»So! : ich hätte’s wieder mal überlebt. ... Das Ergebnis? Je nun; ich bin da realistisch ... Besseres, als ich bereits vorgelegt habe, werde ich wohl nicht mehr vermögen.« So Arno Schmidt an seinen Schriftstellerkollegen Hans Wollschläger nach Abschluss der Arbeit am Roman »Kaff auch Mare Crisium«. Überraschend offen äußert sich der einzelgängerische Autor seinen wenigen Freunden gegenüber, spitz und oftmals geradezu maliziös sind seine Formulierungen, wenn er sich etwa an seinen Verleger Ernst Krawehl wendet. Doch welchen Ton er auch anschlägt, immer schon wusste er um sein »großes Talent, Briefe zu schreiben«. Mehr als 150 Briefe Arno Schmidts versammelt dieser Band, die meisten davon bislang unpubliziert. Unter den Empfängern finden sich Mutter und Schwester, Kriegs- und Schulkameraden, Verleger und Autoren. Die Korrespondenz gibt pointiert formulierte Einblicke in den entbehrungsreichen und ungeheuer disziplinierten Alltag und dient dabei immer auch der Selbstvergewisserung als Schriftsteller: Arno Schmidt erzählt in seinen Briefen anschaulich und witzig vom Leben und vom Schreiben.
Arno Schmidt, in full Arno Otto Schmidt, (born January 18, 1914, Hamburg-Hamm, Germany—died June 3, 1979, Celle), novelist, translator, and critic, whose experimental prose established him as the preeminent Modernist of 20th-century German literature.
With roots in both German Romanticism and Expressionism, he attempted to develop modern prose forms that correspond more closely to the workings of the conscious and subconscious mind and to revitalize a literary language that he considered debased by Nazism and war.
The influence of James Joyce and Sigmund Freud are apparent in both a collection of short stories, Kühe in Halbtrauer (1964; Country Matters), and, most especially, in Zettels Traum (1970; Bottom’s Dream)—a three-columned, more than 1,300-page, photo-offset typescript, centring on the mind and works of Poe. It was then that Schmidt developed his theory of “etyms,” the morphemes of language that betray subconscious desires. Two further works on the same grand scale are the “novella-comedy” Die Schule der Atheisten (1972; School for Atheists) and Abend mit Goldrand (1975; Evening Edged in Gold), a dream-scape that has as its focal point Hiëronymus Bosch’s Garden of Earthly Delights and that has come to be regarded as his finest and most mature work.
Schmidt was a man of vast autodidactic learning and Rabelaisian humour. Though complex and sometimes daunting, his works are enriched by inventive language and imbued with a profound commitment to humanity’s intellectual achievements.
Das „Postauto“ versammelt 160 Briefe Arno Schmidts, die er zwischen 1935 und 1979 an verschiedenste Adressaten geschrieben und zum allergrößten Teil auch abgesandt hat, die meisten davon zwischen 1949 – 1960, jenen Jahren also, in denen er sich trotz des anhängigen Prozesses wegen Gotteslästerung und Pornografie, trotz Armut und anderer Fährnisse, als Schriftsteller etablierte. So unterschiedlich Adressaten und Schreibanlässe auch sind, geht es in allen Briefen um den Schriftsteller Schmidt, um Handwerk und Werk, und viele der Briefe sind selbst nichts weniger als literarische Miniaturen. Man darf den Band durchaus als „Best-of“ des schmidtschen Briefwechsels lesen, und wer den Autor vor allem als verbiesterten Misanthropen in Erinnerung hat, wird überrascht sein, wie oft er sich bei der Lektüre vor Lachen biegen muss. Neben dem immensen Unterhaltungswert sind die Briefe auch deshalb unbedingt lesenswert, weil bis zum heutigen Tage eine umfassende Schmidt-Biografie aussteht und wir dem