Aufwühlende, gefühlvolle, tiefgründige und sinnliche achillean Friends to Lovers Entwicklungsgeschichte mit einer der besten Bi-Repräsentationen, die ich je gelesen habe!
Um die Bücher von L. Mattis bin ich schon länger herumgeschlichen. Sein Marketing ist sehr gut und die Empfehlungsrate bei den Büchern des Autors ist extrem hoch, aber die Themen, die er aufgreift, erschienen mir gleichzeitig auch sehr provokant. Als Too Late to Love erschien, habe ich ihm unter einem seiner Postings geschrieben: Mich interessiert, was aus der Frau auf dem Cover wird. Und es hat mich wirklich interessiert, denn ich habe schon jede Menge sogenannte Gay Romances gelesen, wo einer der Partner mit einer Frau liiert ist, weil er sich entweder für Hetero hält, zum Coming Out nicht mutig genug ist, oder tatsächlich Hetero ist und nur auf den richtigen Kerl wartet, um das unerträgliche Trope "only gay for you" zu bedienen. Die Frau im Winkel ist sehr häufig unsympathisch, unerträglich zickig und nervtötend, oft ist die Trennung sogar ihre Schuld. Ein zum Objekt degradiertes Hindernis für zwei Männer auf dem Weg in den Sonnenuntergang, kein Mensch mit Gefühlen, Ängsten und dem Bedürfnis nach Wahrheit. Ich ging also mit einer Menge Vorurteile ein Jahr später ans Werk, um zu ergründen, wie es Jeanette - so ihr Name - hier in diesem Buch ergeht.
Jetzt weiß ich es :)
Kian ist Student, offen schwul und vertreibt sich die Abende gerne in den Diskos - oder in den Betten von Männern, deren Nummern er am nächsten Morgen löscht. Noah ist verlobt mit Jeanette und liebt das Radfahren in der Natur. Auch wenn Kian und Noah sehr unterschiedlich sind, sind sie seit vielen, vielen Jahren miteinander befreundet. Als Kian Noah bei der Verlobungsparty innerhalb eines Spiels ein falsches Liebesgeständnis machen muss, bringt er damit Dynamiken ins Rollen, die er schon bald nicht mehr selbst in Kontrolle hat.
Das Buch ist eine achillian Romance, allerdings erst in zweiter Linie. In erster Linie ist es auch ein Buch über eine Freundschaft. Die beiden Männer haben eine intensive Verbindung zueinander, eine Verbindung, die so echt und tief wirkt, dass Lesende jederzeit das Risiko wahrnehmen: Wenn das mit dem Lovers schiefgeht, dann kann das mit dem Friends vorbei sein. Und das fühlt sich wie ein echter Verlust an!
Die Freundschaft zwischen Noah und Kian wird ergänzt von der Freundschaft von Eric, und diese dreier Freundschaft beinhaltet einiges, über das ich nachdenken musste.
Eric ist heterosexuell, verheiratet mit Jasmin und wird bald Vater. Kian wie oben geschrieben lebt ein gänzlich anderes Leben. Beide, Eric und Kian, folgen im Grunde genommen das Klitsche zweier Männer, wie es uns in Büchern, Serien und Filmen seit Jahren vorgelebt wird und was die Gesellschaft im Grunde von Männern erwartet. Eric, heterosexuell, verheiratet, wird jung Vater. Kian, schwul, treibt sich durch die schwulen Diskos und die Betten von Männer, ohne was Festes zu suchen. Wir müssen diesen Rollenvorbildern nicht folgen, aber häufig tun wir es ja dann doch. Natürlich wäre es erstrebenswert, wenn wir in den Medien häufiger auch durch das Brechen dieser Klischees dazu ermutigt würden, nach dem zu streben, was uns wirklich ausmacht - aber soweit sind wir leider noch nicht.
Wer hat im Übrigen noch außer mir Lust, ein Buch von L. Mattis über zwei Kumpels zu lesen, wo der eine mit seinem Ehemann ein Haufen Babys adoptiert und der andere in den Diskos Frauen abschleppt, ohne nach der einen zu suchen? Also ich schon. Und es wäre dem Autor durchaus zuzutrauen, dass er das glaubhaft durchziehen könnte, ohne dass das Brechen von Klitsches selbst zum Klitsche wird.
