Jump to ratings and reviews
Rate this book

Volk und Elite

Rate this book

371 pages, Paperback

Published October 13, 2024

Loading...
Loading...

About the author

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
3 (42%)
4 stars
2 (28%)
3 stars
2 (28%)
2 stars
0 (0%)
1 star
0 (0%)
Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Frank.
641 reviews129 followers
January 12, 2026
Kolja Möller versteht Populismus – anders als im Alltagssprachgebrauch – nicht als rhetorisches Mittel, um sich beim „Volk“ anzubiedern, sondern als politische Form, deren wesentliches Kennzeichen der Verweis auf einen Antagonismus „Volk vs. Elite“ ist. „Populismus als Form“, das weist schon darauf hin, dass es dem Autor nicht um aktivistische Populismuskritik oder um „Rechts- oder Linkspopulismus“ geht, sondern vorgelegt wird eine nicht immer leicht zu lesende, historisch angeleitete politikwissenschaftliche Studie, die in der antiken römischen Republik wie den italienischen Stadtstaaten der Renaissance und den Revolutionen des 19. Jahrhunderts die historischen Beispiele für seine soziologische Kritik am „Volksbegriff“ aufsucht. In der römischen Antike findet sich die Ausdifferenzierung von „populus“, weil dem reicheren Teil (den Patriziern) der ärmere „plebs“ gegenübertritt. Theoretisch wird das erstmals bei Marx und Engels zugespitzt erfasst, indem diese im 19. Jahrhundert die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen begreifen und insofern die Konflikte im Volk einer nationalistisch- identitären Scheineinheit „Volk“ gegenüberstellen. So nimmt dann die Analyse der Marxschen Überlegungen zur Rolle der Volkssouveränität in der Französischen Revolution, im Bonapartismus („18. Brumaire“) und überhaupt im Staat („Zur Judenfrage“) breiten Raum ein.

