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Im Land der Wölfe

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Nana kommt in eine vom Wahlkampf erhitzte Stadt am Rand von Sachsen, die voll ist von zurückkehrenden Frauen, von
Gründerinnen und mutterlosen Ostdeutschen, die nie von ihren Eltern in diese Republik integriert wurden. Als Coach
will sie im Wahlkampf Katja Stötzel, die Kandidatin der Zukunftsgrünen, stärken. Doch sie wird auf Distanz gehalten. Verständnis findet sie nicht bei Katja Stötzel, sondern bei einem von ganz rechts, Falk Schloßer. Da ist dieser Hass auf die Welt, den sie teilen. Sie versteht ihn. In Grenzlitz findet sie ihre Verzweiflung und Wut auf eine Gesellschaft wieder, die sie jahrelang von sich geschoben hat. Als sich die Situation zuspitzt und Katja Stötzel bedroht wird, weil überhaupt alles zu eskalieren droht, muss sie sich entscheiden und die Frage Auf welcher Seite stehe ich eigentlich? Und die unaufhaltsame Ausbreitung der braunen Borkenkäferplage führt unausweichlich zu der Wer meint es ernst mit der Menschlichkeit? »Im Land der Wölfe« ist ein Grenzgang, authentisch und in überzeugender Sprache wird die Geschichte vom aufkommenden Faschismus in einer Kleinstadt ganz im Osten Deutschlands erzählt. Ein Kampf weniger der politischen Parteien, als vielmehr ein Kampf jeder und jedes Einzelnen um Anerkennung und Hoffnung, und als Waffen dienen die Kränkungen der vergangenen dreißig Jahre, die Verbitterung, der Frust am Jetzt und die allgegenwärtige Heuchelei.

317 pages, Hardcover

Published January 1, 2024

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Elsa Koester

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Profile Image for Cheap.And.Cheerful.
444 reviews21 followers
August 25, 2024
"Ist nicht wie bei euren Antifa-Aktionen, Dresden nazifrei, wo ihr wie Ufos für einen Tag in eine Stadt schwebt, kurz Ärger macht und wieder abhaut in euer Leben. Hier muss man sich seine Energie einteilen, Nana."


Elsa Koester, die stellvertretende Chefredakteurin des Magazins 'Der Freitag', hat mit 'Im Land der Wölfe' einen Roman geschrieben, der laut Blurb erzählt, wie Faschismus heute entsteht. Schonmal vorab: meinem Eindruck nach hat der Roman das nicht getan, dafür aber vieles andere.

Es beginnt damit, dass die Wahlberlinerin Nana nach Grenzlitz, ganz im Osten am Rande von Sachsen, zieht, um die Bürgermeisterkandidatin Katja von den 'Zukunftsgrünen' im Wahlkampf als Coach zu unterstützen. Grenzlitz steht kurz davor, eine 'blaue' Stadt zu werden, sprich einen Bürgermeister der rechtsextremen blauen Partei zu erhalten - die Farben sprechen für sich.

Doch der Wahlkampf mit einer Kandidatin, die sie auf Distanz hält, ist nicht Nanas einziges Problem: eine zweite Erzählebene im Buch besteht aus Briefen ihres Bruders Noah. Noah hat ihr vor kurzem eröffnet, dass Noah "kein Mann mehr sein möchte" (Zitat Noah) - was bei Nana für viel Unverständnis sorgt. Die Briefe zeugen von Kindheitstraumata, Identitätskrisen und viel Ungesagtem, das die Beziehung der beiden schwer belastet. Für mich war dieser Teil erst schwer um hineinzukommen, doch mit der Zeit hat er mich immer mehr eingefangen.

Als dritte Erzählebene kommen kurze Dialoge zwischen Noah und Nana hinzu, die ich zeitlich nicht ganz einordnen kann, sich aber auch auf das beziehen, was Nana zustößt, sowie auf die Briefe von Noah. Insgesamt machen die Ebenen das Buch zwar vielschichtiger, am Anfang aber auch komplizierter - wobei mir die Ebenen mit der Zeit immer mehr gefallen haben.

