Ich war am Zögern, diese Rezension zu schreiben, tue es aber dennoch.
Zunächst, ich finde es gut und wichtig, wenn in Kinder-/Jugendbüchern Rollenbilder aufgebrochen werden. Wenn Clichés nicht mehr bedient werden und Figuren frei sind, wird meine Neugier geweckt. Genauso finde ich es spannend, wie mit dem komplexen Thema Integration umgegangen wird, sowohl von demjenigen, der neu ist, aber auch von seiner Umwelt.
So liebte unser Sohn die Bücher von Leo Lausemaus, ich wiederum hatte häufig etwas Bauchschmerzen, weil ich mich in diesen Büchern überhaupt nicht wiederfand. Meine Bedenken schluckte ich regelmäßig herunter, aber als ich den Band las, in dem die Mutter während der Kindergartenzeit arbeiten wollte und Leo Lausemaus fragte, ob sie ihn denn nicht mehr liebe, hätte ich dann doch fast das Buch völlig genervt aussortiert. Da unser Sohn dieses Problem jedoch gar nicht so wahrgenommen hatte, habe ich meinen Adrenalinschub alleine mit mir ausgemacht. Und keine Leo Lausemaus Bücher mehr einziehen lassen.
Warum jetzt diese einleitenden Worte? Für mich stellt das Buch „Willkommen bei den Grauses – Wer ist schon normal?“ den Kontrapunkt zum konservativen Leo Lausemaus dar. Die Idee finde ich super und auch kreativ: Neben Ottilie zieht eine Familie ein, die ihr Rätsel aufgibt. Erst trauen sich die Familienmitglieder nicht aus dem Haus, dann benimmt sich das eine oder andere Familienmitglied ein wenig wunderlich. Und es stellt sich heraus, dass die neuen Nachbarn auf der Schule für seltsame Wesen waren und nun Teil der „normalen“ Welt werden sollen. Oben auf dem Haus wohnt ein Rabe – und bei jeder Verfehlung der neuen Nachbarn gibt es einen grauen Punkt. Und bei zu vielen grauen Punkten eines Familienmitglieds wird dieses abgeholt und keiner kennt den Ort, an den es gebracht wird.
Womit habe ich aber gehadert? Es gab mehrere Dinge.
Da gibt es Holger, die Felfe. Felfe lieben die Farbe Rosa, tragen gerne einen Rock, Einhorn-T-Shirt, haben einen Zauberstab. Holger hasst Hosen, nennt andere „Liebelei“ und hatte Bestnote im Fach „Komplimente verteilen“. Ach ja, und sie hüpft und hat regenbogenschillernde Flügel. Fällt euch was auf? Da wird ein Cliché mit einem anderen Cliché erschlagen. Während man bei Mädchen nicht möchte, dass all diese Dinge/Eigenschaften mit ihnen automatisch verbunden werden, so soll der Gegenentwurf zum „Holzfällermann“ also die Felfe sein, die all das in sich vereint, was man gerade aus den Köpfen der Leute rausbekommen möchte. Und an mich halten musste ich bei diesem Absatz:
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„Das schaffen wir nie!“ Olga fasst sich nervös in ihre hohe Frisur und zwirbelt in ihren Haaren. „Denk positiv, Liebelei! Lass uns einen Kreis machen und in uns hineinatmen. Wenn man will, kann man alles schaffen!“ (So unser Holger).
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Da ist nicht nur außen alles beim Holger rosa, sondern auch innen alles rosa. Vielleicht soll es aber auch Satire sein, an diesen letzten Strohhalm klammere ich mich immer noch.
Ein weiteres Problem hatte ich damit, dass bestimmte Wörter nicht mehr gesagt werden dürfen. Da sind Adjektive wie seltsam, komisch, eigenartig, merkwürdig etc. . Aber auch Nomen wie Angst sind verboten. Stattdessen soll man Wörter wie originell, abenteuerlich, ausgefallen oder beachtlich verwenden. Ich denke, das Muster wird klar. Es geht, und den Ansatz finde ich gar nicht einmal schlecht, um eine positive Denkweise, um das positive Beschreiben von Menschen und damit letztlich auch um eine offene Haltung gegenüber anderen. So viel zur Theorie.
Warum tue ich mich damit schwer? Nicht, weil ich den Ansatz für völlig falsch halte, sondern weil es für mich schwierig ist, mit Verboten zu arbeiten und es für mich auch um das Verstehen geht. Und um das Differenzieren.
Nehmen wir an, ich sage meinem Sohn, er dürfe nicht mehr Angst vor einem Menschen haben. Aus Prinzip nicht. Dann sind wir uns wahrscheinlich einig, dass dies nicht funktionieren wird. Angst hat unterschiedliche Auslöser und das Wort ist letztendlich nur der finale Ausdruck des Gefühls. Das heißt, um mich der Angst meines Sohnes nähern zu können, soll er mir doch bitte dies auch offen kommunizieren. Und ja, unser Sohn hat manchmal Angst vor Menschen. Und dann reden wir drüber und oftmals gibt sich diese Angst. Wenn ich jedoch das Wort aus seinem Sprachschatz eliminiere, müssen wir uns dennoch der Tatsache stellen, dass er ein negatives (initiales) Gefühl bei manchen Menschen hat.
Genauso dasselbe Problem tritt auf, wenn er verbotene Worte wie „seltsam“ oder „merkwürdig“ nicht mehr sagen dürfe. Möchte ich, dass er auf eine Person zugeht und ihr sagt, dass sie merkwürdig sei? Nein, natürlich nicht. Möchte ich, dass er zu mir kommt mit dieser Beschreibung, damit wir über seinen Eindruck sprechen können? Ja, bitte! Mir hat er auch schon einmal gesagt, ich sehe seltsam aus. Ich hatte da irgendeine Klamottenkombi an, die wohl etwas ausgefallen war. Ich möchte, dass unser Sohn eine Vielzahl von Wörtern kennt, differenzieren lernt, begreift, welche Wörter negativ sind, welche positiv sind, welche Situation passend ist und wie er vielleicht aus einem zunächst negativen Gefühl rauskommt. Und dafür braucht er viele Wörter.
Und jetzt im Ernst, wenn mein Freund meine Frisur als „originell“ bezeichnet – da weiß ich dennoch, wie der Hase läuft…
Von daher werden wir uns den zweiten Teil definitiv nicht kaufen, so schön ich auch die Idee an sich finde.