Todd besteht darauf, dass jeder Krieg eine Vorgeschichte hat und führt Fakten an, die belegen, dass der Ukraine- Krieg nicht auf einer Alleinschuld Putins beruht, sondern von den USA - wenn auch nicht gewollt oder begonnen - so doch provoziert wurde. Dabei überzeugt die Argumentation am Anfang nicht unbedingt, weil zwar die bekannten Fakten (Russlands Demütigung in den 90er Jahren) präsentiert werden, aber Russlands Rolle dennoch zu sehr im Lichte eines bloßen "Opfers" dargestellt wird. Auch scheint mir die aktive Rolle der Ukraine, die im Status eines failed state agierte und ihren (west)ukrainischen Nationalchauvinismus mit der Unterdrückung der russischen Sprache bis hin zum Krieg (2014) steigerte, etwas überzeichnet. Hier könnten Kritiker in bekannter Manier einwerfen, dass der Text russische Narrative bediene und hier ein "Putin- Freund" schriebe. Auch ist die Auffassung, die USA und Norwegen hätten den Anschlag auf Nordstream II geplant und verübt, bloß eine Samuel Hersh folgende Meinung; neue Argumente werden nicht gebracht, aber derer bedarf es wohl, wenn man die verbreiteten Narrative ernsthaft erschüttern will.
Zunehmend wird jedoch deutlich, dass mit Todd jemand argumentiert, der sich um politischen Realismus bemüht und der daher von platten Dämonisierungen oder billiger Moralisiererei absieht und stattdessen zu verstehen versucht, was rational hinter den Kriegshandlungen steht. Da kommt Putin als auf seine Weise vernünftig handelnder Akteur, der seine (verbrecherischen) Schritte genau kalkuliert, besser weg als die amerikanischen Administrationen, denen Todd wohl zu Recht Verblendung und falsche Einschätzung realer Kräfteverhältnisses (beim Kampf um die "einzige Weltmacht") vorwirft. Dass dabei kein gutes Haar an der EU, Frankreich und Deutschland gelassen wird, ist auch klar. Allerdings irritiert, dass historische Prozesse wie Demokratiefähigkeit oder wirtschaftsorganisatorische Fragen, auch Fragen der "Zugehörigkeit" oder Besonderheit der Ukraine zu bzw. gegenüber Russland auf ein zunächst nicht weiter erläutertes anthropologisches Konzept, nämlich dem der vorherrschenden Familienstrukturen zurückgeführt werden. Bis gut in die Mitte hinein ist das Buch daher bloß sympathisch, weil der Autor meine eigenen Überzeugungen (und Erlebnisse in der Ukraine) bestätigt bzw. teilt und wie ich davon ausgeht, dass dieser Krieg weder für die Ukraine noch die EU oder die USA zu gewinnen ist; aber es bietet nicht wirklich Neues oder Erhellendes.
Das ändert sich in der zweiten Hälfte, die nun wirklich dem Niedergang des Westens (und nicht nur seiner absehbaren Niederlage im Krieg) gewidmet ist. Überzeugend wird anhand statistischer Daten die Unbrauchbarkeit der Wirtschaftskategorie "BIP" für das Verständnis der nachlassenden bzw. nicht mehr vorhandenen Wirtschaftskraft der USA herausgearbeitet. Mit Finanzprodukten könne man zwar Geldwerte in das BIP aufnehmen und sogar die Emissionsgewinne aus dem Dollar- Handel einrechnen, aber mit beidem lassen sich keine Granaten herstellen. Die wirtschaftliche Hardware der USA ist verschlissen oder nach China abgewandert. Dass die US- Eliten zunehmend unfähig sind, ihre eigene Schwäche (als Schwäche der industriellen Basis) zu sehen, führe - wie auch in der Ukraine und in abgeschwächter Form den EU- Staaten (allen voran Frankreich und Deutschland) zu "Nihilismus" als einer mentalen Disposition, die zunehmend irrationales Handeln auf der internationalen Bühne erklärt. Nun beginnt man zu verstehen, was die Familienformen damit zu tun haben, denn selbstverständlich ist es eine westliche Illusion zu glauben, man könne die "universalen Werte" der Aufklärung exportieren und die Welt mit Demokratie, Toleranz und LBTQ- Rechten beglücken. Russlands Homophobie und Ablehnung von LBTQ führen im Rest der (nicht)westlichen Welt eben gerade nicht zu Empörung, sondern zu Verständnis, das in Ablehnung der bisher mehr oder weniger als vorbildhaft verstandenen westlichen Werte mündet. Wenn Familienformen patrilinear- autoritär organisiert sind und die männliche Linie die allein erbschaftsberechtigte ist, macht "transgender" keinen Sinn, sondern muss zwingend als bedrohlich wahrgenommen werden. Dasselbe trifft auf den "Nihilismus" erst ermöglichenden Niedergang der Religionen zu. Mit der nachlassenden Religiosität, auch amerikanischer Klerikalfaschismus hat nichts mehr mit dem Glauben an eine heilige Schrift zu tun, was anhand des Rückgangs der Geburtenzahlen (ergo dem uneingestandenen Vorhandensein von Geburtenkontrolle) in allen westlichen Ländern belegt wird, lassen auch der Zusammenhalt der Gesellschaft (siehe Amok- Läufe etc.) wie das Leistungsethos westlicher Industrietraditionen (Drogenkonsum und Alkohol- Missbrauch als Indikatoren) nach. Und genau dieser Verlust von Gemeinschaftsgefühl, das der neue Nationalismus der Rechten allerorten in Begriffen wie "Heimat", "Familie", "Tradition" oder "Nation" wiederzuerwecken versucht, führt zur nachlassenden Bereitschaft, für die Gemeinschaft zu leiden, zu kämpfen oder gar im Krieg zu sterben. Anders ist das in arabischen Staaten, aber auch nicht in Russland, wo Putin dieselben rechten Symboliken nutzt, aber unfähig ist, sein Land wirklich für den Krieg zu mobilisieren. Daraus leitet Todd ab, dass weder "Europa" noch andere Länder von Russland wirklich etwas zu fürchten haben, da das Land aufgrund seiner schwachen Geburtenrate auf längere Sicht mit sich selbst beschäftigt sein wird. Das ist überzeugend herausgearbeitet.
