Der Überfall der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1200 Menschen ermordet und etwa 5000 weitere schwer verletzt wurden, war das brutalste antisemitische Pogrom seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf den Straßen der westlichen Welt wurde das Massaker, das der Zivilbevölkerung gegolten hatte, bisweilen unverhohlen bejubelt. Damit markiert dieses Datum auch eine Zäsur für die Debatten um Antizionismus und Identitätspolitik, denn das „progressive“ Milieu, das unentwegt einen antirassistischen Anspruch einfordert, beschweigt nicht nur die Motive hinter dem Massenmord, sondern akzeptiert die unmittelbare Aufforderung zur Zerstörung des jüdischen Staates. An Demonstrationsaufrufen wie „Queers for Palestine“ zeigt sich, dass der antiisraelische Konsens mittlerweile nicht mehr nur die Queer Theory, sondern weite Teile der Universitäten und des Kulturbetriebs dominiert. Dieser Sammelband führt erste Analysen zum Terrorangriff und den Folgen zusammen.
Mit Beiträgen von Ruşen Timur Aksak, Tamar Aphek, Soma M. Assad, Güner Balcı, Alessandro Barberi, Camila Bassi, Marco Antonio Cristalli, Niels Betori Diehl, Ioannis Dimopulos, Chantalle El Helou, Faika El-Nagashi, Emrah Erken, Cem Erkisi, Kirill Grebenyuk, Arash Guitoo, Anastasia Iosseliani, Žarko Janković, Fatma Keser, Aras-Nathan Keul, Sama Maani, Roni Fantanesh Malkai, Peshraw Mohammed, Armin Navabi, Ahmad A. Omeirate, Arye Sharuz Shalicar, Veronica Szimpla, Ali Ertan Toprak, Miro Verdel, Vojin Saša Vukadinović und Kathy Zarnegin.
In den Beiträgen zeigt sich das gesamte Ausmaß des Antizionismus und Antisemitismus in den Geisteswissenschaften, wo Identitätspolitik das vorherrschende Dogma ist. Wie so oft in einem Sammelband, schwankt die Qualität der Beiträge aber erheblich. Neben der großen Bandbreite an Themen vertreten auch die Autoren sehr unterschiedliche Positionen. Neben vereinzelten klugen ideologiekritischen Auseinandersetzungen mit postmoderner Ideologie gibt es auch Beiträge, in denen zwar Identitätspolitik zurecht kritisiert wird, aber nur, um ihr im Gegenzug liberale, demokratische Werte gegenüberzustellen, die sich kaum noch kritisch mit dem Bestehenden auseinandersetzen. Es wird etwa der Antisemitismus in Gewerkschaften kritisiert, aber nur weil diese staatstragend auftreten sollen und dies durch den Antisemitismus gefährdet sei. So wird sich auch affirmativ auf „progressive Versuche, den Staat positiv als Befreiungsinstrument zu begreifen“ und den Versuch, Heimat positiv zu besetzen, bezogen.
Die Kritik an Identitätspolitik erfolgt nicht im Sinne materialistischer Aufklärung. Durch große Teile des Buches erstrecken sich Begriffe von Freiheit und Aufklärung, die beide im Westen bereits verwirklicht seien. Zwar ist das verbunden mit einer notwendigen Kritik an denen, die sich in anti-westlicher Manier selbst gegen dieses Mindestmaß an Freiheit und Aufklärung wenden, aber eine Reflexion auf die Dialektik von Freiheit und Aufklärung fehlt. Stattdessen verfallen manche Beiträge in ein Loblied auf Freiheit und Demokratie in westlichen Gesellschaften.
Polemik kann die treffendste Form sein, sich mit einem Gegenstand auseinanderzusetzen, sie muss aber auch gelernt sein. Wenn man etwa die Polemiken wie die der Initiative Sozialistisches Forum gewöhnt ist, wirkt die in diesem Sammelband vorgetragene Polemik sehr plump. Das wird schon im Geleitwort von Güner Balcı deutlich, wenn Queers und Hipster für ihren egozentrischen Lifestyle kritisiert werden und als „verstrahlte, gepamperte Großstadtkinder“ mit einer „von Ideologie zerfressenen linken Hirnstube“ bezeichnet werden. Ähnliches findet sich auch im Beitrag von Anastasia Iosseliani mit dem Verweis auf die „modische Selbstinszenierung mit Instagram-Profilen und Hipsterfrisuren“. Dort geht es nur noch um die Kritik an der oberflächlichen Erscheinung, die gegen Personen gerichtet ist und nicht mehr um eine Kritik der verbreiteten Ideologie.
Positiv hervorheben möchte ich den sehr guten Beitrag von Kirill Grebenyuk, der sich kritisch mit den Rollen von Abdul Kader Chahin, Khola Maryam Hübsch, Tarek Baé und Malcolm Ohanwe in der Öffentlichkeit auseinandersetzt. Erhellend war es auch von Emrah Erken, einem ehemaligen Studenten von Jean Ziegler, zu erfahren, wie Ziegler Islamisten hofierte und mit ihnen kooperierte - jemand, der mir bislang vor allem als Globalisierungskritiker bekannt war. Kritisiert wurde dazu seine „kommunistische und linksradikale Propaganda“, aber nicht, inwiefern er damit falsch liegt - das erscheint vielmehr nach einer generellen Aversion gegen kritische Gesellschaftstheorie.
Am gelungensten ist für mich der Beitrag von Chantalle El Helou, die sich die postmoderne Schwurbelei in Butlers Werken angetan und ernstgenommen hat und zeigt, dass Butlers Antizionismus die folgerichtige Konsequenz ihrer Geschlechtertheorie ist. Niels Betori Diehl übt treffende Kritik an politisierter Kunst, aber zieht die kritische Theorie heran, um sie für eine Apologie des Bestehenden zu Nutzen. Der Verweis auf das gleiche Horkheimer-Zitat zu konservativer kritische Theorie wird später durch Ioannis Dimopulos im sehr lesenswerten Gespräch mit dem Herausgeber Vojin Saša Vukadinović nochmal anders und nachvollziehbarer gefasst.
Sehr gut gelungen ist auch der Beitrag von Arash Guitoo, der die These der imperialistisch auferlegten Homophobie in der muslimische Welt durch den Westen widerlegt, die gerne von identitätspolitisch bewegten Kulturrelativisten angeführt wird. Im gleichen Beitrag erfährt man auch etwas zur Entwicklung der Geisteswissenschaften und dem Vormarsch sozialkonstruktivistischer Ideologie. Für mich persönlich war auch der Beitrag der Humangeographin Camila Bassi als jemand, der selbst Humangeographie studiert hat und sehr gut nachvollziehen kann, weshalb man mit den Vertretern des eigenen Feldes fremdelt und wieso man mit ihnen nichts zu tun haben möchte, spannend zu lesen.
A very good anthology with various contributions on the national and international reactions to the Hamas massacre on October 7, 2023 and the rise of anti-Semitism worldwide. Highly recommended reading.
Vermutlich das beste Buch zum 7. Oktober und gleichzeitigen Versagen der Linken. Oder kennt ihr bessere? Mittlerweile gibt es ja schon gut 40 Bücher zum 7. Oktober..