Zurück zu der Freundschaft zwischen Eric und Kian. Und Noah. Kommen wir endlich zu Noah. Meine absolute Lieblingsfigur in diesem Buch. Als Bisexueller hat er kein Rollenvorbild. Weil es wenige Vorbilder gibt. Weil es in seiner Jugend noch weniger Repräsentation gab als in der Jugend von Eric. Die einzige Erwartung, die die Gesellschaft an ihn stellt, ist: Entscheide dich. Und das Entscheiden ist für Bisexuelle gar nicht so einfach - nein, unmöglich. Das hat Vorteile. Mehr Freiheit, mehr Entfaltung. Es kann aber auch Druck erzeugen, kein Gerüst und keine Stütze zu haben. Und genau das fängt der Autor so pointiert ein, dass wir ganz tief in die Lebensrealität von Noah tauchen - ohne dass wir seine Perspektive kennen, denn das Buch wird nur aus der Sicht von Eric erzählt. Noah haucht bei seiner eigenen Verlobungsfeier: Rette mich. Im Schwulenclub klammert er sich hilflos an Kian. Zu queer für die eigene Verlobungsfeier, zu straight für den Schwulenclub, der für den Love Interest wie ein zweites Wohnzimmer ist. Deswegen ist Noah vielleicht auch gerne mit dem Fahrrad in der Natur? Weil er sich nur in dieser, fern der Gesellschaft, wohl genug fühlt?
Ich weiß nicht, ob ich zu viel hineininterpretiere, aber mir hat das Nachdenken über männliche Rollenvorbilder viel Spaß gemacht und ich fand das Gegenüberstellen von Eric und Kian spannend und interessant. Noah, der irgendwie immer ein bisschen dazwischen ist, immer ein bisschen hin- und hergerissen, hat mich tief berührt. Ich halte Noah für eine der besten Bi-Repräsentanzen, die ich je gelesen habe.
Ich bin sehr dankbar, dass Noah von Anfang an bi sein darf, es bleibt und immer bleiben darf. Er liebt Jeanette. Er liebt Kian. Und das Geschlecht der beiden spielt für ihn keinerlei Rolle. Es wird nicht gegeneinander ausgespielt, sondern er liebt einfach zwei Menschen und alleine das ist für ihn Drama genug (verständlicherweise). Sein Umfeld geht damit vollkommen natürlich und unaufgeregt um. Noah ist, was er ist. Und er darf es sein. So wohltuend! Nicht seine Bisexualität ist das Problem. Problem ist nur, dass er zwei Menschen liebt. Dass er seine Verlobte wirklich liebt, macht das ganze noch echter, noch trauriger und dramatischer. Jeanette ist kein zum Objekt degradiertes Hindernis, sondern ein Mensch, der liebenswert ist. Das ist nicht nur respektvoll einer Frauenfigur gegenüber, sondern es macht die Liebe, die Noah Eric gegenüber empfindet noch echter. Er liebt ihn, obwohl er dabei sich selbst und Jeanette wehtut.
Das Cover ist grau gehalten, verschnörkelt mit türkisen Blumen und angedeuteten Pflanzenfasern. Wir sehen im Vordergrund zwei Männer im Anzug. Sie blicken in entgegengesetzte Richtungen, aber ihre Finger berühren sich in ihrer Sanftheit mit einer unglaublichen Intensivität. Im Hintergrund sehen wir eine Braut mit einem ausladenden Kleid. Sie hat den Kopf gesenkt und blickt zum Boden. In türkis und schwarz steht der Titel des Buches: Too Late to Love. In schwarz, in kleinen, aber verschnörkelten Buchstaben: Nur sein Trauzeuge. Der Name des Autors: L. Mattis steht in weiß ganz unten.