Bis zum Ende blieb mir unklar, warum genau Nana jetzt eigentlich ausgerechnet in Grenzlitz ist, und was ihre Motivation für den Coaching-Job ist. Was allerdings sehr deutlich wird, ist, was es für Menschen in Klein- und mittelgroßen Städten bedeutet, in rechtsdominierten Umgebungen zu leben und sich Tag für Tag mit Rechtsextremisten auseinander setzen zu müssen. Nicht nur abstrakt oder auf Demos, sondern täglich in der Kita, der Verwaltung und der Nachbarschaft.

Der ganze Konflikt spitzt sich in der weirden Beziehung zwischen dem blauen Justizvollzugsbeamten Falk und Nana zu, die früher bei der Antifa war. Dabei erinnert das Konstrukt sehr an Juli Zehs 'Über Menschen', allerdings mit einem Unterschied: anders als Zeh tut Koester nicht so, als müsse man nur nett zu Nazis sein, dann würde sich schon alles regeln. Stattdessen zeigt sie, dass es kein Gemäßigtes im Faschismus gibt, dass Kompromisse und ein aufeinanderzugehen der Gewalt und dem Rassismus keinen Abbruch tun. Und auch die Nazis bei Koester sind mal nett und sanft, doch das nur zu Menschen, die sie als Ihresgleichen ansehen. Generell verwischen die Grenzen zwischen Härte und Weichheit fließend, ebenso wie Identitäten nicht statisch sind. Es geht im Buch viel um Toleranz und Intoleranz, um das Aushandeln von Grenzen und das Übertreten dieser.

Koester wirft mit Nana und ihrer Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Gender Identität, Gewalt und vielem mehr Fragen auf, deren Antworten man nicht im Roman findet. Manche Figuren wirken überzeichnet, dann wiederum sind sie doch einfach nur sie selbst, auf ganz natürliche Art. Ich bin mir selbst noch nicht ganz sicher, wie ich manches einschätze, aber ich glaube, grade ein sehr vielschichtiges, kluges Buch gelesen zu haben, das viel zu bieten hat - nur eben keine einfachen Antworten.

CN: Transf3indlichkeit, Ras$ismus, G3walt (u.a. häusliche), Alkoh0lmissbrauch, Burn0ut, T0d, Verg3waltigung, Tierle1d
Profile Image for Literaturina.
197 reviews15 followers
August 30, 2024
Es war für mich zugegebenermaßen nicht ganz leicht, in die Geschichte hineinzufinden.

Wir begleiten Nana (Arianne) auf dem Weg in die fiktive Stadt Grenzlitz am Rand von Sachsen, um Katja Stötzel von den sogenannten Zukunftsgrünen für ihren Wahlkampf um den Bürgermeister*innentitel zu coachen. Es steht zu befürchten, dass Grenzlitz nach der Wahl die erste blaue Stadt wird; wofür die blaue, schwarze und grüne Farbe politisch stehen, könnt ihr euch denken.

Motiviert scheint Nana zu Beginn vor allem durch das Charisma der grünen Politikerin zu sein … allgemein blieben ihre Beweggründe für mich jedoch durchweg schwammig. Oft konnte ich sie nicht richtig greifen, mal sucht sie die Konfrontation, dann wieder lässt sie sich einlullen, erscheint mal aktiv, mal passiv, kurzum: eine höchst ambivalente Hauptprotagonistin (wie eigentlich alle in dem Buch) und psychisch labil.
Letzterer Eindruck festigte sich, je weiter ich las, insbesondere durch den Austausch in Mail-Form mit ihrem älteren Bruder Noah, der ihr jüngst eröffnete, "kein Mann mehr sein zu wollen". (Auch eine Art Chat gibt es zwischen den beiden, wobei mir teilweise nicht klar war, ob dieser nicht nur imaginär in Nanas Kopf war; dagegen spricht für mich die fehlende Groß- und Kleinschreibung.) Auf beiden Seiten werden Vorwürfe laut und es enthüllen sich peu à peu Kindheitstraumata (bitte CN beachten!). Wie das oft so ist, liegt die Wahrheit der beiden vermutlich irgendwo dazwischen, es bleibt (zu h)offen, dass sie sich aussprechen und wieder zueinander finden.