Autor und Menschen Schmidt – trotz seiner fast durchgängigen Selbstinszenierung – nirgendwo direkter als in seinen Briefen begegnen können. Und während es in den frühen Jahren oft und in erstaunlich humorvollen Wendungen darum geht, woher das Geld zum (Über)Leben kommen soll, wird in den späteren das unvorstellbare Arbeitspensum greifbar, das das „Gehirntier“ absolvierte: "Ein solches Leben ist verrückter als der Tod", zitiert Schmidt Gauß. Schon sehr früh war sich Schmidt seiner zukünftigen Bedeutung bewusst ("Man wird später Poe und mich öfter zusammenstellen: nehmen wir getrost den Literaturhistorikern diese Pointe vorweg", schreibt er in einem Brief schon 1948) und war nicht bereit, sich in das „System“ der noch jungen Bundesrepublik einzufügen: "Was Staatsformen anlangt, so meine ich, dass es ziemlich gleichgültig sei, ob ein Haufen Mist rund oder ins Quadrat getreten wurde“. Später wird Schmidt in DAS STEINERNE HERZ die Systeme BRD und DDR vergleichen, und der Befund wird nicht freundlicher ausfallen. Und da wir schon bei diesem, seinem vielleicht „schönsten“ Roman angekommen sind, gleich noch ein Zitat zum Thema der Zensur: „Wollen wir es im „Steinernen Herzen“ nicht doch so halten, wie ich es zuerst schon vorschlug (und wie auch Prof. Bense es seinerzeit proponierte!): die „anstößigen“ Stellen einfach durch grellsten Ausschuß ersetzen; und beim ersten Vorkommen in einer Fußnote erläutern: „da die westliche Freiheit so überwältigend groß ist, sahen sich Verleger & Autor gezwungen, einige Stellen nach des sehr großen Edgar Poe Anweisung in „X-ing a paragraph“ zu behandeln; vielleicht kann in dreißig Jahren die ungekürzte Veröffentlichung des Textes erfolgen“. Das ist meiner Ansicht nach, der für uns beste Weg; und zudem gleichzeitig der für die Bundesregierung blamabelste! Wodurch sofort das seltsamste Licht auf den von mir gewünschten Untertitel („Historischer Roman aus dem Jahre 1954“) fällt!". Ganz zu Recht reagiert Schmidt ausgesprochen empfindlich darauf, dass die SEELANDSCHAFT Gegenstand eines Gerichtsverfahrens wurde: "Solange ich wegen Gotteslästerung verklagt werden kann: solange werde ich "lästern" und verlangen, daß die andere Seite wegen Lästerung des Atheismus vorgeladen wird: ich werde schweigen und mich (aufatmend!) nur noch meiner literarischen Arbeit widmen, wenn beide Parteien soweit sein werden. Wer sich im Besitz der Wahrheit dünkt, hat immer Unrecht; und doppelt Unrecht, wenn er sich zur Staatsreligion erklärt." Pussyfooting ist nicht Schmidts Art – „Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!", aber in anderen Momenten gibt es erstaunliche Konzessionen ("Was das Christentum & meine Einstellung dazu anbelangt möchte ich meinen: die Welt sei groß genug, daß wir Alle darin Unrecht haben können") und Selbsteinschätzungen ("ich wiederhole noch einmal, diesmal allerdings zum letzten Mal, daß man Schriftsteller (zumindest die von meinem, an allen Ecken angezündeten Typus) nie nur nicht persönlich kennen sollte, sondern sie auch stets in einer Distanz von 100 Meilen halten sollte (möglichst Dänische)"). Dann wieder, Schmidt sei gepriesen, unaufgefordert Korrekturhinweise und Verbesserungsvorschläge an Knaur für das einbändige Lexikon: DAS ist unser Schmidt! Hinreißend auch, wie der Antimilitarist ("Ich bin sehr dafür, dass wieder einmal nur noch 10 Menschen - verteilt in Pärchen über den ganzen Globus - übrig bleiben: denn so geht es nicht weiter!! Hier graben sie alte Generäle wieder aus, um uns aufs Neue zu militarisieren: und ihr verseht die Kinder mit den blauen Halstüchern der "jungen Pioniere" wie zur seligen