Davon ausgehend bestimmt Möller „Populismus“ als eine immer bereitstehende Kommunikations und Handlungsoption, weil „das Volk“ als Souverän seit der Zwischenkriegszeit und spätestens nach WK II in allen modernen westeuropäischen Verfassungsprojekten als „Souverän“ auftaucht, auch wenn es so gut wie in keinem Falle wirklich an der Setzung der Verfassungsnormen revolutionär oder anders konstitutiv beteiligt war. Im Licht der anhand der Analysen von Marx gewonnenen Einsichten stellt, sich nun „Volk“ als ein Begriff heraus, der gerade wegen seiner fehlenden Geschlossenheit Rechtsnormen der Verfassung prinzipiell offen hält und Veränderungen zugänglich macht. In Krisen des Staates oder der Wirtschaftsform – hier benennt Möller deutlich den blinden Fleck bürgerlicher Demokratiekritik, die regelmäßig soziale Ungleichheiten als Konfliktgrund ausblendet – kann daher regelmäßig ein antagonistischer Twist gegen „die da oben“ aufgerufen werden. Mit Marx arbeitet der Autor die Widersprüche heraus, die sich regelmäßig zwischen den verschiedenen sozialen Funktionssystemen wie Ökonomie, Politik, Recht usw. ergeben. Populismus knüpft also immer da an reale Befindlichkeiten an, wo Menschen das Gefühl haben, dass sich das politische System verselbstständigt und von den Alltagsproblemen der „kleinen Leute“ entkoppelt hat. Populistische Mobilisierung erscheint so unabhängig vom konkreten Inhalt als Reaktion auf Repräsentationsdefizite („Wir sind das Volk“).
Die inhaltliche Füllung des jeweiligen populistischen Zugriffs fasst Möller eigentlich nur als „autoritär“ (Bonapartismus, Faschismus) vs. „progressiv“ (Lateinamerika), ohne dass er hier konkret würde. Auffällig und unverständlich ist das völlige Fehlen von Reflexen auf die Entartungen des Denkens von Marx in den sogenannten sozialistischen „Volksdemokratien“. Wichtiger ist ihm die Analyse des Umschlags eines inklusiven Populismus in einen andere ausschließenden exklusiven Populismus („Wir“ sind das Volk und nicht „Ihr“). Das zeigt er u.a. anhand der Funktion des antisemitischen Rassismus als einer Form des Ausschlusses im Faschismus, wobei aktuelle Probleme der Fremdenfeindlichkeit, die demselben Muster folgen, lediglich kurz erwähnt werden. Immerhin wird hier die Ambivalenz der populistischen Anrufung sichtbar: Sie kann demokratische Defizite benennen und so für demokratische Erneuerungen eintreten; sie kann aber auch umkippen und die gesamte demokratische Verfassung negieren und die Lösung in einem „das Volk“ bzw. seinen (immer fiktiven) „Willen“ repräsentierenden Führer suchen.
In diesem Zusammenhang ist der Verweis auf das plebejische Moment in „Volksaufständen“ interessant. Soziale Konfliktlagen machen es der politischen Form (also „dem Staat“) prinzipiell unmöglich, zwischen „Machtüberlegenen“ und „Machtunterlegenen“ erfolgreich zu vermitteln. Das gelingt nur ausnahmsweise in politischen und wirtschaftlichen Sonderperioden (z.B. während des sog. „Wirtschaftswunders“ unter den Bedingungen des Kalten Kriegs), bricht aber regelmäßig in sich zusammen und fordert so neue Formen der Vermittlung allgemein bindender juristischer Umgangs- und Verkehrsformen heraus. Dabei bliebe der Populismus „einer Tragödie verhaftet“: „Auf die Inszenierung omnipotenter Willensstärke folgt das Scheitern an der Komplexität der sozialen Evolution.“ (108) Das wird durchgespielt an der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, die sich für eine Machtergreifung zuerst als „Volkspartei“ inszenieren muss und inszeniert, um dann in Regierungsbeteiligungen in sich regelmäßig die Teilung in (angepasste) Funktionärs- und Funktionseliten (z.B. auch Gewerkschaftsbosse) und (unangepasste) Mitgliederinteressen zu reproduziere. Man kann aber auch an Argentinien oder Brasilien denken, wo sowohl Bolsonaros als auch Mileis großspurige Ankündigungen an der Komplexität realer Widersprüche gescheitert sind. Man sieht, das links- wie rechtspopulistische Bewegungen dieselben Probleme haben.
Aber rechtspopulistische Bewegungen stehen nicht im Zentrum von Möllers Betrachtung, auch deswegen nicht, weil sie theoretisch zu den aufgeworfenen Problemen nichts beizutragen haben. Sie überführen die realen Probleme regelmäßig in Auseinandersetzungen des „Parteienkampfes“, ohne zu verstehen, was sie damit (eben nicht) tun. Dieses Verständnis entwickelt Möller wieder am Beispiel des Denkens von Marx, an dem die Politikwissenschaft nicht umsonst nicht vorbeikommt. Dabei hatten Marx und Engels im 19. Jahrhundert natürlich nur die „Rebellion alten Stils“ (256) vor Augen. Möller rehabilitiert am Anschluss daran im Lichte der späteren Entwicklungen die Analysen Eduard Bernsteins, dessen Revisionismus jenseits der politischen Problematik auf einer zutreffenden Analyse der Wandlungen der Sozialdemokratie als Teil des Staats- und also Machtapparats beruhte. Zu erleben war das ab 1914.