Zueinanderfinden ist ein gutes Stichwort: Als Neue in einem Dorf wie Grenzlitz wird Nana erst einmal skeptisch beäugt und versucht, einzuordnen. Selbst Katja Stötzel hält Nana immer wieder auf Abstand, lässt sie nicht in ihr Haus, wohingegen einer von den Blauen, Falk Schloßer, sie zu sich einlädt.
Wenn Nana schon eine Außenseiterin ist und Katja Stötzel, die zum Studieren weg- und später wieder zuzog, ist es weniger verwunderlich, dass Einwohner*innen mit Migrationsgeschichte von vielen dort erst recht nicht akzeptiert werden.
Das Buch macht deutlich, dass die dörflichen Strukturen zum einen die Grenzen zwischen den Einwohner*innen verschärfen, zugleich jedoch gerade innerhalb einer kleinen Ortschaft alles derart miteinander verwoben ist, dass man nicht die Möglichkeit hat, sich klar abzugrenzen, sondern gezwungen ist, irgendwie ein Miteinander zu finden. Genauso zeigt es, dass es den Punkt gibt, an dem man seine persönlichen politischen Ambitionen hintenanstellen sollte, um sich gemeinsam einer Gefahr wie dem Rechtsextremismus entgegenzustellen. (Hallo Berlin?!)

Eine der größten Logik-Lücken der Rechten und zugleich deren liebstes Argument, warum sie ja gar nicht böse sein können, wird für mich deutlich, wenn der den Blauen angehörende Falk Schloßer sich mit seinen vermeintlich guten Seiten hervortun will (wie toll er sich um seine Tochter kümmert, um die Frauen im Allgemeinen …). Auch Nana bringt es regelmäßig ins Grübeln und leider auch Zweifeln, doch immer wieder folgen Schlüsselszenen, in denen deutlich wird, dass sein Verhalten unmöglich richtig sein kann und wie manipulativ er tatsächlich ist. Jeder Mensch hat 2 Seiten: Die Blauen, die Hauptprotagonistin, ihr Bruder und die Politiker*innen eingeschlossen.

So wie die Protagonist*innen mir ambivalent erschienen, so bleibe auch ich selbst nach der Lektüre zwiegespalten zurück. Ich weiß nicht, ob ich alles richtig durch- und überblickt habe; es stört mich einerseits, dass einige Fragezeichen zurückbleiben, andererseits: das Leben und die Menschen lassen sich nicht einfach einteilen und klassifizieren (was manche nicht wahrhaben wollen). Und das ist dann doch eigentlich eine ganz gute Aussage, auch speziell bei der politischen Thematik.

Die Autorin arbeitet auch immer wieder mit Metaphern, insbesondere bezüglich der Farben (die Blauen im ROTkäppchenwald, Zukunftgrüne durch blaue Augen sehen …), aber auch in Bezug auf die titelgebenden Wölfe und Schafe.

„[…] Land der Wölfe, jammern se“, sagt Katja, die Leute würden sich beschweren, dass den Städtern nun auch noch der Wolf, der ihr Vieh reißt, wichtiger sei als die Menschen hier […] (S. 24)

Direkt kamen mir mehrere Assoziationen in den Sinn, so etwa der Wolfsgruß/Graue Wölfe der türkischen Rechtsextremisten und auch in Jodi Picoults „Kleine Große Schritte“ spielte der Begriff der Wölfe eine Rolle als Begriff für White Power. Darüber hinaus kommen einem vielleicht Märchen der Brüder Grimm in den Sinn. Daraufhin versuchte ich, etwas dazu zu recherchieren, warum der Wolf so häufig für eine rechte Symbolik herhalten muss, wurde jedoch nicht fündig. Der Wolf ist schlicht schon immer ein beliebtes Symbol, mythologisch und weltweit – sowohl im negativen wie auch im positiven Sinne. Wisst ihr vielleicht mehr darüber? Es würde mich auf jeden Fall sehr interessieren!

Wie ihr merkt: es ist ein Buch mit wichtigen Inhalten, das sehr zum Nachdenken anregt.

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an die Frankfurter Verlagsanstalt!

[unbezahlte Werbung, Rezensionsexemplar]

CN: Rassismus, Verfolgung, Gewalt(androhung), (Afghanistan)Krieg, Flucht, Droh-Flyer, Ahrtal-Flut, Mobbing, Tierleid, Queer-Feindlichkeit, häusliche Gewalt, Vergewaltigung
Profile Image for Dunja Brala.
684 reviews65 followers
December 18, 2024
Jedes Mal, wenn ich in den Osten fahre überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Mehr als jeder dritte Mensch wählt dort die #fckafd und das bedeutet das ich dort mit Menschen speise, spreche und sehr wahrscheinlich auch lache, die so weit weg von meiner politischen Gesinnung sind wie sonst nur was.