HJ-Zeit - nee, Heinz!") anlässlich des geschätzten Gewichts von 25 Pfund von „Zettels Traum“ scherzt: „…wir haben vor, es mit Trageriemen binden zu lassen, und den größten Teil der Auflage unserer Bundeswehr, für Gepäckmärsche, zu offerieren“ – welche Genugtuung, dass Soldaten künftig unter der Last der Literatur ächzen sollten. Nachfolgend unsortiert noch einige Beispiele für Schmidts Humor, und wer nicht drüber lachen kann, sollte das „Postauto“ weiträumig meiden: "Es ist keine Kleinigkeit, in Norddeutschland zu wohnen: dazu gehören Männer!!(That's me!)." "Es ist nichts Kleines, jahraus jahrein den worst=seller zu liefern!" "Das "Anasphalt" im Text ist eine reine Genialität des Setzers; es muß natürlich "Analspalt" heißen; (gegen dergleichen ist man machtlos, und muß es filosofisch betrachten, a la "ist das Grimm'sche Wörterbuch wieder um 1 reicher!".) „…ich glaube immer, „zwei Jahre Bargfeld & Arbeit an ZT“ würden selbst dem rindsledernsten Heiligen zu denken geben“ Was bietet das „Postauto“ dem Schmidt-Leser und interessierten Novizen sonst noch? Zum Beispiel eine wunderbar zutreffende Rühmkorf-Charakteristik: „Ihr (=Rühmkorfs) Buch ist ausgezeichnet! Ich hatte bei der Lektüre das erste Mal seit Bestehen der Bundesrepublik das ganz=prachtvolle Gefühl des einzelnen Mannes, der, den Rücken nur vom Baum der deutschen Literatur gedeckt, pausenlos ganze Scharen von bekutteten oder uniformierten Lemuren die Nasen einzuschlagen hat – und auf einmal kommt Einer von hinten geschritten, stellt sich daneben, den „Morgenstern“ in der Hand, drischt aufs herrlichst=entlastendste mit zu, und pfeift noch dabei! Wunderbar!“ - - - In der Tat! Man hört, wie Schmidt seine Kalauer rechtfertigt („Auf eine ernste Frage, heißt es, gebühre eine ernste Antwort; (nur ist die uns vorliegende Beste der Welten gleichzeitig so perfid´ & stümperhaft ausgefallen, daß zumindest ich ohne Kalauer nie auskomme (…)“) und warum Schopenhauer zu seinen Idealen zählt („…Deswegen war Schopenhauer immer mein Ideal, weil er, groß wie eine Festung, aber sämtliche ZugBrücken hochgekippt, exist= & produzierte!“); wird Zeuge zäher Verhandlungen mit Verlegern und erfährt so ganz nebenbei einiges zu den Prosatheorien sowie zur Frage, warum er das „Schauerfeld“ gekauft hat und warum es ohne „Schriftstellergattin“ nicht geht.
In seiner Gesamtheit ist der Briefband aber doch sehr, sehr viel mehr als die Summe der aufgeführten Splitter. Auf weniger als 300 Seiten werden die Eigenheiten des Ausnahmeschriftstellers greifbar, bekommt der Leser einen Eindruck vom „Wortmetz“ Schmidt, den die meisten biografischen Skizzen nicht vermitteln können. Vier Jahrzehnte werden abgedeckt, wenn auch nicht alles gleich hell ausgeleuchtet werden kann, und ziemlich alles, was mit dem Namen Schmidt in Verbindung gebracht wird, ist präsent: das Frühwerk, die Begegnungen mit Joyce und Freud und, als Folge daraus, das Spätwerk ab KAFF. Schmidts Nachtprogramme, seine Fouque-Biografie und die zahllosen Übersetzungen und Zeitungsartikel als zusätzliche Brotarbeiten. Schließlich ZETTELS TRAUM und die letzten Typoskripte; auch der das ganze Arbeitsleben währende Kampf gegen Zensur und Eingriffe in seine Texte durch Verleger oder Lektoren. Mich haben vor allem auch die Briefe an Hans Wollschläger interessiert, von denen ein volles Dutzend hier abgedruckt ist, denn die seit 1990 angekündigte Veröffentlichung des Briefwechsels Schmidt / Wollschläger wird wohl noch weiter auf sich warten lassen. Kurzum, das „Postauto“ lädt ein, Schmidt zu entdecken, ihn wieder zu entdecken oder einfach nur einen großartigen Briefschreiber zu bewundern.