Inlineskates an den Füßen, Würgemale am Hals, Kopfhörer in den Ohren. Am Ufer der Ihme in Hannover liegt die Leiche eines jungen Mannes. Ein Fall für die genauso brillante wie schroffe Rita Aitzinger und ihren Kollegen Ilia Schuster von der Mordkommission. Zwischen Oper, Bahnhofskneipe und Burgerladen geraten sie immer tiefer in ein Dickicht aus Verweisen: Popsongs, Datingapp-Profile, mysteriöse Tattoos – sie sind der Schlüssel zur Lösung des Falls, davon ist Rita überzeugt. Oder ist sie in die Schlinge eines Psychokillers geraten? War Sebastian Tamm gar nicht das erste Opfer? Und was hat der schüchterne Streifenpolizist Gerd Lampe damit zu tun?
Die Frau mit den vier Armen erzählt von traurigen Jungs, die das Glück suchen und den Tod finden. Abgründig, voller schräger Figuren und mit Witz zeigt Nolte ein Hannover, das es so noch nie gegeben hat, und erfindet den Niedersachsen Noir. Es geht um Polizeiarbeit, Gerechtigkeit und die Frage, ob man sich am Denken anderer schuldig machen kann.
Jakob Nolte hat Creative Writing in Hildesheim und Berlin studiert. Vor diesem Hintergrund wirken seine Bücher wie der höchst subversive Versuch, oberflächlich den gängigen Kriterien von Literatur zu entsprechen und diese gleichzeitig so weit wie möglich zu unterlaufen; als hätte man ihm eine Schreibaufgabe gestellt, die er so schlecht wie möglich habe lösen wollen, ohne dass man ihn dafür hätte durchfallen lassen können. Für seine beiden letzten Romane hieße diese Aufgabe soviel wie: schreibe einen zeitgenössischen Roman über junge Menschen. Oberflächlich hatten sie alles, was zeitgenössische Literatur eben so hat: junge Menschen aus der Großstadt, ihre Liebesgeschichten, Sinnsuche, Generationenkonflikte, Drogeneskapaden, Weltschmerz, das alles in einem eher lakonischen Stil; irgendwie typisch Popliteratur.
Nolte schreibt im Grunde so, wie ein Alien schreiben würde (oder eine KI). Als wäre Literatur ein reines Oberflächenphänomen, die spiegelnde Beschreibung von Vorgängen, bei denen man halt dabei, aber nicht involviert war, weil man die strukturierenden Zusammenhänge nicht (mehr) versteht, so es sie denn je gab; letztendlich wohl ein Zeichen radikaler Entfremdung. Das interessante daran ist, dass diese Sichtweise Sachverhalte qualitativ nicht unterscheiden kann, ein ranziges WG-Zimmer oder ein Ausflug nach Belgrad gleichwertig neben zerfleischenden Werwölfen oder spontanen Verwandlungen von Menschen in Tiere gestellt wird; ein Gespräch über Hamburger hat soviel Gewicht wie die Mitteilung vom Tod des Sohnes. Alles ist Collage, kann nebeneinander montiert werden. Der Effekt dieses Prinzips ist ein nahezu unheimliches Misstrauen beim Leser gegen die Literatur; alles wirkt letztendlich banal.
Das es vielleicht doch einen “Inhalt”, einen tieferen Sinn oder strukturierendes Prinzip geben könnte, macht - neben dem satirischen Effekt natürlich - den Genuss an Noltes Romanen aus, vor allem in seinem letzten “kurzen Buch über Tobias”, meiner Ansicht nach (s)ein Meisterwerk. Bei “Die Frau mit den vier Armen” haben wir viel von ersterem, und für meinen Geschmack leider ein bisschen zu wenig von zweitem. Die Figuren sind typisch Nolte, eher schlecht drauf und mit neurotischen Zügen ausgestattet, dabei verunsichert und liebesbedürftig. Erzählt wird eine Mordserie an zwei (oder mehr) jungen, vereinsamten Männern. Das Genre bietet im Grunde nur den Aufhänger, die Gesellschaft aus dem Abseits zu betrachten und sich dabei plötzlich wieder mitten in ihr wiederzufinden. Das ist häufig sehr witzig, aber wer Nolte kennt, wird auch bei diesem (Anti-)Krimi nicht wirklich auf die große Auflösung hoffen; es deutet sich zwar (wie schon beim Vorgänger) durch Leitmotivik ein zweites Netz aus Zusammenhängen an, ich habe aber nicht weiter danach geforscht.