Nana geht es ähnlich. Sie, die aus Berlin nach Grenzlitz fährt, reist nicht nur in eine Kleinstadt, sondern in eine ganz andere Welt, um dort eine zukunftsgrüne Oberbürgermeister Kandidatin zu coachen. Die Blauen haben hier große Chancen auf den Posten. Damit das nicht passiert, will sie Katja Stötzel aufzeigen, wie sie Wählerstimmen gewinnen kann. Sie begegnet in dem Ort, der an dem Fluss Limes liegt, sehr unterschiedlichen Menschen. Da ist Erik, der einen Baumhaus Park eröffnet und Kleider trägt, Janine, die ein veganes Café inklusive Zuckereinhörnern und Porridge mit Glitzer betreibt, Sare, Muluebran und andere Menschen aus weit entfernten Ländern, die hier ein neues Zuhause gefunden haben. Und dann ist da noch Falk Schloßer, der als fürsorglicher Vater über seine Tochter wacht, als Berufssoldat in Afghanistan war und mehr als nur Sympathie für die Blauen hat. Nana fühlt sich zu ihm hingezogen, stellt sich selbst aber immer wieder eine Frage, da er ja eindeutig nicht ihren Werten nach lebt. Er versorgt sie dafür mit Infos warum blau so einen großen Zulauf hat im Osten. Dabei bleibt seine Sichtweise natürlich eindimensional. Er glaubt alles zu wissen, alles lösen zu können und ihre Antworten schon zu kennen.


Viele Fässer werden hier aufgemacht. Klimaschutz, Landflucht, Klassen Unterschiede, Geschlechteridentität Rassismus sind nur einige der Themen. Jenseits der politischen Agenda, die dieser Roman im Plot verwurstet, geht es auch um Identität, Geschwister, die ihre gewaltvolle Vergangenheit und die damit verbundenen Rollen nie aufgearbeitet haben. Es geht auch um die Gegensätze und Gemeinsamkeiten der Antifa und der Nazis.
Letztendlich aber geht es um einen Ort, der sich seiner Vergangenheit beraubt fühlt und dessen Menschen darum kämpfen, gesehen zu werden.
Dabei ist das Thema komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Nana wandelt zwischen den Welten und berührt Grenzen ihrer eigenen Sichtweise. Manchmal kann sie es kaum aushalten, und einmal ergreift sie sogar kurz die Flucht. Die Darstellung der Blauen, hier personifiziert durch den ambivalenten Schloßer, fühlt sich für mich echt und deshalb widerwärtig an. So jovial, wie er sich gibt, relativiert er alles, was anders ist als das, was er in seinem kleinen Kosmos haben möchte. Dabei bedient er sich ganz deutlich manipulativer Instrumente, indem er zum Beispiel immer wieder infrage stellt was denn so schlimm daran sei, wenn er anders denkt als Andere. Dass diese ja auch schlechte Dinge tun (hier wird wie immer wieder gerne die militante Antifa rangezogen) und der in der Masse dann auch gerne mal Seite an Seite mit breitschultrigen Stiernacken provoziert und Kloppe verteilt
In einem parallelen Strang wird in experimentellem Schreibstil die Beziehung von Nana und ihrem Bruder Noah aufgearbeitet, der sich für Nana unerwartet, als Frau identifiziert. Es gibt einen Schriftwechsel zwischen beiden, der einem Dialog nicht unähnlich ist.

Man merkt schnell, dass es hier nicht darum geht, eine Annäherung herauf zu beschwören oder gar ein persönliches Ende zu finden. Es ist mehr so, das die permanent bedrohliche und Angst erzeugende Situation, unterschiedlich auf die Menschen Einfluss nimmt.

Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, mal sind Satzzeichen da mal sind es nur Komma. Der Text wechselt von recte zu kursiv. Manchmal mit einem Satz. Doch es gibt immer auch wieder normal verschriftlichte Passagen, in erster Linie dann, wenn die Geschichte vorangetrieben wird.

Was mir negativ aufgefallen ist, sind die vielen Fehler, die dem Lektorat hätten auffallen müssen. Neben Rechtschreibfehlern sind es oft Worte, die nicht stimmen oder vertauscht wurden. Ich würde das hier nicht erwähnen, wenn es nicht so unglaublich viele wären.

