Dolores Haze – die Lolita aus Vladimir Nabokovs gleichnamigem Roman – ist vom Mädchen zur Frau geworden. Mit Ende dreißig blickt sie zurück auf ihr beschädigtes Leben und fragt sich, wie sie die geworden ist, die sie heute ist. Lea Ruckpaul erzählt in ihrem Debütroman von einer Überlebenden, die sich freischreibt und die um keinen Preis ein Opfer sein will.
"Bye Bye Lolita" ist der wütende Abgesang auf ein Klischee, welches das Bild von jungen Frauen bis heute prägt – und auf die Machtverhältnisse, die das ermöglichen.
Ein Roman über das größte Missverständnis der Literaturgeschichte.
Vorweg, den Klassiker „Lolita“ auf den sich die Autorin hier bezieht habe ich nie gelesen und überlege mir auch sehr genau, ob ich dies noch tun möchte. Tendenz eher nö.
Denn auch ohne das ominöse Vorwissen konnte ich der Erzählung folgen und mich voll und ganz auf die Perspektive von Dolores Haze, der Protagonistin, einlassen.
Derb, hart und ungeschönt. Die Geschichte eines „Opfers“ welches dies nicht sein möchte, die Begrifflichkeit nicht annehmen möchte und die Verantwortung für die Taten klar beim Täter belässt und dennoch die Schuldgefühle und entstandenen Traumata bei sei verortet und auf eigene Weise verarbeitet.
Eigentlich 2,5 Sterne. Im ersten Teil wird der Erzählstrang aus Nabokovs Lolita nacherzählt. Und ich fand diesen Teil hart zu lesen, weil es in aller Brutalität beschrieben wird. Nabokov lässt ja den Täter erzählen, entlarvt ihn aber . Der Leser bekommt auch dort sehr wohl vermittelt, daß es sich schlichtweg um Kindsentführung und Vergewaltigung und auch psychischen Mißbrauch handelt. Ich konnte nicht verstehen, wie man darin eine Liebesgeschichte lesen könnte. Lea Ruckpaul ist viel drastischer und härter. Ich fand es deswegen noch schlimmer zu lesen. Die weitere Entwicklung konnte ich nicht so nachfühlen, der Teil kam mir zu kurz vor . Und ich finde Lolitas weiteres Leben in Nabokovs Lolita stimmig. Wenn auch furchtbar traurig. Natürlich war es genau der Wunsch der Autorin eine alternative zu zeigen. Aber ich konnte nicht mitgehen. Im Ganzen: interessantes Projekt und fesselnd umgesetzt.
Manchmal knirscht es sprachlich zwischen authentisch Ruckpaul-Lolita, manchmal spült die feministische Theorie Lolita Worte zu, die nicht ganz passen. Trotzdem ist man im Sog dieser Abrechnung, die nichts beschönigt und wahrscheinlich auch fantastisch als Bühnenmonolog funktionieren würde.
Vladimir Nabokovs Roman "Lolita" gehört zu den wichtigsten Werken des 20. Jahrhunderts. Aber auch zu den umstrittensten. Denn die Geschichte des Pädophilen Humbert Humbert wie er ein 12-jähriges Mädchen entführt, manipuliert und missbraucht, ist höchst fragwürdig. Vor allem deshalb, weil er gänzlich aus der Sicht des Mannes erzählt wird, der Lolita (Wie er sie nennt) durch seine Art des Beschreibens zur Verführerin und ihn zum Verführten macht und so die gesamte Schuld von sich weist, ohne dass dies in irgendeiner Weise im Werk reflektiert oder aufgearbeitet wird. Doch wie sieht die Geschichte aus der Sicht des Mädchens aus?
Genau dieser Frage hat Lea Ruckpaul diesen Roman gewidmet. Er ist aufwühlend, intensiv und auf so viele Arten widerlich und hart zu lesen.