Am Ufer der Ihme, mitten in Hannovers Studentenviertel Linden, findet die Kriminalkomissarin Rita eine Leiche: ein junger Mann mit Kopfhörern auf den Ohren und Inlinern an den Füßen. Schnell wird klar: Er wurde ermordet. Und nicht nur er, zwei weitere junge Männer wurden auf ähnliche Weise umgebracht. Die Polizeidirektion ruft ein Taskforce ins Leben, angeführt von Rita…
Was zunächst als klassischer Krimi anmutet, entpuppt sich als etwas ganz anderes. Jakob Nolte spielt mit den literarischen Genres, indem er Konventionen bricht. Im Gewand eines Krimis serviert er eine zeitgenössische Gesellschaftssatire. Er überzeichnet die Unfähigkeit des modernen Menschen Beziehungen zu führen, zu kommunizieren und gemeinsam zu wirken. Dies zeigt er in urkomischen Dialogen, schrägen Figuren und durch moderne Phänomene wie Dating-Apps. Sprachlich ist das ganz großes Kino! Über weite Strecken habe ich als Hannoveraner das Buch allein schon für die genialen Hannover-Referenzen geliebt. Am Ende klappe ich das Buch jetzt zu und frage mich trotzdem, was sollte das? So ganz greifen kann ich es nicht. Fakt ist: Der Kriminallfall kann nur Mittel zum Zweck gewesen sein. Dafür ist er und seine Plotentwicklungen zu schlecht gewesen. Dafür nimmt er die Polizei und auch das Krimi-Genre zu sehr aufs Korn. Nolte schreibt aber interessant, weil innovativ, fresh und grenzgängerisch. Werde sicherlich nochmal was von ihm lesen.
Ich habe das Buch in einem Zug und mit großer Begeisterung gelesen. Man merkt deutlich, dass Jakob Nolte großartige Stücke fürs Theater geschrieben hat. Die Dialoge sind atemberaubend präzise, witzig und klug. Kostprobe:
»Sebastian Tamm wurde gestern Morgen ermordet im Ihmepark aufgefunden«, sagte Ilia. »Das ist wirklich ungerecht«, sagte Patricia. »Was?«, fragte Rita. »Er hatte es nicht verdient zu sterben.« »Wer hat es Ihrer Meinung nach verdient?« »Niemand. Wahrscheinlich.« »Also ist der Tod ungerecht?« »Nein. Das nicht.« »Welcher Tod ist gerecht?« »Tyrannenmord?« »Und die Todesstrafe?« »Selten.« »Dass Mussolini erschossen und kopfüber am Dach einer Tankstelle aufgehängt wurde?« »Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen.« »Aber dieser Tod, der von Sebastian Tamm?« »Ein so junger Typ? Das ist doch schrecklich.« »Mit wie vielen Jahren wäre es denn okay gewesen, ihn zu ermorden?« »Meinetwegen, ich nehme es zurück.« »Sie fanden es also gerecht, dass er tot ist?« Der Roman enthält viele originelle Ideen und Details, die nicht immer mit der Aufklärung des „Falls“ zu tun haben, aber die Spannung keineswegs behindern, sondern eher fördern und steigern. Vieles ist zeitkritisch, satirisch, manches fast poetisch, einzelne Szenen einfach abwegig im guten Sinne des Wortes. Dabei handelt es sich gleichwohl um einen soliden Krimi, mit einem starken und kontrastreichen Ermittlerteam, das sich selten einig ist und teilweise über geradezu absurde Theorien der Wahrheit immer näher kommen. Der Roman hat einen starken lokalen Bezug. Man muss sich in Hannover nicht auskennen, um sich alle Straßen, Restaurants. WGs und Burger-Buden vorstellen zu können. Wer die „Vier Arme“ gelesen hat, kennt sich in Hannover gut aus, selbst wenn er nie dagewesen ist.