Ein Buch, das die politischen Themen plastisch darstellt und uns deutlich macht, dass wir mit Menschen dieser Gesinnung leben müssen. Etwas das vielen von uns große Sorgen macht.



Meine Rezensionen geben immer ehrlich meine eigene Einschätzung wieder, unabhängig davon, ob ich das Buch selbst gekauft habe oder es mir vom Verlag oder den Autoren zur Verfügung gestellt wurde

WERBUNG, DA REZENZIONSEXEMPLAR
„Bleib bei mir“ von Hanne Ørstavik erschienen 2024 im @karlrauch . Ich danke dem Verlag und @polyt herzlich für das Rezensionsexemplar

Ist man fähig zu lieben, wenn man nie Liebe erfahren hat? Wenn man verzweifelt sucht, aber nicht findet, wenn man sich betäubt mit Drogen und Alkohol?

Die Ich Erzählerin die mit der Stimme der Autorin spricht, ist in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Liebe nicht gezeigt wurde. Sie wurde als Kind Zeugin, wie der Vater der Mutter gegenüber regelmäßig gewalttätig wurde.
Nach dem Tod von L. Ihrem Partner, der ihr half Ängste zu überwinden, beginnt sie als 53-jährige eine Beziehung zu einem 17 Jahre jüngeren Handwerker. Die Gefühle, die beide für einander haben, sind ambivalent. Liebe zu zeigen, scheint nur in kurzen Moment möglich zu sein, die schnell zu leidenschaftlichen Emotionen übergehen. M.’s Augen zeigen mehr Wut als Zuneigung. Demütigung und Kritik am Alkoholkonsum der Erzählerin sollen verletzen und seine Wut kompensieren. Gewalt scheint immer unmittelbar möglich.

Seine Gefühle analysierend, rotiert sie um sich selbst, scheint in einer Schleife gefangen und versucht in Text und Form in einer Erzählung ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen . Sie erschafft Judith, die in Minneapolis mit Verlust und neuen Beziehungen kämpft, und möchte dieser ihr eigenes Ich erkunden
Die Grenzen zwischen Realität und geschriebenem Wort lösen sich auf. Abrupt wählt die Autorin einen Wechsel der Schauplätze. In welcher Realität wir uns gerade befinden, lässt sich manchmal erst nach ein paar Sätzen zuordnen.

Der Text ist pure Selbstreflektion, die sich oft in einem zerstörerische Verhalten gegen die eigene Person äußert. Der Konsum von MDMA oder anderen Substanzen, die das Bewusstsein erweitern sollen, scheinen eine Flucht vor der Vergangenheit mit dem Vater und der Zukunft mit M. zu sein. Sie wissen, dass sie sich nicht gut tun. Beide suchen sich immer wieder. Die Tatsache, dass auch M in seiner Jugend Gewalt erlebt hat - genauso wie der Vater der Erzählerin- löst bei ihr mehr Mitgefühl für das subtil- aggressive Verhalten aus als mir lieb ist. Sie selbst scheint in einer Blase zu schweben, die analysiert, reflektiert und popkulturelle Bezüge herstellt, sich selbst, aber nicht spürt und die wie durch eine Membran die Außenwelt wahrnimmt, aber die Emotionen nicht fließen lassen kann. Nur die Angst scheint allgegenwärtig und lässt sie nervös und unstet wirken.

Mit sprachlicher Virtuosität springt Ørstavik zwischen existentialistischer Erzählkunst und introspektivem Literaturstil. Sie kann in ihrer Art mit Annie Ernaux und Jenny Erpenbeck verglichen werden. Sie schreibt reduziert und trotzdem entstehen beim Lesen Bilder, die bleiben, z.B. wenn sie Bella und Edward aus Twilight heranzieht und eine Verbindung zu den Protagonisten herstellt. „Sie erwecken einander zu intensivstem Leben, und sind zugleich lebensgefährlich.“ (S. 112)