Zu den „internen“ Opfern zählte Rosa Luxemburg, die Möllers Gewährsfrau für neue Theorieansätze in Sachen Volkssouveränität und Volksaufstände ist. Statt „Klassenkampf“ käme es auch nach Luxemburg darauf an, unterprivilegierte und beherrschte Volksteile in den notwendigen Aufstand einzuschließen, wobei sie in der „Transformationsfähigkeit der Masse“ (259) eine Bedingung für gelingende Kämpfe sah. Gemeint ist hier die Lern- und Wandlungsfähigkeit der Massen im Moment der Aktion, die grobe Fehler einschließe, denn die „Masse“ sei „stets das, was sie nach den Zeitumständen sein muss, und sie ist stets auf dem Sprunge, etwas total anderes zu werden, als sie scheint.“ (Luxemburg, zit. Auf S. 260) Ist dem so? Dann wäre die AfD- Wählerschaft (nicht die Partei und ihre Funktionäre) nicht bloß ein Grund zum Verzweifeln, sondern auch einer zum Hoffen. Allerdings käme es darauf an, so Möller mit Luxemburg, dass progressive Kräfte (bei Luxemburg die Partei) in die Massen hineinwirken und sie über sich selbst und ihre Anliegen aufklären. (Leider ist dieser Ansatz bei der aktuellen „antifaschistischen“ Linken nicht einmal als Denkmöglichkeit aufzufinden, was nur zeigt, wie weit sich der heutige linke Aktivismus theoretisch uninformiert von den Gründungsvätern und -müttern ihrer Bewegung entfernt hat. Hier könnte Möller etwas bewegen, wenn es ihm künftig gelingt, selbst in populärer Form (!) Einfluss auf die Bewegung zu nehmen. Vielleicht gelingt das, denn immerhin ist er mit Katja Kipping verheiratet. 😉 )
Zum Ende seiner Analysen streift Möller (leider zu kurz) die Auswirkungen der Globalisierung auf Ideen der Volkssouveränität. Indem transnationale Organisationen wie der IWF, die Weltbank oder auch die EU- Bürokratie in Brüssel die Beherrschten ohne „Ansprechpartner“ im nationalen Rahmen hilflos zurücklässt, schlage das populistische Pendel in Richtung auf eine Rückgewinnung der Volkssouveränität als „nationale“ Souveränität aus. Von daher wird einsichtig, warum „Volk“ nun wieder als eine dem Nationalen vorausgehende identitäre Einheit konstruiert wird, die die wirklichen sozialen Widersprüche im Antagonismus von „die da oben“ und „‘wir‘ hier unten“ verdeckt. Leider wird auch in diesem Zusammenhang auf Strategien der AfD z.B. nicht eingegangen, was allerdings der Zielsetzung der ursprünglichen Habilschrift geschuldet ist, eben das Formproblem des Populismus theoretisch und nicht seine konkreten Erscheinungen empirisch zu analysieren.
Möller wäre trotzdem der richtige Mann, dem derzeitigen hilflosen antifaschistischen Aktivismus theoretisch begriffene Einsichten zur Anpassung verfehlter Strategien zur Verfügung zu stellen. In diesem Sinne käme es darauf an, seinen Hinweis aufzunehmen, dass im „Plebs“ immer widerständiges Potential stecke, das es nicht intellektuell abzuwerten gelte. So gesehen ist die Hochnäsigkeit der akademisch- (klein-)bürgerlichen Eliten den „dummen“ AfD- Wählern gegenüber vollkommen verfehlt. Wenigstens für deren sich dezidiert „links“ begreifenden Teile käme es darauf an, das plebejische Element als für Massenbewegungen unverzichtbar und vor allem – mit Luxemburg – als lernfähig anzusehen und anzusprechen. „Brandmauern“ sind ok, wenn es um klar faschistische Elemente in den Führungsetagen (aber nicht einmal in jedem Kommunalparlament) geht; sie ist vollkommen verfehlt, wenn man – wie es jüngst Juli Zeh vehement verteidigt hat – vorurteilslos auf die Wähler und Sympathisanten der AfD, des Front National usw. blickt. Nur aus dieser Perspektive wird der Optimismus verständlich, mit dem Kolja Möller seine Studie beendet: „Der identitäre Populismus ist Ausdruck einer Krise der Volkssouveränität. Statt sie zu verdrängen, gilt es, sie durchzuarbeiten und zu überwinden. Dabei bleibt eine populare Politik, die zugleich transformativ wirkt, eine Handlungsoption, die aus dem Inneren der Volkssouveränität selbst hervorgeht.“ (341)
Lohnt es sich also, dieses Buch zur Hand zur nehmen? Unbedingt. Wer bereit ist, die Mühen der „Durcharbeitung“ auf sich zu nehmen (wozu ein wenig politikwissenschaftliche Vorbildung, zumindest aber ein solches Interesse, unabdingbar ist), dem erschließen sich durchaus neue und bedenkenswerte Perspektiven auf das Thema. Das Gute ist, dass Möller auch da Themenfelder zum Selbstweiterdenken eröffnet, wo er nur ausgewählte Aspekte historisch abhandelt. Fingerzeige sind an vielen Stellen vorhanden. Ein wichtiges Buch, das man auch für 5 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung erwerben kann. Das ist – wegen der unübersehbar marxistischen Ausrichtung – erstaunlich, aber natürlich gut so.
Profile Image for Jack Goodwin.
29 reviews1 follower
October 3, 2025
Ein gutes Werk, wirklich. Ich fand so viel von diesem Buch so ganz interessant und spannend. Aber, und es ist ein ziemlich großes Aber, den Faden habe ich mehrmals verloren beim Lesen dieses Buches. Hätte man das in den meisten fällen einfach besser formulieren können? Auf jeden Fall. Ein Wirbelsturm der Informationen ist manchmal an mir vorbeigegangen, während ich nur 2-3 Seiten las. Also ein wirklich gutes Buch, ich hoffe nur, dass der Autor künftig ein bisschen besser schreiben wird. Je mehr Menschen einen Text verstehen können, um so wirkungsvoller wird er.
Displaying 1 - 2 of 2 reviews