Oh Boy! Alain Claude Sulzer erzählt in "Fast wie ein Bruder" von zwei Freunden, dem Ich-Erzähler und Frank. Die Beziehung der beiden ist entfremdet und wird es auch den ganzen Text, dieser Novelle oder etwas längeren (zu lang geratene) Short Story, den der Verlag als Roman verkauft. Die Kindheit der beiden wird schnell abgehandelt, so dass Leser:innen die Innigkeit der beiden Bros erahnen müssen. Für mich ist das "Fast" im Romantitel etwas arg weit hergeholt. Das mag aber an der distanzierten, unglaubwürdige Erzählerfigur liegen, die mir im Laufe der quälenden 186 Seiten - ich muss es leider sagen - nur noch auf die Nerven ging.
Die Widersprüche der Figur sind entweder schlicht (man möchte "fast" sagen: dumm) und für mich völlig unspannend angelegt - oder ich verstehe denn Humor des Autors nicht?
Der Perspektivwechsel des Ich-Erzählers wirkt nicht plausibel: Wieso kann er Seitenweise detalliert über das Intimleben eines Freundes schreiben, dann aber immer wieder Distanz und Entfremdung in der Beziehung und sein Unwissenheit zu queerer Liebe beschwören.
Sätze wie "Was vor wenigen Stunden keine Rolle gespielt hatte, war auch jetzt ohne Bedeutung." Oder: "Das Bild mag etwas schief sein, aber es drängt sich mir heute wie gestern auf: Wie Lots Frau konnte ich den Blick vom Unglück nicht abwenden, das Frank mit voller Wucht traf." Oder versuchter Metahumor: "So könnte ein Roman beginnen. Aber das hier ist kein Roman." Da muss ich unweigerlich an Elon Musk denken und sein blödes Waschbecken! Und ja, das geht die ganze Zeit so.
Der Erzähler "onkelt" permanent herum, das wird den ganzen Text über nicht besser und bricht sogar mit den Passagen, bei denen ich kurz hoffte, er bekäme noch die Kurve – zu allem Überfluss und wirklich, sehr, sehr ägerlich ist er auch noch ein ziemlicher Rassist ist. Seitenweise lässt Sulzer ihm das Z*-Wort für Roma und Siniti verwenden. Roma und Sinti treten als grundsätzlich gefährliche Gruppe auf, die ständig provozieren würden und außerdem: "Es heiß jeder führe ein Messer mit sich, für Notfälle...". Solche Einlassung sind nicht nur sehr unverzeihlich, sie erfüllen im Text rein gar kein Funktion, auch nicht im Kontext von Franks ersten Homophobie-Erfahrung, die dadurch auch noch rassistisch geframed wird. Das Framing wird auch nicht entlarvt, etwa indem der Erzähler seine eigene Queerfreindlichkeit erkennt. Insgesamt würde ich zu diesen Erzähler sagen: You always have been an shitty friend.
Fazit: Keine Empfehlung von mir.