Kein leichter Stoff, sondern eine Lektüre, die schon allein wegen der unterschiedlichen Erzählperspektiven höchste Konzentration erfordert. Für mich eine literarische Herausforderung, die mir einen großen Mehrwert gebracht hat da Ørstavik Barrieren auflöst und mit minimalistischen Mitteln sowohl Intimität als auch Komplexität herstellt
Profile Image for Michael Madel.
607 reviews12 followers
January 6, 2025
Elsa Koester stellt vor allem grüne und blaue (AFD) Positionen erzählerisch dar. Und weil die Träger dieser Positionen nun einmal Menschen sind, die eine eigene Geschichte und ein individuelles Schicksal haben, ergibt sich für die Autorin die Möglichkeit der detaillierten Differenzierung, anders als in journalistischen Texten. Schwarz-Weiß-Malerei verbietet sich.
Der Text stellt mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Die LeserInnen werden motiviert, eigene Anschauungen zu hinterfragen oder gar infrage zu stellen.
Keine vergnügliche und unterhaltsame, aber eine erhellende Lektüre.
Profile Image for Nils.
2 reviews
Read
April 4, 2025
Wichtiges und aktuelles Thema - Ersten 100 Seiten ok, Rest wirklich langwierig und nicht mein Schreibstil. Schade
10 reviews4 followers
October 27, 2025
Ein großartiges Buch! Die Geschichte hat mich sehr gefesselt und ich fand die Art zu schreiben besonders bildhaft und klug. Eine große Empfehlung, um sich in die Komplexität politischer Landschaften in Ostdeutschland hinein zu versetzen.
Profile Image for Ein_lesewesen.
83 reviews8 followers
September 9, 2024
»Und in was für einen Osten! Diese Balken, diese dicken blauen Balken. Jeden Tag wachsen sie drüben in Sachsen, länger als alle anderen blauen Balken der Republik.«

Inmitten dieser Spielwiese der Blauen gibt es ein kleines grünes Fleckchen Hoffnung, das es zu unterstützen gilt, denkt sich Nana und fährt Hals über Kopf aus Berlin nach Grenzlitz, um die dortige Oberbürgermeisterkandidatin der Zukunftsgrünen zu coachen. Denn Katjas Chancen, die Blauen um Paul Witte zu schlagen, stehen nicht schlecht, hier in der Kleinstadt an der polnischen Grenze. Doch man hält Nana auf Abstand und so macht sie sich auf, die Menschen dort kennenzulernen, die Dagebliebenen, die Zurückgekehrten, die Migranten und Falk Schloßer, einer aus Wittes Truppe. Ausgerechnet von ihm erfährt sie von den Sorgen der Menschen von Ort und fühlt sich auch noch zu ihm hingezogen.
In der B-Story erfahren wir von Nanas eigenen Problemen und warum sie Berlin verlassen hat. Nachdem ihr Bruder Noah ihr offeriert hat, kein Mann mehr sein zu wollen und von ihr Verständnis und Begeisterung erwartet hat, kam es zum Zerwürfnis. In vielen E-Mails zeichnet Noah die Kindheit der beiden nach, ein kaputtes Elternhaus, Nanas Weg zur Antifa. Auch hier lauern viele Missverständnisse, die Nana erst jetzt allmählich versteht.

Elsa Koester, die stellvertretende Chefredakteurin des Magazins ›Der Freitag‹, hat einen vielschichtigeren Roman geschrieben, als es der Klappentext verspricht. Es wäre blauäugig zu erwarten, dass er Lösungen für das politische Desaster im Osten liefern könnte. Aber er zeigt viele Alltagsszenen, die durchaus schlüssig die aktuelle Stimmung widerspiegeln, macht auf einige Probleme aufmerksam, die typisch für die neuen Bundesländer sind. Von der »Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht« Mentalität bis zu »Wir-lassen-uns-nicht-unterkriegen«. Und wer hört schon auf eine aus Berlin. Ausgerechnet Berlin, da wo man Politik für die anderen macht, aber nicht für Menschen wie in Grenzlitz. Menschen, die sich alleingelassen fühlen, die sich nicht nur wie am Rand von Sachsen fühlen, sondern wie am Rand der Welt. Wirtschaftlich abgehängt, verlassene Innenstädte, Verrat nicht erst zu Zeiten der Wende. Vergangenheit und Gegenwart werden hier aufgespürt und verbunden. Aber gibt dieser Roman nun eine Antwort auf die Frage, wie Faschismus im Osten Deutschlands entsteht? So zumindest die Behauptung im Klappentext. Meines Erachtens nein. Dazu ist das Problem viel zu vielschichtig. Was ich aber durchaus gespürt habe, sind die stetigen Bedrohungen, die Machtdemonstrationen, die Einschüchterungsversuche.
Gerade mit Schloßer ist Koester eine interessante, streitbare Figur gelungen, der treusorgende Vater, der sein eigens Päckchen zu tragen hat, und sich um die Gemeinschaft . Wenn es aber darum geht, Angst und Hass zu verbreiten, ist er in vorderster Reihe dabei. Nun gut, wir kennen die verdrehte Argumentation.
Auch Noahs Geschichte, die die Kindheit der Geschwister beleuchtet, hat mich durchaus gefesselt. Allerdings drängt sie sich in der zweiten Hälfte des Buches immer mehr in den Vordergrund, so dass die heiße Phase des Wahlkampfes in den Hintergrund rückte. Zwar verbindet sich alles, weil letztlich auch alles zusammenhängt, aber der Fokus geht von der laut Klappentext zu erwartenden Geschichte verloren.
Ein heißes, brandaktuelles Thema, dem sich die Autorin hier gewidmet hat. Ich habe in vielen Szenen die momentane Stimmung gespürt, die auch mir tagtäglich entgegenschlägt. Auch sprachlich hat mich Koester absolut begeistert.

