass die Intelligenz zumindest zur Hälfte vererbbar ist, und bemerkt dann, dass Frauen mit höherem Bildungsstand, der mit einem höheren IQ oft korreliert, weniger Kinder bekommen. Er stellt die Frage, ob das nicht zu einer kollektiven "Verdummung" der Gesellschaft führt, wenn Leute aus bildungsfernen Schichten mehr Kinder bekommen als Leute aus bildungsnahen Schichten.

Allein die Aussage brachte ihm Kritik ein – allein für die Feststellung an sich. Die Kritik teile ich nicht. Was ich allerdings teile, ist, dass dies nur die halbe Wahrheit ist. Viele Frauen, die den Wunsch haben, ihre akademische Karriere fortzuführen, können das mit dem jetzigen Familienmodell nicht vereinbaren. Allein zu sagen, dass diese Frauen keine Kinder bekommen, ist die halbe Wahrheit und somit auch eine halbe Lüge. Denn es ist nicht die Pflicht der gebildeten Frau, mehr Kinder zu bekommen, um die Gesellschaft schlauer zu halten, sondern es ist die Aufgabe der Gesellschaft, es Frauen und Männern leichter zu machen, Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren.

Eine andere These, die er vertritt, lautet, dass wir Menschen genauso Selektionsmechanismen ausgesetzt sind wie andere Lebewesen auch – was an sich Tatsache ist. Er sagt, dass dies dazu führt, dass bestimmte Selektionsmechanismen in den westlichen Ländern mehr und mehr einen IQ-Zuwachs bewirkt haben. Er sagt, dass der Sozialstaat in seiner jetzigen Form entgegen allen Prinzipien der Selektion agiert, denn er fördert die weniger „selektionsdruckwürdigen“ und diejenigen, die sich laut Evolutionslehre vermehren sollen, bleiben auf der Strecke. Da musste ich erst einmal schlucken und konnte nachvollziehen, woher die große Empörung über sein Buch kam.

Ich will das Ganze nicht moralisch bewerten und darüber sprechen, wie das gegen bestimmte Grundwerte unseres Selbstverständnisses verstößt. Ich will mich eher praktisch mit dieser Frage beschäftigen. Ich teile die Analyse, dass es Menschen mit einem Bedürfnis nach höherer Bildung schwerer gemacht wird, ihren Familienwunsch zu realisieren, während es für Menschen mit weniger zeitlichen Verpflichtungen leichter ist.

Aber was wäre denn die Antwort auf den Zustand, dass die Gesellschaft durch die leichten Lebensbedingungen an kollektiven Fähigkeiten verliert? Wir sind nun mal nicht nur Opfer von Evolutionsmechanismen – nach dieser Logik dürften wir keine Autos fahren, keine Computer benutzen und auf vieles verzichten, weil wir damit wichtige Fähigkeiten verlernen.

Der Autor zitiert zudem den sogenannten Flynn-Effekt. Dieser besagt, dass der IQ um 3 Prozentpunkte in jeder Dekade zwischen 1930 und 1980 gestiegen ist – und zwar in den unteren Bildungsbereichen. Das gilt als Beweis für die Verbesserung der Ernährung, der sozialen Förderung und des Bildungssystems, wodurch bestimmte, von mir aus weniger schlaue Teile der Gesellschaft ihr komplettes Potenzial ausschöpfen konnten. Und darum geht es doch letztendlich: Es geht darum, dass wir annehmen, dass wir nicht alle gleich sind. Allein diese Erkenntnis verstößt gegen viele Glaubenssätze der Gesellschaft. Aber da habe ich kein Problem damit, zu sagen, dass wir nun mal nicht alle gleich schlau sind – so wie wir alle nicht gleich groß oder gleich blond sind.

Der Autor führt auch als Beispiel an, dass jüdische Menschen, obwohl sie nur 0,8 % der deutschen Bevölkerung in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts ausmachten, bis zu 30-mal so häufig vertreten waren auf Professorenstühlen, unter Nobelpreisträgern, Bankiers und anderen angesehenen Gruppen. Er begründet das damit, dass die soziale Verdrängung der Juden in den letzten Jahrhunderten von klassischen Berufen hin zu intellektuellen Berufen dazu führte, dass sie sich positiv selektiert haben. Nüchtern betrachtet sagt das aber nicht aus, dass Juden per se schlauer wären, sondern dass diese gezwungene gesellschaftliche Verdrängung sie in bestimmte Berufe gedrängt hat, wodurch sie ihr Potenzial ausschöpfen konnten. Das führte über Jahrzehnte dazu, dass sie gebildeter und erfolgreicher waren als die angebliche deutsche „Herrenrasse“, was ihnen im Dritten Reich jedoch zum Verhängnis wurde. Ich weiß nicht, ob der hohe Bildungsstand von jüdischen Menschen Europa so monokausal her zu leiten ist. Der vom Auto genannte Ansatz könnte einer von vielen Faktoren sein, aber ich weiß viel zu wenig über das Thema, um die Aussage bewerten zu können.

Der Autor erkennt an, dass der Flynn-Effekt seit den Achtzigern nicht mehr stattfindet. Aber das ist genau darauf zurückzuführen, dass es zu einem Geburtenrückgang kam und zu einer Migration von Menschen, die aufgrund kultureller Neigungen – das will ich gar nicht verneinen –, aber vor allem durch fehlende Förderung und fehlende Chancengleichheit, nicht den gleichen Zugang hatten wie frühere Generationen, um ebenfalls ihr Potenzial auszuschöpfen.