hab ich eigentlich fast in einem durchgelesen ich liebe es wenn mir sowas passiert das buch war auf jedenfall oft ein bisschen ulkig das hat mir gefallen es war aber auch berührend und jänner mässig trist ich hab das buch gebraucht gekauft und ds waren komische notizen von der vorbesitzer in drinnen gibt nichts besseres für much als das🤤 ich les so gut wie nie krimis also wars auch eine ungewohnte erfahrung aber das buch wäre als film für mich wahrscheinlich eher ein Dramedy und das ist mein liebling genre also tip top unterhaltsam das buch
Nolte hat den Hannover Tatort geschrieben der in der Serie Twin Peaks im Fernsehen laufen würde. Genau so geht das mit dem Genre - und dabei war ich erst einmal in Hannover, in einer total verdreckten Wohnung, in der ich am Boden zwischen Zigarettenstummeln schlafen musste und im Punk Club Stumpf in dem ich sehr zähes Seitan Gulasch gegessen habe und beinahe am Trockennebel verreck wäre. Also eigentlich alles wie bei Nolte. Nur ohne Tote.
Von dem Roman hatte ich angesichts der Begeisterungsstürme vieler Rezensent*innen mehr erwartet. Am Ende bin ich unsicher, was ich von Jakob Noltes Buch halten soll.
Einige Dialoge und Beschreibungen fand ich extrem witzig. Gerade als Ortskundige fühlte ich mich bei manchen schon fast nerdig speziellen Hannover-Momenten extrem abgeholt und gut unterhalten. Sei es der "Happy Döner" am Schwarzen Bären und dem Treffen in der Bar "Bei Elena" (gibt es beides wirklich). Oder dem bizarren Exkurs zum Opernhaus, das bei Nolte kurzerhand in das Glasgebäude der Nord LB verlegt wird (Tatort-Fans erinnern sich vielleicht: das ist der Ort, in dem Maria Furtwängler aka Charlotte Lindholm früher ihr LKA-Büro hatte).
Aber an anderen Stellen hat sich mir der Sinn der Texte und Anspielungen einfach nicht erschlossen. Dann fand ich das Buch einfach nur langweilig und war froh, dass es zumindest schnell vorbei war.
Dieses Buch soll wohl eine subversive Satire sein, bewegt sich auf der Skala aber nur zwischen belanglos, dumm und ärgerlich. Das Beste, was mir dazu einfällt, ist, dass es wenigstens nicht besonders lang war.
Also wie ein Pelzmantel mit vier Ärmeln, (vermeintlich) rosa Handschuhe, eine hydraulische Industriekabelschere und depressive junge Männer einen genialen Krimi ergeben weiß ich zwar noch immer nicht aber hat aufjedenfall funktioniert. Meine Logik und Auffassung von Zusammenhängen wurde hier definitiv gechallenged, hab dann irgendwann aufgegeben und mich auf die Schrägheit dieses Romans eingelassen und bin sehr froh drum! Tolles Buch ^^
Mhh idk, war glaub mein erster Krimi und ich hatte iwie echt Lust auf Spannung & ich war schon auch gespannt wie es endet aber iwie hat es mich nicht so abgeholt und nicht viel mit mir gemacht, schade Fand auch iwie das die Frauen in dem Buch als “crazy” dargestellt wurden, was mich nervt wenn es von einem Mann geschrieben ist Und so richtig gecheckt habe ich das Ende des Falls irgendwie auch nicht haha, najaa
Es ist weird, superwitzig, wechselt gut zwischen Albernheiten und Belanglosigkeiten und deutlich tiefer gehenden Themen hin und her, vermittelt einen Eindruck von einem präsenten Lebensgefühl, arbeitet sehr gut mit seinem Setting und ist darüber hinaus auch noch ein spannend erzählter Krimi.
Mein erster Krimi!!! (Außer den drei ??? natürlich) Der war echt cool! Interessante Schreibweise und ich mochte die Kommissarin. Würde gerne noch eins lesen.
Die Hauptfigur ist mal etwas anderes, der Fall und der Schauplatz auch: Hannover. Also eher kein typischer Lokalkrimi mit Meer oder Bergen. Wenn man sich aber in Hannover auskennt, ist es doch sehr schön, mal etwas aus Hannover zu lesen. Die Dialoge sind teilweise skurril, ebenso die Gedankengänge, aber auch das macht den Charme aus. Man muss sich allerdings darauf einlassen.
Richtig toll! Habe es wahnsinnig gerne gelesen und hätte gerne noch mehr davon. Wie ein richtig, richtig guter Tatort ;) Konzeptuell sehr clever (Niedersachsen Noir haha) und richtig gut im Ton! Sehr witzig! Genialer und doch recht simpler und gelungen gegenwartskritischer Plot. So ein Buch würde ich auch gerne schreiben!