Wie schon gesagt, Lösungen zu erwarten, wäre zu vermessen, aber es gibt Möglichkeiten und Wege, die Koester auch anspricht. Nicht zuletzt geht es darum, miteinander zu reden, zuzuhören, die Menschen mit ihren Sorgen und ihrer Vergangenheit zu verstehen, das Richtige für sie zu tun. Unsere persönlichen Probleme werden sich immer in den Vordergrund drängen, genau wie im Buch, allzu gern möchten wir davonlaufen, die Augen davor verschließen, »die anderen« die anderen sein lassen, doch genau das hat uns dahin geführt, wo wir jetzt in diesem Land stehen. Wenn auf die Politik kein Verlass mehr ist, sind wir Menschen gefragt.
Großer Lesetipp, vor allem für die »Wessis«, um die Gräber nicht noch größer werden zu lassen.
Profile Image for Literatursprechstunde .
198 reviews116 followers
February 12, 2025
Wie entwickelt sich die politische Gesinnung der Menschen? Warum driften manche nach rechts, andere eher nach links? Elsa Köster spürt dem Ganzen nach in ihrem Buch „Im Land der Wölfe“. Schauplatz ist eine Stadt im Osten Sachsens, die zwar fiktiv ist, aber dennoch viele Parallelen zur Realität hat.

Die Story dreht sich rund um eine Bürgermeisterwahl in dem fiktiven ostdeutschen Ort Grenzlitz. Konfliktpotential bergen Themen wie Migrationspolitik und Geschlechtsidentität.
Der rechte Politiker Paul Witte hadert mit seiner Konkurrenz, der Grünenkandidatin Katja Stötzel. Wittes Unterstützer Falk gerät zunehmend in Auseinandersetzungen mit der Grünen Wahlkampfcoachin Nana, die im Roman auch als Erzählerin fungiert.
Die Autorin Elsa Köster stellt explizite, kritische Fragen, die ein ausgewogenes Maß von Rationalität haben, aber ebenso die Bedeutung von Gefühlen hervorheben.
Vor allem hat mir die Subtilität gefallen, mit der Köster den Wahlkampf zwischen den „rechten Blauen“, den „Zukunftsgrünen“ und „Linkspinken“ darstellt.

Solch pikante Thematiken lösen schnell mal Wut, Verzweiflung und Ohnmachtsgefühle in einem aus, da man denkt einem selbst seien die Hände gebunden. Also was kann man nun tun ? Mir hat „Im Land der Wölfe“ bewusst gemacht, wie wichtig ein Blick auf unseren gesellschaftlichen Wandel und die Beschäftigung mit Politik ist. Nur wer informiert ist, kann klar Stellung beziehen und sich auf eine (politische) Seite schlagen. Was aber jede*r von uns tun kann: der Menschlichkeit huldigen, in allen Lebenslagen - seien sie politisch oder nicht. Denn eins ist klar, was auf der politischen Schaubühne gerade so alles passiert, ist oft fernab vom Menschlichen. Danke Elsa Köster für den nötigen Anstoß, sich noch mehr mit den Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen und dabei immer die Menschlichkeit im Blick zu behalten!
Profile Image for Rosa Daiger.
21 reviews
April 4, 2026
Ich habe wirklich lange gebraucht, um in Land der Wölfe von Elsa Köster hineinzufinden – eigentlich erst ab etwa Seite 220. Trotzdem bin ich drangeblieben, weil mich die Prämisse sehr interessiert hat.