Der Autor beschäftigt sich auch mit dem Thema Armut und vertritt eine These, für die er stark kritisiert wurde. Er ist der Meinung, dass die Begleiterscheinungen von Armut – seien es gesundheitliche Folgen, Sinnlosigkeit, Perspektivlosigkeit und die Benachteiligung der Kinder in der Schule – nicht eine Folge von Armut sind, sondern unter anderem Gründe dafür, warum diese Leute zur Unterschicht der Gesellschaft gehören. Das steht letztendlich im Gegensatz zur gesellschaftlich weit verbreiteten These, dass im Großen und Ganzen nicht die Menschen selbst an ihrer Situation schuld sind, sondern die äußeren Umstände, die sie in die Armut geschickt haben.

Anhand von Statistiken über die durchschnittlichen Ausgaben für Nahrung zeigt der Autor, dass eine gesunde und ausgewogene Ernährung auch mit Hartz IV – oder mittlerweile mit dem noch höheren Bürgergeld – möglich ist. Es liegt eher an den Eltern, dass sie dies ihren Kindern nicht anbieten können oder wollen. Er zitiert auch einen Sozialrichter, der mal sagte, dass er aus seiner 30-jährigen Erfahrung feststellen musste, dass die Kinder von ALG-II-Beziehern nicht oder nicht nur an der Armut der Eltern leiden, sondern an der fehlenden Förderung durch die Eltern – und das ist nicht zwangsläufig ans Geld gebunden. Diese fehlende Förderung hält die Kinder davon ab, den Anschluss zu anderen Kindern und damit zur Gesellschaft zu finden.

Er sagt zum Beispiel, dass in Berlin zwar die Tafeln immer voll sind und die Medien das öffentlichkeitswirksam fotografieren, aber die sehr günstigen Kulturangebote für Arbeitslose so gut wie nie in Anspruch genommen werden. Das sei ein Beweis für fehlendes Interesse an kultureller und sozialer Teilhabe. Der Autor betont auch, dass die deutsche Armutsdefinition relativ ist und nur ein Maß für die Ungleichheit in der Gesellschaft darstellt. Diese sagt lediglich aus, wie viele Menschen weniger als 60 % des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Demnach wäre die Zahl in Deutschland bei 13 % und in Tschechien bei 10 %. Bedeutet das, dass es weniger Armut in Tschechien gibt? Der Autor bemerkt zurecht: natürlich nicht. Denn die Kaufkraft eines vermeintlich Armen in Deutschland ist doppelt so hoch wie die eines Armen in Tschechien. Das heißt, die absoluten Zahlen sind relevant.

Bei dieser Aussage gehe ich mit. Wobei es um mehr geht als nur das Überlebensminimum: soziale und kulturelle Teilhabe ist ebenfalls notwendig, gemessen an der wirtschaftlichen Größe eines Landes wie Deutschland. Die These des Autors, dass es mehr Sachleistungen für Kinder brauche, stimmt. Er begründet dies damit, dass mehr Geld ganz selten bei den Kindern landet. Das reicht mir schon aus persönlicher Beobachtung bei Bekannten und Verwandten, um diese These zu unterschreiben.

Er sagt, dass der höhere Verdienst eines Topmanagers gegenüber einem anderen Topmanager nur für den erfolgreichen Manager selbst ein Erfolg sei. In der Unterschicht ist es allerdings andersherum: Wenn jemand für wenig bis gar nichts tun genauso entlohnt wird wie jemand, der 40 Stunden arbeitet, ist das ein Schlag ins Gesicht für den Arbeiter, dessen Gerechtigkeitsempfinden massiv angegriffen wird – und zwar zurecht. Der Autor betont daher, dass die Regelsätze nicht allzu stark erhöht werden dürfen, da sie Menschen daran hindern, etwas für ihr Schicksal zu tun. 15 Jahre später hat sich diese Aussage zumindest teilweise bestätigt, wenn man sieht, welche sozialen Verwerfungen die Einführung des Bürgergeldes mit sich brachte.

Ich hatte gemischte Gefühle bei diesem Abschnitt. Denn der Autor hat viele richtige Analysen, die bestimmte Teile des Problems sehr scharfsinnig darstellen und als Grundlage für gezielte Förderung dienen könnten – und vielleicht auch für eine größere Erwartungshaltung der Gesellschaft gegenüber Menschen, die in der Lage wären, eine Arbeit aufzunehmen, es aber ausdrücklich nicht tun. Was dem Autor hier allerdings gar nicht gelingt, ist, anzuerkennen, dass seine Thesen nur auf einen Teil der Gesellschaft zutreffen und bei weitem nicht auf alle Arbeitslosen. Ich will mir gar nicht anmaßen, einen Prozentsatz zu nennen, weil es mir an Daten und Erfahrung fehlt. Dennoch ist Fakt, dass der Autor alle über einen Kamm schert und vielleicht aus Frustration über die zu große Differenzierung in der Debatte als Reaktion darauf komplett verzichtet. Aber wie oben benannt, geht es mir nicht darum, seine moralischen Fehltritte zu benennen, sondern ich versuche das Ganze sachlich anzugehen und bewusst diese Aspekte auszublenden, um mich nur auf mögliche Erkenntnisse aus dem Buch zu konzentrieren. Alles andere kann ich im Nachhinein ruhig verwerfen.



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April 25, 2025
Ein spannendes, mit zahlreichen empirischen Belegen versehenes Sachbuch, aus dem klar wird, dass sich die Thesen Sarrazins in den letzten 15 Jahren fast alle erfüllt haben.
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