Lolita hat nie existiert. Zumindest nicht in Wirklichkeit. Sie ist nur ein Geschöpf in Humbert Humberts Kopf. Das Mädchen heißt in Wirklichkeit Dolores und ist ein ganz normales 12-jähriges Mädchen mit allen Problemen, die dazu gehören. Zumindest bis plötzlich Humbert Humbert auftaucht, sich in ihrem Leben breit macht und es letztendlich für immer ruiniert. Heute ist Dolores Ende Dreißig und beginnt, auf ihr Leben zurückzublicken. Wie und warum ist sie die geworden, die sie heute ist? Sie beginnt, sich freizuschreiben und das Geschehene aus ihrer Perspektive zu erzählen. Ihr ist klar: Sie möchte kein Opfer mehr sein, sie möchte dieses widerliche Monster, das ihr Leben zerstört hat, für immer los werden.
"Bye Bye Lolita" ist wohl das direkteste und härteste Buch, das ich je gelesen habe. Denn der monatelange Missbrauch durch ihren Entführer wird unbeschönigt und roh dargestellt. Dadurch dass man über die gesamte Handlung die Gedanken Dolores' liest, wird die Widerlichkeit all dem ihr zugefügten mehr als deutlich. Im Original aus Humbert Humberts Sicht ist die Sprache so ausgeschmückt und peotisch, dass die Handlung auf grausame Art in den Hintergrund rückt.
Und trotzdem ist dieser Roman ein wichtiger, der sich zu lesen lohnt. Denn ungewollt hat Vladimir Nabokov mit seinem Roman ein Missverständnis kreiert, dass auch noch heute relevant ist. Noch heute wird manchmal der Begriff "Lolita" verwendet, um eine verführerische, feminine Frau zu beschreiben. Zusätzlich haben Film und Verlage in ihren Veröffentlichungen das Mädchen auf dem Cover oder im Film stets als verführerisch dargestellt. Durch all das war eine Neuerzählung dringend notwendig. Es muss gefragt werden, wie so etwas überhaupt geschehen kann und welche Machtverhältnisse dies ermöglichen. Es muss gefragt werden, was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass ein Werk, das Nabokov als ein Psychogramm eines Pädophilen, der alles tut, um das Mädchen als Verführerin und ihn selbst als Unschuldigen darzustellen, vorgesehen hat, zu einem Werk umgedeutet wird, in dem Lolita tatsächlich die Täterin und nicht das Opfer sein soll.
Deshalb ist dieser Roman notwendig aber hart und sollte definitiv mehr Aufmerksamkeit bekommen. Deshalb: Falls ihr Lolita gelesen habt, müsst ihr diesen Roman auf jeden Fall auch lesen! Trotzdem ist eine Triggerwarnung mehr als angebracht.
Bye bye Lolita ist ein Buch, das die unglaublich harte Geschichte einer Frau erzählt, die sich freischreibt und -lebt von der wiederholten und brutalen Vergewaltigung ihres 12-Jährigen Ichs durch einen 35 Jährigen.
Das Buch besteht zwar aus fünf Teilen, aber die ersten drei erzählen eigentlich "Lolita" von Nabukov aus der Perspektive von Dolores (Humberts Lolita) nach. Diese Nacherzählung ist so wichtig, weil es die Geschichte so erzählt, wie sie für das Mädchen gewesen sein muss und nicht durch den Schleier der Prosa eines mittelalten weißen Mannes, der sein pädophiles Verhalten damit rechtfertigt, dass eine "mächtige" Zwölfjährige ihn willenlos macht. Eine Nacherzählung, die erklärt warum Dolores schon mit zwölf wusste welches Verhalten Männer von Frauen (sic) erwarten ohne jedoch zu wissen warum. Eine Nacherzählung, die verdeutlicht, wie früh Mädchen darauf trainiert werden zu erkennen, was andere wollen und es ihnen zu geben, ohne auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten.