Und es hat sich zumindest teilweise gelohnt: Die letzten 40 bis 60 Seiten gehören für mich ganz klar zu den stärksten des Buches. Hier wird der innere Konflikt der Figuren greifbarer, besonders im Kontext der Zerrissenheit vieler Ostdeutscher – dieses gleichzeitige Wissen darum, dass früher nicht alles gut war, aber manches dennoch besser erschien als heute. Diese Ambivalenz wird am Ende endlich spürbar.

Allerdings kommt diese Tiefe sehr spät. Insgesamt braucht das Buch für meinen Geschmack viel zu lange, um der Hauptfigur Nana wirklich Kontur zu geben. Auch viele andere Figuren bleiben überraschend blass – etwa Falk Schlosser oder Katja, die kaum an Tiefe gewinnen.

Stattdessen liegt der Fokus oft stark auf körperlichen Zuständen und unmittelbaren Empfindungen („sie fühlte sich schwindlig“, „ihre Hände schwitzten“), während zentrale Fragen zu Herkunft, Prägung und innerer Entwicklung zu kurz kommen. Gerade hier hätte ich mir deutlich mehr gewünscht: mehr Hintergrund, mehr psychologische Tiefe, weniger bloße Momentaufnahmen.

Insgesamt bleibt bei mir der Eindruck eines Buches mit einer sehr spannenden Idee, das sein Potenzial aber erst sehr spät und dann auch nur schwach entfaltet.
Profile Image for Sandra.
139 reviews65 followers
January 24, 2025
Elsa Koester versteht es, eine interessante und ambivalente Erzählwelt aufzubauen. Als die Coachin Nana aus Berlin-Neukölln ins sächsische Grenzlitz reist, um der Zukunftsgrünen Katja Stötzel auf ihrem Weg zur Bürgermeisterin behilflich zu sein, wird Lesenden die Stadt nach und nach durch Nanas Augen gezeigt.

Trotz einiger interessanter Momente können die Handlungslinien nicht zusammengehalten werden, es fehlen Tiefe und Kontraste. Zu viele und zu eindimensionale Mitglieder hat das Ensemble bereits zum ersten Drittel bekommen: Orte und Szenen, die der Stadt als Kulisse mehr Ebenen verleihen sollen, fallen figurenpsychologisch und inhaltlich nichtssagend aus.

https://sandrafalke.com/2025/01/23/ko...
Profile Image for Andrea Wilms.
96 reviews
October 1, 2024
Nana reist ungefragt nach Grenzlitz, sächsische Grenzstadt, früher 73.000 Einwohner, heute noch circa 53.000, auf 90 Frauen kommen 100 Männer. Dort will sie Coachin sein für Katja, die für die Zukunftsgrünen Bürgermeisterin werden möchte, um sie in ihrem Wahlkampf gegen die „Blauen“ zu unterstützen. Ostdeutscher Alltag fern von Neukölln/Sonnenallee? Wie sind die blauen wirklich? Gruselig und gut zugleich, lesen!
Profile Image for Astrid.
353 reviews18 followers
November 4, 2024
This book surprised me. In a positive way. I started thinking this one will get 3 stars, then 3.5, 4.5 and in the end I have to give it 5 stars. This however is a very personal rating. I can totally understand that others might have problems with this story. But I do love a story that doesn't give easy answers - I feel seen. I don't have them either. And it makes life easier for me to realize that I'm not alone in this.
Profile Image for DarkS.
378 reviews27 followers
June 20, 2025
Wow, was für ein Roman! Dieser politische Thriller hat mich wirklich beeindruckt. Trotz seiner düsteren Darstellung der Gegenwart zeigt er auf erschreckende Weise, wie viele Parallelen zu unserer Realität bestehen. Doch am Ende bleibt eine wichtige Botschaft: Menschlichkeit und Mitgefühl sind das, was wirklich zählt und nicht verloren gehen darf.
11 reviews
August 20, 2025
Interessante Art und Weise des Erzählens, man will wissen, wie es weiter geht, und hat am Ende noch einige unbeantwortete Fragen.
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