Bleibt als Gefahr der sich aus alledem nährende Nihilismus, der zu irrationalen Handlungen aufgrund falscher Weltsicht führen kann. Todd kann belegen, was als solches nicht neu ist, sich aber gut in seine Argumentation einfügt, dass die USA weder ihr symbiotisches Verhältnis zu China aufkündigen noch den Übergang zu einer multipolaren Welt verhindern können, ohne Selbstmord zu begehen. Da ihr wirtschaftlicher Niedergang durch keine Neubelebung von Industrie aufzuhalten ist, bleibt der Dollar, der allerdings als Weltwährung zunehmend in Frage gestellt wird. Ohne die Dollar- Hegemonie brechen die anderen Machtpfeiler (Staatseinnahmen) weg- schließlich kostet das überdimensionierte Militär einen Haufen Geld. Innerhalb der EU wird dieses Schicksal, nach Todd, nur Deutschland erspart bleiben, da es - auch wenn es gerade anders aussieht - auf Familienstrukturen basiert, die so affin zum Protestantismus sind, dass Reste der alten Ethik immer wieder zum Tragen kommen können. Das überzeugt mich nur bedingt, aber wir werden es ja sehen. Auf jeden Fall ist richtig, dass die EU aufs falsche Pferd setzt, wenn sie weiterhin ihr Heil im Anschluss an die sterbende Großmacht USA sucht. Spannend die Ansicht von Todd, "Analyse" würde ich das nicht nennen, eher eine starke Meinung, dass Deutschland im Ukraine- Krieg auch deswegen so zögerlich agiert, weil es nach dem Krieg aussichtsreich erscheint erneut eine Allianz mit Russland einzugehen, da die USA zu schwach sein werden, das noch einmal zu verhindern. Ein eurasischer Wirtschaftsraum wäre freilich ein Raum mit Zukunft und Todd traut den rationalen Deutschen zu, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Ok, das ist eine Meinung, an der ich meine Zweifel habe, weil - bei aller Notwendigkeit, Russland wieder in ein europäisches Sicherheits- und also wohl auch Wirtschaftssystem einzubinden - die moralische Diskreditierung dieses Landes nachwirken wird. Mag aber sein, dass Putins Tod daran etwas ändert- und der lebt ja nicht ewig. Leider geht Todd in diesem Zusammenhang nicht mehr auf Russland ein, ein Land, von dem er wohl doch viel weniger versteht als von den westlichen Staaten und hier besonders von Deutschland und den USA. Auch ein Regierungs- und Machtwechsel ermöglicht in Russland nicht automatisch eine neue Offenheit gegenüber der EU und Deutschland und bei allen wirtschaftlichen Zwängen ist doch die ideologische Komponente nicht zu übersehen. Einen Hinweis darauf gibt Todd selbst, indem er - wie schon gesagt - auch Russland einen dem westlichen vergleichbaren Nihilismus attestiert, der also in gleicher Weise wie im Westen zu unberechenbaren und die Lage verkennenden Fehlschlüssen führen kann.
Das alles mag hier nur kurz angerissen sein. Am Schluss bleibt, obwohl sich das Gesamtbild der Argumentation etwas abrundet, doch der Eindruck, dass viele Anregungen bedenkenswert und gelegentlich auch überzeugend ausgeführt werden, das Ganze aber nicht aus einem Guss ist. Hier muss und sollte weitergedacht werden. Immerhin ist die anfangs nicht vollkommen überzeugende anthropologische Herangehensweisen so spannend, dass ich mich mit Todds diesbezüglichen An- und Einsichten weiter beschäftigen werde. Die beiden Karten, in denen sich die räumliche Verteilung der Familientypen mit der räumlichen Verteilung der Ablehnung von LBTQ und auch ansonsten der von diktatorischen oder "gelenkt- demokratischen" Regimes deckt, sind jedenfalls frappierend. Seit Max Weber ist ja völlig klar, dass mentale Dispositionen politisch werden können und vor allem wirtschaftshistorisch evident wichtig sind. Dem ist weiter nachzugehen und wen das wie mich interessiert, dem sei auch das hier besprochene Buch ans Herz gelegt. Davon ab wird es diejenigen befriedigt zurücklassen, die den USA und der Ukraine eine Mitschuld am Krieg attestieren wollen (sie finden durchaus auch neue Sichtweisen, die das bestätigen), und diejenigen enttäuschen, die der gegenteiligen Meinung sind. Freunde der USA kommen jedenfalls nicht auf ihre Kosten, da sie viel zu verdauen hätten, was ihr Weltbild gerade nicht stützt. Und da Argumente leider unfähig sind, Weltbilder maßgeblich zu beeinflussen, wird auch dieses Buch nicht alle erreichen und kaum Ansichten umstoßen. Wer allerdings noch nicht über eine festgefügte Weltsicht verfügt, für den hält "Der Westen im Niedergang" viele Anregungen bereit, ein wenig besorgter und auf jeden Fall ohne Gottvertrauen in die Zukunft zu schauen. Das eben pflegt Realismus den Menschen anzutun. Es liegt aber nicht am Autor, es liegt an der Welt, wie sie nun einmal ist.