Auch wenn Teil 1-3 wichtig waren, sind Teil 4 und 5 die eigentliche Stärke des Buchs. In diesen verarbeitet die erwachsene Dolores ihr Trauma und zwar auf eine gesellschaftlich nicht anerkannte Art und Weise. Sie holt sich keine Hilfe, sie sucht keinen Halt. Sie zerstört sich und kümmert sich nicht mehr um die Gesellschaft. Denn obwohl sie inneren Zwängen und Erlernten folgt, anderen gefallen will, ist die Perspektive in diesen Teilen doch eine andere. Die einer Frau, die sich selbst findet.
Sprachlich ist es nicht vergleichbar mit dem nabokovschen „original“ aber vielleicht geht es gerader darum. Keine Spielchen, kein herumtricksen und reinreden in Mitleid mit einer Person die einem Kind derartiges antut. Einfach die Wahrheit, ohne Beschönigungen ohne Rücksichtnahme. Nach dem durch-romantisieren ihrer „Beziehung“ von Humbert Humbert bietet dieses Buch eine unfassbar wichtige Sicht auf diese Geschichte. Unabhängig von all dem, was er dazu erfunden und ihr angedichtet hat. Natürlich weiß man, wenn man Lolita ließt, was passiert. Aber nicht nur das Abhängigkeitsverhältnis indem Lo zu Humbert steht wird einem in Bye Bye Lolita noch einmal schmerzlicher Bewusst. Sondern beschreibt genau ihre Beweggründe, ihre Ängste und Verzweiflung, die in Lolita aufgrund der anderen Perspektive nie wirklich relevant waren. Auch legt es einen höheren Fokus auf ihre Mutter, die sich stets bemühte männliche Aufmerksamkeit zu gewinnen, sich an die Erwartungen der Gesellschaft anpasste und ebenfalls Opfer dieser unerfüllbaren Erwartungen und männlich geprägten Welt wurde. Und somit stürzt sich das Buch auf vieles, was junge Frauen und teilweise Mädchen schon viel zu früh lernen: boys will be boys und wenn du ihnen Gefallen willst, dann sei genau so wie er es sich vorstellt ohne es zu hinterfragen, weil was gibt es wichtigeres. Nur, dass das in ihrem Fall einfach ein enormer Kraft Aufwand ist diese Traumata zu überwinden. Vielleicht nicht mal zu überwinden sonder zu lernen trotzdem zu leben und vor allem leben zu wollen. Um zu realisieren, dass wenn man in patriarchalen Strukturen gezwungener maßen leben will kämpfen muss.
unerträglich schmerzhaft und geradezu widerlich zu lesen - v.a. dort, wo die direkten Nabokov-Zitate aus Humbert Humberts Tagebuch eingearbeitet sind.
Auch wenn Humbert Humbert schon im Original entlarvt wird, stellt diese wütende Überschreibung aus Dolores’/Lolitas Perspektive eine notwendige Ergänzung dar, die für sich stehen kann! Dass manchmal die Theorie zu sehr durchkommt und kleine sprachliche Schnitzer stören dabei kaum.
Bye bye Lolita - hallo Dolores. Lea Ruckpaul hat es beeindruckend gut geschafft, Dolores Haze ein Gesicht abseits von Humbert Humberts Perversionen und Realitätsverzerrungen zu geben. Dolores hat eine eigene Stimme, Gedanken, Empfindungen, erzählt die Geschichte aus IHRER Perspektive und was IHR angetan wurde. Ohne den Euphemismen und um den Brei herumerzählenden Metaphern. Missbrauch in seiner klaren und schmerzlichen Form. Er zeigt seine Spuren und hinterlässt eine Dolores, die mehr Hülle ist als Seele.
Sprachlich kommt das Buch natürlich nicht an Nabokovs Lolita ran, aber das tut mMn nicht viel zur Sache; es verdeutlicht vielmehr den schmerzlich hohen Altersunterschied und die unterschiedlichen Werdegänge von Dolores und Humbert Humbert.