Das Cover sagt bereits schon sehr viel aus. Die Köpfe (die Männer zur Seite entgegengesetzt, die Frau nach unten blickend auf den Boden) warnen die Lesenden bereits vor Aufschlagen der ersten Seite: Hier gibt es keine Gewinner! Und auch keine Gewinnerin. Die angedeutete Berührung der Finder jedoch wirkt ein wenig hoffnungsvoller: Vielleicht ja doch?
Neben dem Protagonisten Kian, aus dessen Sicht wir der Handlung folgen, der Hauptperson Noah und der Nebenperson Eric gibt es weitere Figuren, die mich beeindruckt haben. Wir haben zum einen die queere Clique um Kian, mit der er die Diskos unsicher macht, es gibt Gabriel, der zu Jeanettes Gegenstück werden könnte, sowie den jüngeren Bruder von Kian, der die dramatische Geschichte immer wieder auflockert und dessen Auftritte ich unglaublich genossen habe. Es gibt aber auch noch Pinar, die Freundin von Eric, Noah und Kian, die eine unglaublich sympathische Figur ist, und ohne deren Hilfe Kian wohl gar nicht mehr klar kommen würde. Außerdem ist da noch Jeanette. Sie ist eine Nebenfigur, aber eine gut ausgearbeitete Figur und nein: L. Mattis macht es sich nicht so einfach und macht aus ihr eine zickige Frauenfigur, bei der man froh ist, wenn sie von der Bildfläche verschwindet, sondern sie agiert schlüssig, freundlich und ihre Trauer trifft tief ins Herz.
Es gibt einiges an Spice, aber keine der Szene hat mich sonderlich gestört. Ich fand sie sehr gut geschrieben, sehr sinnlich und berührend. Normalerweise überlese ich Spice-Szenen auch mal gerne, zu häufig gelesen, sich ständig wiederholend. Ist hier nicht so. Es untermauert Figurenentwicklung und dient dazu, Beziehungen und Plot zu vertiefen.
Obwohl ich die Spice-Szenen als gelungen empfand, kommen sie jedoch nicht an die anderen Szenen heran. Voller Gefühl, voller Sinnlichkeit, voller Intimität werden zärtliche Momente eingefangen. Schon der eindeutig platonische Moment ganz zu Beginn des Buches, als Kian Noahs Krawatte bei der Verlobungsfeier richtet, ist sehr intensiv geschrieben. Diese Szenen wiederholen sich. Momente der Freundschaft. Momente der Annäherung. Momente der Trennung. Es gelingt L. Mattis so viel Gefühl darin zu platzieren.
Das Buch ist eines meiner Jahreshighlights (wir haben Dezember, da ist es bereits absehbar) und es fällt mir schwer, negative Dinge zu finden. Vielleicht hätte mich die eine oder andere Szene zwischen Jeanette und Kian oder Jeanette und Noah gut als weitere Vertiefung gefallen, vielleicht fand ich den Epilog bisschen ein wenig zu viel und überflüssig, vielleicht fand ich Gabriel zunächst etwas blass und erst zu spät spannend genug, um ihn zu mögen. Aber was soll ich mich jetzt mit irgendwelchen Kleinigkeiten aufhalten, wenn das Buch einfach als Gesamtwerk unglaublich gut ist, die Figuren mir sehr nah am Herzen waren, der Schreibstil zärtlich intensiv war und ich mich durch die Bi-Repräsentanz so unglaublich verstanden und abgeholt gefühlt habe? Ich mochte vor allem auch den Fakt, dass es sich nicht "nur" um eine achillean Romance handelt, sondern auch um ein Buch über eine Freundschaft und über männliche Identifikation und Selbstsuche.
Es ist mein erstes L. Mattis - Buch - mein letztes wird es sicher nicht gewesen sein. Die hohe Empfehlungsrate ist begründet und auch ich möchte in dieses Horn rufen und empfehle euch dieses Buch von Herzen. Heute vor einem Jahr ist das Buch erschienen. Habe ich es bereits vor einer Woche gelesen und habe ich extra mit der Rezension gewartet, um L. Mattis auf diesem Weg alles Gute zum ersten Buch-Geburtstag zu wünschen? Ja, natürlich. Mein Timing ist halt besser als das von Noah und Kian ;)