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Der agnostische Saal

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Paperback

Published July 1, 1998

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January 9, 2021
Diese Anthologie hat eine längere Vorgeschichte. Die englischsprachigen Erzäh­lungen waren ursprünglich für den zehnten Band der Edition Zimmerit gedacht. Michael Marrak hat die Reihe jedoch eingestellt. Für den EDFC sollte er mit Malte S. Sembten eine Horror-Anthologie herausbringen. Da man sich mit Gustav Gais­bauer aber nicht über die Aufmachung und den Umfang einigen konnte, be­schlossen sie, diesen Band in Eigenregie, in einer eigens dafür gegründeten "Schriftenreihe" namens Maldoror herauszubringen.
Das Cover und die Umschlaggestaltung wirkt sehr professionell und anspre­chend. Der Rücken mit der großen Schrift und den vielen Farben ist jedoch für meinen Geschmack zu bunt geworden.
Der Opener ist von Eddie Angerhuber. Sorgfältig und versiert baut sie eine Atmosphäre der Irritation und Beunruhigung auf, und als Leser ahnt man bald, dass die gespannte Situation zu einer schlimmen Entladung kommen muss. Leider lässt einem die Geschichte über die geheimnisvolle Madame Mosca, die sehr subtil hypnotische Macht auf Mitmenschen ausüben kann, ziemlich kalt.
"Wegen der Schatten" von Stephan Peters ist eine Story um einen Außenseiter, dem die Welt nur als ein zersplitterter, grausamer Kosmos erscheint. Seine ge­liebte Frau bindet ihn an die normale Alltagswelt, doch eine Gesellschaft Gleich­gesinnte entfremdet ihn wieder, weiter als je zuvor von der Welt. Die Geschichte wirkt sehr atmosphärisch ist jedoch schrecklich melancholisch.
Robsie Richter kommt mit einer überraschend konventionellen Geschichte über die Wirklichkeit des "Bibabutzemannes". Eine städtische Kleinfamilie zieht aufs Land, in dem der Aberglaube noch lebendig ist. Dass mehr hinter dem Aberglaube steckt, muss die Familie leidvoll erfahren.
Mit die besten Geschichten der deutschen Autoren liefern die beiden Herausge­ber. Sempten erforscht mit seiner Geschichte über die grausame Erniedrigung einer Frau zu einer ganz speziellen Projektionsfläche männlicher Ambitionen die Grenzen seiner eigenen Fähigkeiten und des dem Leser Zumutbaren. Ein Ver­gleich mit der ähnlich gelagerten "Die Braille-Enzyklopädie" von Grant Morrison ("Heißes Blut" Bastei-Lübbe 13373) lohnt sich.
In eine psychiatrische Anstalt werden drei Gestalten eingeliefert. Der "Doghead", das "Gestrüpp" und der "Engel" sind wahrhaft bizarre Zeitgenossen. Es wird immer mehr deutlich, daß ihre Herkunft nicht in dieser Welt liegt und dass ihr Zusammentreffen beunruhigende Ereignisse auslöst. Sehr überzeugend wird die Realität zu einem Schauplatz der Auseinandersetzung unheimlich-mytho­logischer Mächte, mit apokalyptischen Horizont. Der (erfahrene) Leser ahnt, der Autor von "Das Concaliom" kann nur Michael Marrak sein.
"Ein Geben, ein Nehmen" von Kim Newman ist eine gut erzählte Geschichte aus der Welt der Medien, in der skrupelloses Gewinnstreben und Okkultismus eine lebensbedrohliche Verbindung eingehen. Die Heldin ist eine Privatdetektivin, die notgedrungen ein Job bei einem Sender annehmen musste. Nachdem ihr Freund tödlich verunglückt ist, kommt sie unheimlichen Machenschaften auf die Spur. Kim Newman liefert nebenbei sehr interessante, ungeschönte Einblicke in die Ar­beitswelt privater Fernsehsender.
Ian McDonald erzählt mit "Blue Motel" eine Geschichte, die nur aus Elementen von Hitchcock-Filmen aufgebaut ist. Der Film als künstliche, gefahrvolle Realität, die jedoch überaus wirklich erscheint. Die Hauptfigur, eine junge Frau, die Geld veruntreut hat, gehört ihr selbst an - und kann ihr nicht entkommen. Sehr ein­drücklich und faszinierend.
Fazit: Ein Anthologie mit Geschichten von sehr gemischter Qualität. Und es fällt auf: Im deutschen Sprachraum wendet man sich mit Vorliebe dem Mysteriösem und dem Irrationalen zu. Das moderne Leben interessiert die Autoren viel weniger als alte, gefährliche Bücher und Sonderlinge, die in ihrer eigenen Welt leben. Dagegen wirken die englischsprachigen, phantastischen Autoren wie geborene Rationalisten, deren Figuren mitten im Leben stehen.
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