Jeder der „Lolita“ liest, sollte „Bye bye Lolita“ direkt im Anschluss lesen, um sich Humbert Humberts Erzählungen nicht ungefiltert hinzugeben. Um dem Opfer ein lauschendes Ohr zu schenken, statt den Täter zu viel Raum einnehmen zu lassen.
Unangenehm und aufwühlend im besten Sinne. Gerade das letzte Drittel, in dem das Überleben danach geschildert und nochmal eine ganz eigene poetische Sprache gefunden wurde, hat mich umgehauen. Besonders gut gefallen hat mir, wie plastisch und mit wie viel Einfühlungsvermögen Dolores‘ Beweggründe für ihr Verhalten nachskizziert und Machtstrukturen offengelegt werden.
"Dann sitze ich da und schaue hinaus aufs Meer, dorthin wo die Erde sich krümmt. Ich bin porös, durch mich pfeift der Wind und da ist kein Unterschied zwischen dem Sand, dem Handtuch und meinem Fleisch. Ich bin zu allem fähig. Auch zum Glück."
I love the way this incorporates quotes from the novel and really points out the cruelty and horror. The entire premise makes very little sense since Humbert only wrote 'Lolita' in prison but let's overlook that for the sake of the experiment. The writing never sounds like a child which can be forgiven, I suppose, since it's written from the POV of an older Dolores. The change to the plot that lets her survive is fairly ludicrous and seems geared towards trying to sanitize the latter part of the novel but this one at least doesn't fall into the trap of trying to make Dolly not like other girls. She's not a future rocket scientist and that's fine because she doesn't need to be special or gifted for her abuse to be horrible and unfair. What it does fall into is occasionally making her monologue clumsily inserted feminist theory that is both alienating in its overwhelming heterosexuality and reductive in positing CSA as a Men Against Women issue as if boys are never victims and women never perpetrators. This becomes especially grating in the second half set after the events of Lolita which invents male OCs for her to have self destructive sex with and presents us a nuanced character trying to cope who nevertheless has very little to do with the Dolores we know and also does not recognisably live in the 1970s in either vocabulary or cultural sentiments. I would have genuinely been interested in Dolores grappling with the issues of the 70s around CSA but alas. No such nuance. It doesn't help that the already well-known "My Dark Vanessa" does everything this book attempts in its second half much more gracefully and well written and without the challenge of living up to Nabokov (which is nigh impossible anyway). I also intensely dislike the mixing of the novel with pieces of the film adaptations as if those deserve any acknowledgement or validity.
This is all "jammern auf hohem Niveau" to be clear, this is by far one of the best out of the 10 or so Dolores POV books out there and I do hope it gets translated and made more widely available so it can replace the crime against humanity that is "Los Diary" in the popular consciousness. But at times it reads more like an entirely unrelated manifesto or uncomfortably personal projection that veers pretty far from anything to do with the original or actively contradicts it (and not in the exposing Humbert for his unreliability way).
Nachdem ich Nabokovs „Lolita“ gelesen habe, habe ich gleich zu Anschluss dieses Buch gelesen. Dolores Haze hat endlich eine Stimme und wird nicht mehr durch den pervers-kranken Blick Humbert Humberts gesehen. Die Erzählung ist schonungslos, roh und ehrlich; im Gegensatz zu H.Hs seitenlangen blumigen Metaphern und Umschreibungen, welche zweifellos literarisch schön waren, aber eben auch nur Schall und Rauch um sich vor anderen aber vorallem sich selbst zu rechtfertigen (und zu Manipulationszwecken). Dolores aber muss mit der endlosen Wut, Trauer und dem Verarbeiten von Grausamkeit und Ohnmacht fertig werden. Ich fand es ein gelungenes Buch und die Entwicklung von Dolores nachvollziehbar und viele Missbrauchsopfer werden sehen sich in ihr wiedersehen.