Eine Talöffnung in den Ostalpen, April 1945, die Tage des »Tausendjährigen Reiches« sind gezählt. Innerhalb kürzester Zeit ist es auf ein Nichts geschrumpft, und am Rand dieses Nichts steht die Rote Armee und wartet, bis die Schlacht um Wien entschieden ist. Wo alles längst zu spät ist, aber eben noch nicht alles vorbei, errichtet Kreisleiter Johann Braun sein höchstpersönliches Standgericht, ein privates Mordregime. Willkürlich werden Menschen abgeurteilt, mit denen er oder einer seiner Helfer eine Rechnung offen hat, »politisch Unzuverlässige«, vermeintliche Deserteure, Angeschwärzte, Männer wie Frauen, Ältere und Jüngere, Leute, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind.
Martin Prinz erzählt vom Ungeheuerlichen, nüchtern und den Tatsachen verpflichtet. Das ist möglich, weil den Mördern von damals wenig später der Prozess gemacht wurde. Weil das Monströse in penibler Kleinarbeit aufgearbeitet wurde. Und weil es zwei Menschen, die um ein Haar in das Geschehen verwickelt worden wären, der eine als Täter, der andere als Opfer, ein Leben lang keine Ruhe ließ.
Ich finde grundsätzlich gut, was Martin Prinz hier versucht. Aber in seinem Versuch, den Tatsachen nichts hinzuzufügen, entsteht ein Buch, dem der literarische Kern abgeht. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst Historikerin bin, und deswegen die Arbeit mit Aktenmaterial gut kenne - in jedem Fall fand ich es ermüdend, immer weiter die Wiedergabe der Gerichtakten zu lesen, ohne dass der Autor mein Verständnis durch seine Deutung, seine Hinzufügungen erweitert. Immer noch als Genreexperiment interessant, aber für mich am Ende leider nicht erfolgreich.
Die Landschaft: Sommerfrischen-Idylle südlich von Wien, zwischen Semmering und Rax. Hier haben schon Stefan Zweig und Schnitzler Urlaub gemacht. Im April 1945, also vor genau 80 Jahren allerdings ist die Gegend Schauplatz von Hinrichtungen, Erschießungen, grausamen Morden. Später nennt man das Endphase-Verbrechen. Eine der Ermordeten: die Enkelin der Geliebten Schnitzlers, Olga Waissnix, eine Widerstandkämpferin. Die Opfer werden zufällig, aus nichtigen Anlässen, aus Bosheit, Rachegelüsten, Fanatismus aufgegriffen. In Kellern erschossen, an Masten aufgehängt mit Schildern um den Hals: „Ich war ein fahnenflüchtiges Schwein.“ Drei Haupttäter werden 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet, andere nie gefasst oder nach kurzer Haft begnadigt. Im Prozess streiten sie die Verantwortung für ihre Handlungen ab, belasten ihre Mordkumpane, lügen, reden sich heraus. "Man könnte schnell was Blutrünstiges, Spannendes und Furchtbares schreiben", sagt Prinz. "Das darf man aber nicht, finde ich. Ich habe mich entschieden: Ich muss das Geschehen anhand der Sprache dingfest machen." (Martin Prinz im Interview der Salzburger Nachrichten) Seinem Roman stellt er Ilse Aichingers Satz voran: „Was wir einsetzen können, ist Nüchternheit.“ Nur mit dieser Art von Distanz kann man dem Schrecklichen und der Niedertracht begegnen, meint er und schreibt einen Tatsachenroman anhand von Gerichtsprotokollen. Es ist der Konjunktiv der Distanz für die Täter und ihre Verbrechen. Für die Opfer und Überlebenden ändert sich die Sprache, wird poetischer, nähert sich den Frauen, Männern und halben Kindern. Ergreifend, erschütternd gerade wegen dieser besonderen Sprache. Zu Beginn ist das etwas verwirrend, denn Martin Prinz erklärt nichts. Er lässt die Geschehnisse, die Akten für sich sprachen. Eine Geschichte über Niedertracht, Feigheit, Nicht-Wissen-Wollen und „Schwamm drüber“. Insofern sehr heutig. Gar keine leichte Lektüre, aber sehr empfehlenswert.
Ich bin auf „Die letzten Tage“ durch dessen Auftreten auf der Shortlist des österr. Buchpreises aufmerksam geworden. Im Geschichteunterricht habe ich damals gelernt, dass vor Ende des 2. Weltkrieges das NS-Regime noch vermeintlich Fahnenflüchtige und Regimegegner ermordet hat, doch ich habe nicht wirklich etwas darüber gewusst, weswegen die Kurzzusammenfassung des Buches mein Interesse geweckt hat.
Ich muss zugeben, die ersten Seiten haben mich etwas abgeschreckt. Man wird hineingeworfen in Textpassagen, bestehend aus Gnadengesuchen an den Bundespräsidenten, Absätzen, in denen der Autor mit einem Opfer per Du spricht, und im Konjunktiv geschriebenen Auszügen aus Gerichtsprotokollen. Doch schnell ergibt sich aus dem scheinbaren Wirrwarr eine kohärente Geschichte, die über die brutalen Hinrichtungen an unschuldigen Zivilisten durch ein mörderisches Regime und seine Schergen berichtet.
Im Klappentext wird Valerie Fritsch zitiert: „Dieses Buch hat eine Wucht, der man sich nicht entziehen kann, genauso wie es eine Wut auslöst, der man sich nicht entziehen kann.“ Dieser Satz beschreibt das Buch aus meiner Sicht perfekt. Das Buch nimmt einen mit, im Positiven wie im Negativen. Es ist spannend geschrieben, ohne dabei reißerisch oder pietätlos zu sein.
Der Autor Martin Prinz hat es geschafft, die Gewissenlosigkeit der Täter und den erbärmlichen Versuch, sich den buchstäblichen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, zu präsentieren und gleichzeitig die Willkür, mit der diese Taten ausgeführt wurden, darzustellen, wie ich es selten in einem Buch über die Nazi-Zeit gesehen habe.
Der sprachliche Stil ist interessant, aber leider schwer zugänglich. Das Chaos und die Willkür der letzten Tage werden spürbar, die Personen leider nicht.